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Als Vlach-Roma bezeichnet man jene Gruppen,
deren
Romani-Varianten eine starke walachische d.h. rumänische Prägung
aufweisen. Zurückzuführen ist diese sprachliche Beeinflussung auf die
jahrhundertlange Leibeigenschaft und Versklavung der Roma in den Fürstentümern
Moldau und Walachei, die zusammen mit Transsilvanien das Kerngebiet des
heutigen Rumänien bilden. Zu den bekanntesten Vertretern der Vlach-Roma, die heute weltweit verbreitet sind, gehören die
Kalderaš (Kesselschmiede, Kupferschmiede) und die Lovara (Pferdehändler). [
Subgruppen der Roma]
Die ersten Roma-Gruppen kamen Mitte des 14. Jahrhunderts, angezogen
vom damaligen Reichtum der rumänischen Fürstentümer, aus Kleinasien in die Fürstentümer Moldau und Walachei. Ian Hancock zufolge datiert die erste urkundliche
Erwähnung auf die Jahre der Regentschaft Rudolfs IV und Stefan Dushans
(1331-1355). Als Anbieter von Nischenberufen galten sie vorerst als
wirtschaftlich begehrte Gruppe, wenngleich sie bereits auf der untersten Stufe
der sozialen Hierarchie standen. Die Eroberung der Fürstentümer durch die
Osmanen veränderte die wirtschaftliche und politische Lage jedoch schlagartig.
Die nunmehr tributpflichtig gewordenen Fürsten und Klöster belegten die noch
freien Bauern mit immer höheren Steuern und zwangen sie somit in eine immer
größere ökonomische Abhängigkeit, die schließlich in Schuldknechtschaft und
Leibeigenschaft endete. Unter Leibeigenschaft versteht man die persönliche und wirtschaftliche Abhängigkeit eines Leibeigenen von seinem Grundherren. Leibeigene waren ohne Besitz an Land und Hof, ihren Herren zu Diensten verpflichtet und an dessen Besitz gebunden.
Für die Roma war eine besondere Rolle vorgesehen: Bis auf wenige
Ausnahmen wurden jene Roma, die nicht in Leibeigenschaft gerieten, zu
"robi" (Unfreien bzw. Sklaven) erklärt.
"Robi" waren nicht an Grund und Boden, sondern
ausschließlich an die Person des Grundbesitzers gebunden. Sklaven waren Eigentum ihrer Herren. Hinzugefügt werden
muss, dass die Sklaverei in der Walachei bereits Ende des 14. Jahrhunderts
eingeführt wurde. Das 1359 gegründete Fürstentum Moldau, das auch die Bukowina
und Bessarabien umfasste, wurde, 120 Jahre später als die Walachei, 1513 dem
Osmanischen Reich gegenüber tributpflichtig. Ab diesem Zeitpunkt bedienten sich
die Herrscher derselben Praxis wie in der Walachei. Im ungarischen, von 1542
bis 1699 autonomen (unter türkischer Oberhoheit) und ab 1699
österreich-ungarischen Fürstentum Transsilvanien erreichte die Leibeigenschaft bzw. Versklavung nie diese Ausprägung und wurde Ende des 17. Jahrhunderts ganz abgeschafft. [Ankunft in Europa]
Nach ihren jeweiligen Dienstherren unterschied man drei Gruppen von
Roma-Sklaven:
- "Ţigani" bzw. "Robi
domneşti" ("Zigeuner bzw. Unfreie der
Krone")
- "Ţigani" bzw. "Robi
boiereşti" ("Zigeuner bzw. Unfreie der Bojaren bzw.
Großgrundbesitzer")
- "Ţigani" bzw. "Robi
manaştiresti" ("Zigeuner bzw. Unfreie der
Klöster")
Die unterschiedlichen Bedingungen der Sklaverei bzw.
