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Das erste Mal in der Mühle
von Alija Krasnići
Auch an diesem Morgen wollte sich Zenelj heimlich fortschleichen und allein zur Mühle gehen. Als er sich dann aber anschickte zu gehen, belastete ihn doch die Bitte des sechsjährigen Ismet ihn mitzunehmen. Der Weg war lang, Ismet noch verschlafen und verträumt, blickte durch das Fenster seines Zimmers auf den mit Säcken beladenen Esel. Das zeigte ihm, daß ihn der Onkel nicht mitnehmen wollte. Als er vom Fenster aus dem Onkel mit heiserer Stimme nachrief, verließ dieser bereits den Hof und zog den beladenen Esel hinter sich her. "Onkel, ich lasse Dich nicht gehen ohne mich." rief Ismet bittend und noch barfuß. Durch die zerrissene Hose sah man seine kleinen Füße. Schnell wie der Wind lief er dem Onkel nach, umarmte ihn und flehte mitgenommen zu werden. Da schließlich umarmten sich beide und gingen ins Haus zurück. Ismet machte sich für den langen Weg fertig.
"Gut, meine Sonne, wie willst du aber die vielen Kilometer zu Fuß gehen? Der beladene Esel kann dich nicht tragen. Was wird dann aus uns werden? Entweder muß ich Dich zurückbringen oder dich auf halbem Weg zurücklassen und die Vögel und streunenden Hunde passen auf dich auf."
"Ich geh zu Fuß, Onkel! Ich weiß doch, daß du mich nicht den Vögeln überlässt!" Die Freude Ismets kannte keine Grenzen und der Onkel verstaute das Kind zwischen zwei Säcken und es hielt sich am Halfter fest. Vorsichtig arbeiteten sie sich durch Dornengebüsch. Die ganze Zeit über stellte Ismet irgendwelche Fragen an den Onkel: Über die riesigen Bäume, über die eingestürzte Brücke, über die Hausruinen, in denen die Hirten mit ihren Schafen bei Unwettern Unterstand finden. Er lauschte dem Zwitschern der Vögel, dem Rauschen des Wassers und von Ferne hörte er das Bellen von Hunden. Schritt für Schritt legten die müden Füße des Onkels Kilometer um Kilometer zurück. Der erschöpfte Esel trug den schläfrigen Ismet.
Viele beladene Wägen hatten sich schon bei der Mühle eingefunden als sie dort anlangten. Während Zenelj den Esel an einen ausgetrockneten Baum vor der Mühle festband, bewegte das heftig herabstürzende Wasser das riesige Mühlenrad.
"Ismet, mein Sohn, siehst du, das Wasser hat dich total angespritzt .... du wolltest nicht auf mich hören, aber du hättest zu Hause bleiben sollen!" mahnte Zenelj. Sofort entgegnete Ismet: "Ich danke Dir, daß du mich mitgenommen hast ... danke für all das Gute und die Freude, die du mir gemacht hast."
Während Zenelj, müde vom Gehen, die Säcke leerte, saß Ismet auf einem Stein neben dem schäumenden Wasser und betrachtete das Mühlrad, das unter der Last des Wassers knarrte.
Die Zeit verging schnell im Gespräch mit den Leuten, die darauf warteten, daß ihr Getreide gemahlen werde. Dann kam die Reihe an Zenelj das Getreide zu mahlen. Seine Blicke fielen auf den Buben, der sich mit einem Stück Brot und Käse in der Hand hingekauert hatte. Zenelj ging zu ihm, nahm in an der Hand und führte ihn in die Mühle. Ismet, ausser sich vor Freude, lief durch den ganzen Raum. Sein Onkel erklärte ihm wie der Mühlstein sich bewegt, wie Getreide zu Mehl gemahlen wird und zeigte ihm die Arbeit des Müllers. Staunend lauschte der Bub jedem einzelnen Wort des Onkels.
Dann lud Zenelj seine zwei Säcke auf, deckte sie mit Nylon zu und setzte den kleinen Izmet wieder so auf den Esel wie auf dem Weg von zu Hause.
Vor der Abenddämmerung erreichten sie wieder die Romasiedlung.
Alija Krasnići ist ein Rom aus dem Kosovo, er lebt heute in Kragujevac. Der begabte Dichter und Schriftsteller hat bereits über 40 Bücher in Romanes veröffentlicht. Die Geschichte ist dem Band "Prekal efta Plajina" entnommen..
Foto: R. Erich, Borjana Karapanteva
ROMANO CENTRO Nr. 32, 03/2001
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