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ROMANO CENTRO Nr. 32, 03/2001


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Jenseits des Balkan-Express

Am Anfang, wie so oft auf dem Balkan, ein Witz: Irgendwann, während der ersten Kriegstage in Bosnien und Herzegowina steht ein Rom an einer der zahllosen Barrikaden im Land und die davor stehenden Uniformierten bellen ihm die übliche Frage ins Gesicht: "Was ist Deine Nationalität?" Er antwortet, er sei Zigeuner, nur um noch einmal angeschrien zu werden: "Das haben wir Dich nicht gefragt. Ob du ein Serbe, ein Kroate, ein Moslem bist, wollen wir wissen!" "Nein, nein", antwortet der Rom, "das wäre sogar mir zuviel."
Die Gesellschaft spiegelt sich eben auch in ihrem Witz. Sie distanziert sich von dem, der sich nicht deklarieren konnte, der sich zwischen den Fronten fand als sich alle deklarieren mussten. In der Anekdote findet die Flucht in die Nostalgien einer verlorenen Zeit des Balkans statt, für welche die Roma stehen - ein Traumland aus grenzenloser Melancholie, Freiheit und Lebensfreude. Das Bild des mittellosen, musizierenden "cigani", der sich ohne Rücksicht auf die Welt um ihn herum mit anarchistischen (Über)Lebensstratgie durchschlägt, zieht sich durch die Alltagskultur des ehemaligen Jugoslawien wie ein roter Faden und hat den Roma des Balkan bis heute seinen Stempel aufgedrückt.

Vom Alltag der Roma in Bosnien und Herzegowina wie im gesamten ehemaligen Jugoslawien waren diese Klischees weit entfernt. Trotz der Tatsache, dass die Roma als nationale Minderheit anerkannt waren, fanden sie sich auch im kommunistischen Jugoslawien am Rand der Gesellschaft. Im besten Fall wurden sie als kulturelle Sensation präsentiert, ansonsten hielt man sie für Diebe, Luegner und Bettler. Wie viele Roma tatsächlich vor dem Krieg in Bosnien und Herzegowina lebten, darüber gibt es keine genauen Angaben. Nur wenige, etwa 9.000, bekannten sich im Zuge der Volkszählung im Jahr 1991 zu ihrer Herkunft. Schätzungen über die tatsächliche Zahl der Roma vor dem Krieg belaufen sich auf 30.000 bis 60.000, manche Roma-Organisationen sprechen sogar von 100.000.
Der Krieg,Vertreibungen und Flucht haben die traditionellen lokalen Gemeinschaften zerrissen. Ehemals stolze Roma-Siedlungen, wie im ostbosnischen Bjeljina, wo einst die reichste Roma-Siedlung im ganzen ehemaligen Jugoslawien lebte, aber auch Sarajewo, Tuzla, Vitez oder Visoko haben unter Exodus und Zerstörung gelitten.
Wohnungen und Häuser wurden okkupiert; in Bjeljina zogen sogar Ministerien und lokale Behörden in verlassene Roma-Häuser ein. Die Rückgabe des Eigentums wird durch fehlende Eigentumsnachweise erschwert und wurde von den lokalen Behörden lange Zeit verzögert. Das Jahr 2000 hat dennoch einen Durchbruch bei der Rückgabe von Wohnungen gebracht. Die Zahl der Rückkehrer hat sich nahezu verdoppelt. Die Tatsache, dass sich Roma-Initiativen immer öfter zu Wort melden, ihre Rechte einfordern wie alle anderen Bürger in Bosnien und Herzegowina stimmt positiv.

Doch die Versäumnisse der vergangenen Regierungen könnten nicht offensichtlicher sein. Die Roma in Bosnien und Herzegowina sehen sich fünf Jahre nach dem Ende des Krieges Diskriminierungen von allen Seiten ausgesetzt. Nur wenige ihrer Kinder besuchen tatsächlich eine Schule, die Arbeitslosigkeit unter Roma liegt weit über dem Durchschnitt von ohnehin bereits unterträglichen 40 Prozent. Viele versuchen sich und ihre Familien als Tagelöhner, Schwarzhändler oder Bettler über die Runden zu bringen. Auf politischer Ebene war den drei "Großen" (Bosniaken, Serben, Kroaten) die eigene Klientel wichtiger als für die Rechte der Minderheiten zu sorgen.
Die Entwicklungen des letzten Jahres - der Wahlsieg des nicht-nationalistischen Parteienbündnisses in Bosnien und Herzegowina, die Etablierung von demokratischen Regierungen in allen Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien - geben jedoch für die Roma Anlass zu einigem Optimismus. Sie haben, vielleicht früher als andere Bürger in Bosnien und Herzegowina, verstanden, dass die nationalistischen Parteien nicht die Interessen der Bürger vertreten. Zwar blieb nach einer Studie der OSZE die Wahlbeteiligung der Roma gering, die Stimmen wanderten jedoch zu den Sozialdemokraten, der wichtigsten deklarierten multiethnischen Partei Bosnien und Herzegowinas. Für die kommende Regierung unter der Führung der Sozialdemokraten wird dies eine besondere Verantwortung darstellen müssen.
Der Friedensvertrag von Dayton bietet die notwendigen Voraussetzungen dazu, in Bosnien und Herzegowina die Rechte aller Menschen zu garantieren. Entgegen anderen Staaten steht die Rahmenkonvention für den Schutz nationaler Minderheiten im Verfassungsrang, ihre Bestimmungen sind rechtlich durchsetzbar und verpflichten die Politiker zur Umsetzung dieser Rechte im Alltagsleben wirklich zu sorgen. Noch immer aber fehlt die formelle Anerkennung der Roma als nationale Minderheit auf staatlicher Ebene.

Anfang Februar wurden von mir in der Föderation und der Republika Srpska eigene Verfassungskommissionen eingerichtet, deren Aufgabe es unter anderem ist, die Rechte der Minderheiten zu schützen und in den Verfassungen der Entitäten Bosniens, den zwei Teilen des Staates, zu verankern. Auf meine persönliche Initiative wird mit Mehmed Suljic erstmals ein Roma-Vertreter an dieser maßgeblichen Stelle an der zukünftigen Gestaltung des Landes mitwirken. Gemeinsam mit OSZE, dem UNHCR, 11 Roma-NGOs, hat mein Büro darüber hinaus einen eigene Koordinationsgruppe eingerichtet, der sich der besonderen Situation der Roma widmet. Die EU hat im Rahmen des Stabilitätspaktes den Wiederaufbau für Roma in Bosnien und Herzegowina zu einem ihrer Schwerpunkte erklärt. UNHCR hat Rückkehrprojekte für Roma in Banja Luka, Doboj, Bijeljina, Vlasenica, Sokolac, Foca, Srbinje und Trebinje ausgearbeitet.
Der nachhaltige Erfolg des Staates von Bosnien und Herzegowina wird nicht allein daran zu messen sein, wie die drei Kriegsparteien ihre Zukunft gestalten. Die Roma waren und sind als gleichberechtigte Bürger, ein fester Bestandteil der bosnischen Gesellschaft.

Wolfgang Petritsch, Hoher Repräsentant der Internationalen Gemeinschaft in Bosnien und Herzegowina.

Die Entwicklungen des letzten Jahres geben Anlass zu einigem Optimismus für die Roma.

Foto: Claudia Heynen

ROMANO CENTRO Nr. 32, 03/2001


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Letzte Änderung am 06/01/07