Leibeigenschaft, mit denen die jeweiligen Gruppen konfrontiert waren,
veränderten die homogene Soziostruktur der Roma. Während die
"Ţigani" bzw. "Robi domneşti" als
wandergewerbetreibende Handwerker (Kalderaš, Lingurari,
Aurari [Goldgräber bzw. -wascher]) noch ein gewisses Maß
an persönlicher Freiheit für sich in Anspruch nehmen konnten, was dazu führte,
dass sie ihre Kultur und Sprache weitgehend bewahren konnten, waren die
"Ţigani" bzw. "Robi boiereşti",
"Ţigani" bzw. "Robi manaştiresti" als
Hausangestellte oder Landarbeiter zur Sesshaftigkeit gezwungen und somit am
stärksten der Willkür ihrer Besitzer ausgeliefert. Sie wurden auch als
"Ţigani vatraşii" ("Gemeinde-Zigeuner")
bezeichnet und konnten, aufgrund ihrer permanenten
"Verfügbarkeit", nach Belieben ausgesondert, bestraft und
verkauft werden. Dem rumänischen Schriftsteller Mihail Kogalniceanu zufolge
stellten sie die größte Gruppe der insgesamt ca. 200.000 Roma-Sklaven dar.
Alle Roma-Gruppen waren jedoch gleichermaßen Opfer einer
Herrschaftsform, die ihnen ihre Menschenrechte nicht nur einschränkte, sondern
gänzlich entzog. Man sprach "den dunkelhäutigen Fremden" das
Menschsein ab: Roma wurden als
"minderwertige Kreaturen" betrachtet, die
"Sklaven werden wollten, weil sie das erhob, zwar nicht
auf die Stufe des Menschen, aber doch auf die gleiche Ebene mit guten,
arbeitenden Haustieren".
Zum einen schufen Rassismen dieser Art die Legitimation für die
totale Verknechtung hunderttausender Menschen. Andererseits war das Bürgerrecht in den rumänischen Fürstentümern an Landbesitz gekoppelt; betroffen davon waren
sowohl landlose Bauern als auch Roma.
Die Begriffe "Ţigani" und
"Robi" waren austauschbar, sie bezeichneten eine bestimmte
soziale Klasse. Roma waren von Geburt an Sklaven, es war ihnen untersagt,
Verbindungen mit "freien" Personen einzugehen, und
Eheschließungen zwischen den Sklaven durften nur dann erfolgen, wenn eine
Bewilligung des jeweiligen Besitzers vorlag. Das Spektrum körperlicher Gewalt
reichte von der Prügelstrafe über Folter bis zur Todesstrafe. Mihail Kogalniceanu war in seiner Kindheit und Jugend Zeuge der Lebensbedingungen der
in Sklaverei lebenden Roma.
Kogalniceanu war es auch, der einen wesentlichen Beitrag zur
Aufhebung der Sklaverei und Leibeigenschaft in den Fürstentümern Moldau und
Walachei leistete. Er rief 1844 eine Kampagne zur Befreiung sämtlicher Roma ins
Leben und veröffentlichte im gleichen Jahr den Artikel
"Desrobirea Ţiganilor" ("Die Befreiung der Zigeuner"). Die veränderten
politischen Rahmenbedingungen kamen seiner Forderung zu Hilfe. Im
"Frieden von Adrianopel" 1829 zwischen der Türkei
und Russland wurden die rumänischen Fürstentümer der russischen Oberhoheit
unterstellt. Während sich der türkische Einfluss zunehmend verringerte, ließen
sich immer mehr rumänische Intellektuelle von den Errungenschaften der
Französischen Revolution inspirieren. Die Idee der Menschenrechte hielt Einzug
in die Alltagspolitik und ließ ein politisches Klima entstehen, das die
Voraussetzungen für die Aufhebung der Sklaverei schuf.
