|
<
zurück | Romani
Roma erforschen
von Karl Kaser
Seit Jahren setze ich mich mit den Roma und ihren Problemen in Österreich und im südöstlichen Europa auseinander, und dies in dreifacher Weise: als Bürger der Stadt Graz, die eine sogenannte "Bettlerverordnung" zum Schutz der einheimischen Bürger vor den "aggressiven" Roma-Bettlern erließ; als politischer Aktivist der Grünen, denen eine bessere Welt für alle Menschen und nicht nur für die "unsrigen" ein zentrales Anliegen ist. Am intensivsten allerdings bin ich dem Leben der Roma in Vergangenheit und Gegenwart als Historiker, dessen Forschungsgebiet das südöstliche Europa darstellt, ausgesetzt. Diese Region bildet seit Jahrhunderten die (neue) Heimat und das dichteste Verbreitungsgebiet der Roma in Europa; hier leben sie unter den unterschiedlichsten Bezeichnungen, gehören unterschiedlichen Religionen an, sind unterschiedlichen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen ausgesetzt, erfüllen unterschiedliche gesellschaftliche Funktionen und haben in unterschiedlicher Weise kulturelle Elemente mit den mit ihnen zusammenlebenden Ethnien ausgetauscht.
Ich möchte mich hier mit dieser dritten Rolle, nämlich der des Forschenden und Lehrenden, auseinandersetzen. Es stellt sich die Frage, was die Abteilung für Südosteuropäische Geschichte an der Universität Graz, der ich vorstehe, zur Erforschung der Roma zu leisten imstande ist, was ihr in der Lehre möglich ist; und wie weit eine solche Institution für die öffentliche Meinungsbildung und die Konstruktion bestimmter Bilder über die Roma in der Öffentlichkeit Verantwortung trägt.
Im Rahmen einer geschichtswissenschaftlichen Ausbildung, auch wenn sie sich auf das südöstliche Europa konzentriert, erhält man üblicherweise keine roma-wissenschaftliche Ausbildung. Dies ist bedauerlich, gleichzeitig jedoch auch verständlich, denn in dieser europäischen Region mit ihren vielen Sprachen, Nationen und Religionen ist es schon schwierig genug, sich einen soliden Überblick selbst über die Mehrheitsvölker zu erarbeiten. Studierenden wird man als Professor in der Regel kein Roma-Thema für Diplomarbeiten und Dissertationen zuweisen, denn zu groß ist die Gefahr des Scheiterns, da über weite Forschungsbereiche ein nur vage gesicherter Forschungsstand besteht. Sich einen Weg durch den Dschungel an sich widersprechenden Theorien und Hypothesen zu bahnen, bedarf es großer Erfahrung. Das schwierigste Problem ist wohl, daß es für Nicht-Roma äußerst schwierig ist, in die Lebenssphären der Roma einzutauchen. Diese Schwierigkeit besteht objektiv; sie hat mit der Geschichte der Roma genauso zu tun wie mit den über Jahrhunderte akkumulierten Erfahrungen in den Beziehungen zwischen Roma und Nicht-Roma. So stellt sich die Frage, ob es nicht sinnvoller wäre, die Roma-Forschung den Roma selbst zu überlassen. Dies jedoch wäre aus mehreren Gründen bedenklich und in der Praxis nicht sinnvoll. Also bleibt nur der Weg der vielfach spannungsreichen Auseinandersetzung von Roma und außenstehenden Forscherinnen und Forschern. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass sich in der letzten Zeit die Zahl an ausgezeichneten wissenschaftlichen Roma-Arbeiten erhöht hat. Dies ist ein ermunterndes Zeichen.
Anders stellt sich die Lage im Bereich der Lehre über die Geschichte und Gegenwart der Roma dar. Die erwähnte zunehmende Zahl an guten Studien versetzt uns als Lehrende stärker in die Lage, Roma-Themen in unseren Lehrbetrieb zu integrieren. Möglichkeiten dafür bieten sich zur Genüge. Insbesondere bieten sich Lehrveranstaltungen beispielsweise über Identitätsfragen, die Alltagsgeschichte, den Geschlechterbeziehungen oder in Hinblick auf die Integrationspolitik des Osmanischen Reichs, aber auch auf die Vernichtungsmaschinerie Nazi-Deutschlands dafür an. Beobachtungen an meinem Institut bzw. meiner Fakultät lassen mich zu dem Schluss kommen, dass Roma-Themen verstärkt in die Lehre aufgenommen werden. Es besteht allerdings kein Grund, mit dem bislang Erreichten zufrieden zu sein.
In der Frage der Meinungsbildung bzw. der Konstruktion bestimmter Roma-Bilder in der Öffentlichkeit ist großes Verantwortungsbewusstsein und Sensibilität angebracht. Eine unter meiner Betreuung in den letzten Jahren entstandene Dissertationsarbeit zeigt, in welchen historischen Kontexten - die vielfach weit zurückliegen - bereits die Konturen des heute noch herrschenden "Zigeuner" - Bildes gezeichnet wurden. Sie zeigt aber auch klar, daß es auch außerwissenschaftliche Interessen waren, die forschungsleitend waren. Ich sehe es als unsere genuine Aufgabe an, gegen Stereotypen und Vorurteile, die über Jahrhunderte zur Legitimation sozialer Ausgrenzung und rassistischer Verfolgung der Roma dienten, öffentlich das Wort zu erheben. Die Wissenschaft hat in der Vergangenheit ein ideologisch motiviertes und daher unscharfes Roma-Bild konstruiert, unsere Aufgabe heute ist es, solche Konstruktionen kritisch zu hinterfragen.
Karl Kaser
Abt. Südosteuropäische Geschichte an der Universität in Graz
Wir freuen uns über einen nachdenklichen Professor, der sich der großen Verantwortung der Wissenschaftler bewußt ist.
Photos: R. Erich, B. Karapanteva
ROMANO CENTRO Nr. 35, 12/2001
|
|
 |
ROMANO CENTRO
2001
2000
1999
1998
1997
1996
1995
1994
1993
|
|