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ROMANO CENTRO Nr. 34, 09/2001


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Vorbildliche Europäer

von Karl-Markus Gauß

Die Situation der Roma ist nirgendwo in Europa zufriedenstellend. Zählt man auf, wo und wodurch sie benachteiligt werden, muss man eine lange Liste erstellen. Doch darin, immer nur zu beklagen, dass es ihnen schlecht geht, ihre Zukunft unsicher ist, die Vorurteile ihnen gegenüber schier unüberwindlich scheinen, liegt auch eine Gefahr. Und ein Unrecht. Denn man kann eine Gruppe von Menschen nicht würdigen, wenn man sie nur als Opfer sieht und sie nur ins Blickfeld unserer Aufmerksamkeit gerät, insoferne ihr Unrecht widerfährt. Die Roma zu würdigen, heißt nicht nur zu beklagen, dass sie benachteiligt werden, sondern auch zu erkennen, worin der Reichtum dieser Gruppe besteht, und anzuerkennen, dass sie in manchem den anderen Europäern durchaus voraus ist.

Foto: JevremovićSieht man sich das Vereinte Europa mitsamt seinen in den Sonntagspredigten gerne beschworenen "europäischen Werten" einmal genauer an, wird man etwas Eigenartiges bemerken. Die neuen Europäer, die nicht in nationalen Kategorien, sondern grenzüberschreitend denken, die es sich nicht im Dünkel des eigenen Winkels gemütlich machen, sondern ins Freie, Offene zielen, es gibt sie schon. Die neuen Europäer sind uralte Europäer. Die Roma sind ja immerhin schon seit gut 600 Jahren Europäer, und ausgerechnet sie, die heute noch überall an den Rand gedrängt leben, verkörpern auf existentielle Weise schon seit langem, was den neuen Europäern von morgen abverlangt wird. Sie haben es nämlich längst gelernt, sich ohne die Sicherheiten eines eigenen Nationalstaates zurecht zu finden. Den Deutschen oder Franzosen, die es gewohnt waren, auf das mächtige deutsche oder französische Vaterland zu vertrauen, steht dies noch bevor. Und wie man sieht, haben sie damit ihre großen Probleme. Der Verlust nationalstaatlicher Kompetenzen und Sicherheiten hat denn auch überall in Europa atavistische, gefährliche Ängste geweckt; sie zu bannen, versprechen jene politischen Hasardeure, die mit autoritären Zwangsvorstellungen an die Macht zu gelangen hoffen.

Zu den Ängsten, die das Europa der Union in unzähligen Europäern weckt, gehört auch die bange Frage, ob sich Deutsche, Spanier, Dänen, Griechen... ihre nationalen Traditionen und Kulturen in einem übernational konzipierten Staat werden bewahren können; allgemein wird ein rasanter Verlust an kultureller Identität befürchtet, wenn der gemeinsame Staat den alten Nationen erst eine gemeinsame Währung, Außenpolitik, Wirtschaft, Justiz zumuten wird. In dieser Situation könnten die um ihre nationale Identität besorgten diversen Europäer von den Roma einiges lernen.

Die Roma sind seit jeher eine Gemeinschaft ohne Staat gewesen, ohne gemeinsame Staatsbürgerschaft, ohne nationale Mythen und nationale Identität, ohne vereinigende Kirche, mit einer dialektal vielfach aufgesplitterten Sprache - und dennoch, sie haben es wider alle Drangsal geschafft, sich selbst weiterhin als Gruppe zu identifizieren. Recht besehen, mutet das geradezu unbegreiflich an. Inmitten fremder, oft feindseliger Nationen lebend, vielerlei Einflüssen ausgesetzt, haben sie sich ihre kulturelle Einheit zu bewahren gewusst. Das macht sie zu nachgerade vorbildlichen Europäern der kommenden Zeit. Einzelnen Staaten zugewiesen, zielt die familiale Kultur der Roma über die Existenz der Einzelstaaten hinaus ins Europäische; die inneren und äußeren Grenzen, die zu überwinden die Europäische Union ihren Bürgern dringlich empfiehlt, haben die Roma immer schon als lästiges Hindernis erkannt, das es zu überwinden gilt. Geschäfte treibt man mittlerweile ja gerne transnational, und auch im Urlaub geht es weit hinaus und herum. Auch im Denken und Fühlen Europäer zu werden, damit haben die meisten Europäer der Union hingegen noch ihre Schwierigkeiten. Sie sollten sich ein Beispiel an den Roma nehmen. Weil sie Europa schon vorweggenommen haben, als sie dafür nur Missachtung und Verfolgung zu erleiden hatten, gebührt den Roma als ersten eine gemeineuropäische Staatsbürgerschaft, die sie berechtigen würde, die ihnen wesensfremden Staatsgrenzen gleich in welche Richtung zu überschreiten.

Karl-Markus Gauß, Schriftsteller und Herausgeber der Zeitschrift "Literatur und Kritik" in Salzburg

In der brandenburgischen Ortschaft Wildau in Deutschland haben Unbekannte am 30. Juli Feuer an einer Wohnwagensiedlung von Roma und Sinti gelegt (ZDF-Text, 30.07.01).

Foto: D. Jevremović

ROMANO CENTRO Nr. 34, 09/2001


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Letzte Änderung am 06/01/07