Als erster Schritt wurde das direkte Ausbeutungssystem durch ein
Arbeitsvertragsystem mit Lohnarbeit ersetzt. 1844 wurden jene Roma in die
Freiheit entlassen, die der Kirche oder dem Staat unterstanden. Vier Jahre später
beschloss die provisorische Regierung die Freilassung aller Roma. Es benötigte
jedoch noch weitere 12 Jahre, bis die Bojaren (Großgrundbesitzer) diesem Gesetz
ihre Zustimmung gaben. 1856 konnten die ein halbes Jahrtausend währende
Sklaverei und Leibeigenschaft endgültig für beendet erklärt werden.
"Die zweite große Wanderung"
Tausende Roma nützten die neu gewonnene Freiheit, die rumänischen
Fürstentümer auf schnellstem Wege zu verlassen. Eine Migrationbewegung, die als
die "zweite große Wanderung" bezeichnet wird, war die Folge.
Sie fand nicht in Form einer Massenwanderung statt, sondern in kleineren,
beweglicheren Gruppen, die jeweils zu einer Sippe (vitsa
bzw. tserha) oder Wirtschaftsgemeinschaft (kumpania) gehörten. [Traditionelle Sozialstruktur] Auf der Suche nach einträglichen
Lebensbedingungen, verbreiteten sich die Vlach-Roma
nicht nur über den gesamten europäischen Kontinent, sondern zogen bis nach
Nord- und Südamerika, Südafrika und Australien. Einigen Roma-Gruppen dürfte es
auch gelungen sein, den rumänischen Raum bereits vor Aufhebung der Sklaverei
verlassen zu haben.
Hinzugefügt werden sollte, dass die vielfach kolportierte Zahl von
200.000 Roma-Migranten eindeutig zu hoch gegriffen ist. Sie beruht vermutlich
auf der Annahme, die Roma hätten lediglich aufgrund der Sklaverei ihrem
"angeborenen Wandertrieb" nicht Folge leisten können. Welche
politische Dimension und Kontinuität dieser Mythos in sich birgt, wurde in der
medialen und parteipolitischen Diskussion nach der Beendigung des
Ceaucescu-Regimes offenkundig. Problemlos konnte die Gefahr einer neuen
"Zigeunerinvasion" propagiert und politisch
instrumentalisiert werden.
Trotz der Aufhebung der Leibeigenschaft und Sklaverei blieben
ökonomische Abhängigkeiten bestehen. Sie erhöhten sich sogar insofern, als Roma
1856 steuerpflichtig wurden. Genaue Zahlen sind nicht eruierbar, Berichte
weisen jedoch darauf hin, dass ein Großteil der im damaligen Rumänien lebenden
Roma weiterhin an ihre ehemaligen Besitzer und nunmehrigen Arbeitgeber gebunden
waren.
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Literatur
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Fonseca, Isabell (1996) Begrabt mich aufrecht. Auf den Spuren der Zigeuner, München. |
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Fraser, Angus (1992) The Gypsies. Oxford. |
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Hancock, Ian (1987) Gypsy Slavery and Persecution. New York. |
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Hancock, Ian (1987) The Pariah Syndrome. An Account of Gypsy Slavery and Persecution, Ann Arbor. |
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Heinschink, Mozes F. / Hemetek, Ursula (eds.) (1994) Roma. Das unbekannte Volk. Schicksal und Kultur, Wien. |
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Kogalniceanu, Mihail (1837) Esquisse sur l'histoire, les moeurs et la langue des Cigains. Berlin. |
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Remmel, Franz (1993) Die Roma Rumäniens. Volk ohne Hinterland, Wien. |
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Schindegger, Florian (1997) Lebensweise von Zigeunern in Wien am Beispiel der Festtradition der Kalderaš. Wien. |
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Vossen, Rüdiger (1983) Zigeuner. Roma, Sinti, Gitanos, Gypsies zwischen Verfolgung und Romantisierung, Hamburg. |
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Wippermann, Wolfgang (1997) Wie die Zigeuner. Antisemitismus und Antiziganismus im Vergleich, Berlin. |
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