English | Deutsch
LINGUISTIK    UNTERRICHT   ROMANI CLUSTER    PUBLIKATIONEN   


    ROMANO CENTRO

ROMANO CENTRO Nr. 31, 12/2000


< zurück | Romani

Roma in Italien

Bestürzung über "Campland". Der soeben erschienene Bericht des "European Roma Rights Center" über rassistische Ausgrenzung der Roma in Italien veranlaßt uns einen Auszug daraus in deutscher Sprache zu veröffentlichen:

Am 17. Mai 2000 versprach der Bürgermeister der Stadt Cernusco sul Naviglio in der Provinz Mailand jedem Bauer, der bereit sei Mist auf eine Gegend zu verteilen, in der Roma vorübergehend in Wohnwagen campierten, fünf Millionen italiensiche Lire (etwa 2600 Euro) aus öffentlichen Geldern. Der Bürgermeister ist der Meinung, daß "...ein Bad von Mist die einzige Möglichkeit ist mit den Zigeunern fertig zu werden, ein Akt der Gerechtigkeit entsprechend dem Dreck, den sie uns hinterlassen, wenn sie weiterziehen.." Er ist nicht allein mit seinen Anti-Roma Hasstiraden. Auch die Lega Nord, eine prominente politische Partei Italiens gebraucht eine rassistische und anti-Roma Sprache in öffentlichen Statments. Umberto Bossi, der Führer dieser Partei, verteilte während der Regionalwahlen Flugblätter mit dem Text: "Wenn ihr nicht Zigeuner, Marokkaner und Verbrecher in eurem Haus haben wollt, kümmert euch um euer Haus in einer lebenswerten Stadt und wählt die Lega Nord." Aufheizende Statments italienischer Politiker fallen auf fruchtbaren Boden. Jüngste Untersuchungen bestätigen, daß Italiener Roma hassen und fürchten, oft auf Basis von wenig oder überhaupt keiner Erfahrung mit ihnen. In der Vorstellung vieler Italiener sind die Roma Archetypen unerwünschter krimineller Einwanderer. Diese Haltung steigerte sich zu einer Art Fieber als im Sommer 1999 etwa zehntausend Romaflüchtlinge in Italien ankamen, die nach dem Ende des Natobombardements und der jugoslawischen Militäraktion von Albanern aus dem Kosovo ethnisch vertrieben worden waren....

Ein konkretes Beispiel, von dem ERRC berichtet:
Das Casilino 700 Lager, etwa 12 km außerhalb der Stadt Rom war eines der größten unauthorisierten Romalager in Westeuropa. Anfang des Jahres lebten dort noch 1500 Roma. Bei einer Serie von Razzias zerstörten Beamte und Mitarbeiter der Stadt Behausungen und Eigentum von Roma ohne sie anderswo entsprechend unterzubringen. Die endgültige Zerstörung von Casilino 700 fand im August und September 2000 statt. Am 2. August, etwa um 7 Uhr früh kam die städtische Polizei mit drei Polizeiautos und schaffte achtzehn rumänische Roma auf das Komissariat der Via Genoa um sie zu befragen und ihre Fingerabdrücke ab zu nehmen. Während dieser Zeit kam Inspektor Butarelli vom 7. Bezirk mit etwa 20 Polizisten und ihrem Chef Leutnant Lodoni. Sie zerstörten weitere zwei Hütten samt allem Eigentum von Romafamilien, die nicht zu Hause waren. Dann kündigte die Polizei an die "Mazedonische Zone" des Lagers am 4. August zu räumen, wo etwa 200 Menschen wohnten und die Roma, alle mit gültiger Aufenthaltsbewilligung im Lande in ein anderes Lager zu transferieren. Weitere 120 Roma sollten in ein anderes Lager gebracht werden. Dieses war im Mai 2000 geräumt worden und sollte bis 15. Oktober wieder errichtet werden. Der Termin wurde aber nicht eingehalten. Eine Gruppe rumänischer Roma, die nicht auf einer offiziellen Liste standen, wurde aufgefordert bis 1. September zu verschwinden widrigenfalls sie von der Polizei herausgeworfen würden. Am 26. August erschienen Bulldozer und zerstörten weitere 8 Hütten, am 28. August erlitten weitere fünfzehn Behausungen dasselbe Schicksal. Am 29. August ging die Zerstörung weiter, diesmal ohne Überprüfung ob die Roma ihr Eigentum in Sicherheit gebracht hatten. Eine Romni, die am Brunnen gewesen war, kam gerade noch zurecht um ihr schlafendes zweijähriges Kind aus dem Bett zu holen, bevor ihre Hütte der Razzia zum Opfer fiel. Der 61jährige Rom G. B. verlor seine zwei Geigen, mit denen er sich bis dahin sein Leben verdient hatte und all seine Habe. Er war nicht zu Hause, hatte aber eine gültige Aufenthaltsbewilligung. 200 Roma und NGO's protestierten am 30. August in der römischen Prefektur, dort wurde die Zerstörung des Lagers einfach in Abrede gestellt. Nach weiteren Zerstörungen und Planierungsarbeiten verblieben schließlich nur mehr 250 Roma im Lager, die angewiesen wurden auf Fertigstellung des neuen Carruci Lagers zu warten. Dort werden 200 Leute Platz haben.

"Westroma" berichtet am 6. September weiter:
Nachdem ein weiterer, angemeldeter, Protest von etwa 300 Roma am 5. September nicht angenommen wurde, setzte sich ein Protestzug in Richtung Rathaus in Bewegung um bei Bürgermeister Rutelli vorzusprechen. 30 Polizisten versuchten die Menschen brutal abzustoppen. Zeugen berichten, daß eine Frau ins Spital gebracht werden mußte, eine andere, im 6. Monat schwanger, wurde niedergestoßen und ihr Knie verwundet. Der "Counselor for Nomad Affairs" Luigi Lusi behauptete "Was wir tun ist zu eurem Guten... Es wird euch allen schließlich besser gehen, egal wo ihr landen werdet".

In Augen vieler Roma, die in keinem Land akzeptiert wurden, war Italien lange Zeit ein Land der Hoffnung.

Photo: L. Ponger, D. Argiropoulos

ROMANO CENTRO Nr. 31, 12/2000


ROMANO CENTRO

2001
2000
1999
1998
1997
1996
1995
1994
1993



Seitenanfang

Letzte Änderung am 06/01/07