English | Deutsch
LINGUISTIK    UNTERRICHT   ROMANI CLUSTER    PUBLIKATIONEN   


    ROMANO CENTRO

ROMANO CENTRO Nr. 35, 12/2001


< zurück | Romani

Rumänien

Rumänien ist nicht nur das Land in dem auch in Relation auf die Gesamtbevölkerung die meisten Roma auf der Welt leben, das Land hat diesmal auch den Vorsitz der "Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa" (OSZE) übernommen und im September zu einer Konferenz über Roma nach Bukarest geladen. Wie überall bekannten sich anlässlich der letzten Volkszählung 1992 nur wenige Roma zu ihrer Ethnie, seriöse Schätzungen der tatsächlichen Anzahl der Roma im Lande bewegen sich zwischen 1.8 und 2.5 Millionen. Die sozialen Unterschiede innerhalb der Romagesellschaft sind groß, die weit überwiegende Anzahl aber lebt heute am oder unter dem Existenzminimum.

Afara cu tiganii din RomaniaNie in der Geschichte ist es den Roma im Lande gut gegangen, im Osten waren sie bis ins späte 19 Jahrhundert Sklaven der Gutsherren, die sie kaufen und verkauften. Sie blieben aber auch nach ihrer Befreiung "Fremde" in der Gesellschaft. Während der Regierung von Ion Antonescu, der behauptete Roma seien nicht besser als "Mäuse, Ratten und Krähen" wurden viele Roma nach Transnistrien deportiert, viele überlebten den Transport nicht. Während des Kommunismus wurden ihnen dann Sitten, traditionelle Feste, Kleider und Lebensweise verboten. Gezwungen zu ungewohnter Hilfsarbeit, hatten sie jedoch Einkommen und durften nicht offen verfolgt werden. Nach dem blutigen Ende des Ceaucescu Regimes brach eine neue Welle der Gewalt aus. Dörfer wurden niedergebrannt, Roma verjagt und in die Wälder getrieben. Diese Progrome wurden auf der ganzen Welt mit Entsetzen registriert und haben dem Ruf Rumäniens so sehr geschadet, daß sie um 1993 schliesslich verboten wurden. Die Stimmung gegen die Roma aber hat sich seither nicht gebessert.

Die letzte Nachricht, die uns erreicht hat, kam aus Piatra Neamt. Der dortige Bürgermeister kündigte Anfang Oktober an er wolle 2000 Roma und Strassenkinder in einem Ghetto mit eigener Infrastruktur unterbringen, das er mit einem Stacheldraht umgeben und von der Polizei bewachen lassen wolle. Gheorghe Ivan, Regierungsvertreter für Roma nannte den Plan eine typische Nazi-Aktion, Vasile Dancu, Minister für öffentliche Information hielt ihn für inakzeptabel, betonte aber der Bürgermeister habe gute Absichten gehabt, er habe den Roma Sozialwohnungen verschaffen wollen, und nur die falschen Worte gewählt. Eine Delegation von "Romani Criss" begab sich nach Piatra Neamt, machte konstruktive Vorschläge und schliesslich verurteilte auch Ministerpräsident Adrian Nastase das Vorhaben. Der Bürgermeister dürfte nun seine Pläne ändern. Das ist immerhin ein Zeichen dafür, daß sich Rumänien der Verantwortung für seine Roma Staatsbürger langsam bewusst wird. Zu tun bleibt freilich sehr sehr viel.

Die rumänische Verfassung garantiert an sich allen Bürgern gleiche Rechte und Freiheiten, die in den Gesetzen festgelegt sind, darüber hinaus hat die Regierung am 23. April 2001 eine Strategie zur Verbesserung der Lage der Roma entworfen. Sie wurde am 25. April bestätigt und bei der Konferenz der OSZE im September präsentiert. Das Dokument enthält viele positive Aspekte, was aber fehlt sind konkrete Durchführungsbestimmungen. Die Gefahr ist denn auch groß, daß es bei guten Vorsätzen bleibt. Die Regierung nimmt zum Beispiel die Segregation im Schulwesen überhaupt nicht zur Kenntnis, daher werden in dem Dokument auch keine Gegenmaßnahmen vorgeschlagen.

Tatsächlich werden aber viele Romakinder mit fadenscheiniger Begründung sogar vom Schulbesuch ausgeschlossen. Schaffen sie aufgenommen zu werden, werden sie oft in eigene Schulen oder Klassenzimmer verbannt, die schlecht mit Unterrichtsmaterial ausgestattet sind. Laut einer von der Regierung geförderten Studie 1998 besuchten überhaupt nur die Hälfte der Roma Kinder zwischen 7 und 10 Jahren regelmäßig die Schule. Sprechen sie zu Hause Romanes sollten sie vor der Schule Kindergärten besuchen, deren Besuch aber bezahlt werden muss und das können sich die meisten Roma nicht leisten. In einem konkreten Fall, in dem die Schulbehörden viele Romakinder nicht akzeptiert hatten, wollte eine Gruppe von 25 Roma, zwischen 10 und 25 Jahren alt, lesen und schreiben lernen. Das Unterrichtsministerium lehnte das Ansuchen der internationalen Organisation "Medecins sans Frontière" um eine Klasse für sie mit der Begründung ab, daß Schulbesuch nach 16 Jahren nicht verpflichtend sei. Die Schuld für diese Misstände wird oft den Romafamilien in die Schuhe geschoben, uns scheint jedoch verständlich, daß Romja ihre Kinder tatsächlich oft lieber zu Hause lassen, hört man wie sie in der Schulen von Kindern und Lehrern diskriminiert und oft auch physisch misshandelt werden.

Auch in Geschäften und Restaurants wird Roma oft der Zutritt verwehrt und bei Arbeitsangeboten werden immer wieder auch schriftlich Roma ausdrücklich ausgeschlossen. Roma Aktivisten schätzen, daß 65 bis 75% der Roma keine Arbeit haben, wohingegen die nationale Arbeitslosenraten bei nur 12.2% liegt. Nicht nur in Hadareni, Bezirk Mures, wurden 1993 im Rahmen eines regelrechten Pogroms nicht nur 14 Häuser niedergebrannt und weitere 5 demoliert, sondern auch 3 Roma getötet und alle anderen verjagt. Die Roma klagten mit Unterstützung von APADO (Lawyer's association for the Defence of Human Rights). Der Prozess dauerte Jahre, keiner der verurteilten Mörder sitzt im Gefängnis und die Zivilklage wegen der zerstörten Häuser ist bis heute nicht entschieden.

Karl Kaser
jugo-istočno historijaći sekcija kataj Univerziteta Graz

In der Regel werden Roma für alle rassistischen Attacken selbst verantwortlich gemacht. Kein Wunder, daß Roma nur selten wagen, sich überhaupt an die Gerichte zu wenden.

Photo: E redakcija

ROMANO CENTRO Nr. 35, 12/2001


ROMANO CENTRO

2001
2000
1999
1998
1997
1996
1995
1994
1993



Seitenanfang

Letzte Änderung am 06/01/07