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ROMANO CENTRO Nr. 33, 06/2001


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Die Situation der Roma in Ungarn

von Renata M. Erich

Auf Grund brennender Probleme der Roma in jugoslawischen Krisengebieten insbesondere im Kosovo, wo Roma bis heute ihres Lebens nicht sicher sind, ist ihre Lage in Ungarn ausserhalb der Grenzen des Landes kaum in die breite Öffentlichkeit gelangt. Die Asylansuchen tschechischer und slowakischer Roma in Kanada, Finnland, Belgien, und England machten Schlagzeilen, Visapflichten wurden eingeführt, aufgehoben und teilweise wieder eingeführt, dass aber zum Beispiel in Kanada die zweitgrösste Einwanderungsgruppe aus Ungarn stammt, hat kaum Aufsehen erregt. Tatsächlich sollen in den letzten drei Jahren bereits 5772 ungarische Roma, die sich in ihrer Heimat verfolgt fühlten, dort um Asyl angesucht haben. In die Schlagzeilen geriet das Land aber erst nach dem Fall Zámoly. Aus diesem Ort waren die Roma, die in Strassburg um Asyl angesucht und teilweise bekommen haben. Sie waren mehrmals umgesiedelt und ausgestossen worden. Dezsö Csete, der Bürgermeister des nahen Dorfes Csor, stellte am 27. April 2000 im Fernsehen fest, " ich glaube derzeit, dass für die Roma von Zámoly kein Platz in der menschlichen Gesellschaft ist. Es ist wie in der Tierwelt, Parasiten müssen ausgestossen werden".

Photo: Helge LindauDass einigen dieser betroffenen Roma in Frankreich dann Asyl gewährt wurde, scheint uns nicht verwunderlich. Es sind aber keineswegs nur die Roma aus Zámoly, die heute in Ungarn so behandelt werden.
Am 9. Februar fand in der Romasiedlung von Bag eine Polizeiaktion, eine sogenannte Kontrollmaßnahme statt. 10-15 Familien wurden von etwa 20 Polizisten und 8 Bürgerwehrleuten, das sind freiwillige Helfer der Polizei, attackiert. Die Eltern wurden vor den Kindern geschlagen und erniedrigt. Sie mussten sich dafür entschuldigen, dass sie "Zigeuner" sind. Eine Frau erzählte, dass ihre Lebensmittel aus dem Kühlschrank auf die Straße geworfen und darauf gepisst wurde. Ein Junge musste ein Glas so lange in der Hand reiben bis es zerbrach. Auch er musste sich bei den Polizisten entschuldigen. Er erlitt schwere Verletzungen und musste vier Tage ins Krankenhaus. Die Aktion diente der Ergreifung eines Verbrechers, der auch gefasst worden sein soll. Die Roma hatten im Fernsehen von den Übergriffen berichtet, sodass jedermann darüber Bescheid wissen musste. Bei der Beschwerde aber verneinte der zuständige Ortspolizeipräsident, unterstützt von höchster Stelle, jeden Missbrauch, die betroffenen Roma wurden überhaupt nicht einvernommen.

Ungarn, eines der EU Beitrittskandidatenländer ist sehr interessiert daran die erforderlichen Menschenrechtskriterien zu erfüllen und hat in den letzten Jahren Gesetze beschlossen und internationale Vereinbarungen ratifiziert: Die ungarische Verfassung verbietet Diskriminierung, seit 1997 wurden verschiedene internationale und europäische Vereinbarungen über Minderheitenrechte ratifiziert einschließlich der Internationalen Konvention zur Beseitigung aller Arten von rassischer Diskriminierung und der Empfehlung 1201 der parlamentarischen Versammlung des Europarates. 1993 verabschiedete die ungarische Regierung ein Gesetz über die Rechte nationaler und ethnischer Minderheiten und 1995 wurde der erste Ombudsmann für nationale und ethnische Minderheiten bestellt, der Beschwerden untersuchen und Empfehlungen ausarbeiten soll.

Foto: Ives LerescheDazu kommt, dass Romamusik ein wichtiger Bestandteil der ungarischen Kultur und beliebte Exportschlager sind. Die besten Spieler ungarischer Musik und Unterhalter der hoch willkommenen Touristen sind Roma. Fühlt sich Ungarn deshalb so unschuldig? Jedenfalls ist damit dem Lande lange Zeit gelungen die wahren Zustände zuzudecken. Hinter der schönen Fassade aber gedeiht der Rassismus.
Es krankt an der Durchführung der Gesetze, die nicht genau formuliert sind. Polizisten wird ein großer Ermessensspielraum eingeräumt und ihre Übergriffe kaum geahndet. Die Geschichte, die jahrelange Benachteiligung der Roma, die zu eigenem Verhalten auf vielen Gebieten führen musste, wird nicht respektiert und Roma vorverurteilt nur weil sie Roma sind. Die Polizei fühlt sich und ist praktisch berechtigt Kriminalität zu bekämpfen, nicht nur ihr vorzubeugen und schuldig erscheint ihr die ganze Gemeinschaft der Roma.

Agnes Daróczi eine Roma-Aktivistin, die großen Einblick hat in die tatsächlichen Zustände, weiss zu berichten, dass 12% der Gadsche (Nichtroma) aber 70% der Roma - Bevölkerung arbeitslos ist. "Das sind Menschen, die jahrzehntelang auf dem selben Niveau gearbeitet haben. Wenn irgendwo eine Stelle frei ist, werden immer Gadsche den Roma vorgezogen. Nach dem ungarischen Regierungsprogramm soll jeder Bürger gerne im Lande leben können. Wie sollen das die Roma? Es fängt schon in der Schule an. Zum Beispiel haben die Kinder aller anderen Minderheiten in Ungarn Schulbücher über ihre eigene Kultur. Nicht so die Roma. Die Romakinder lernen meist nicht zusammen mit anderen Kindern, sondern in eigenen Romaklassen mit niedrigerem Niveau und schlecht gebildeten Lehrern, dann sind sie nicht qualifiziert weiter zu lernen. Englisch wird dort nicht unterrichtet und Computer gibt es auch keine" Auf diese Weise geht die Schere immer weiter auseinander.
Die Regierung aber entblödete sich nicht einen Rom auf Staatskosten mit der Aufgabe nach Kanada und Paris zu senden, der zu verbreiten hatte in Ungarn sei alles in bester Ordnung.

Auch wir wünschen Ungarn einen baldigen EU Beitritt - dazu erscheint uns gar nicht förderlich, dass die Probleme der mindestens 500 000 Roma unter den Teppich gekehrt werden.

Photo: Helge Lindau

ROMANO CENTRO Nr. 33, 06/2001


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Letzte Änderung am 06/01/07