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ROMANO CENTRO Nr. 30, 09/2000


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Kosovo

Mozes F. Heinschink konnte, dank der österreichischen Delegation zur OSZE, für Romano Centro Roma im Kosovo besuchen, hier sein Bericht:

Am 23. Juli fuhr ich für drei Wochen in den Kosovo. Als ich in der Stadt Priština ankomme, fällt mir folgendes auf: Wem sein Leben lieb ist, der darf weder romanes sprechen noch sich als Rom zu erkennen geben. In der Stadt lebt kein einziger Rom mehr. Die größte Romasiedlung der Stadt, die Moravska Ulica ist menschenleer, fast alle Häuser sind abgebrannt, einige wenige von der UCK besetzt. Sie passt auf, daß kein Rom zurückkommt. In der Mitte der Straße bemerke ich eine kleine Bude, in der Coca Cola, Zigaretten und Schokolade verkauft werden. Der Händler erkennt mich von meinem früheren Kosovoaufenthalt, der schon 15 Jahre zurück liegt, schaut sich um und beginnt romanes zu reden. Er ist Albaner, aber mit den Roma in der Siedlung aufgewachsen und konnte sich mit seinen Nachbarn auf romanes verständigen. Sobald sich uns jemand nähert, spricht er mit mir nur mehr englisch. Ich frage ihn, was mit den Roma passiert ist, warum es keinen einzigen Rom mehr in der Stadt gibt? Er erzählt: Es gab Roma, die mit Arkan zusammengearbeitet haben, "Arkanovci" hat man sie genannt, die sich von "Arkan" unter Druck setzen oder kaufen ließen. Einige haben davon kurzfristig profitiert, ihr ganzes Volk aber damit ins Unglück gestürzt. Immer wieder muß ich mir Greueltaten anhören, die nun allen Roma in die Schuhe geschoben werden. Beim Abschied empfiehlt mir mein Freund: Sage nirgendwo im Kosovo, daß du mit einer Romni verheiratet bist. Du verlierst dein Ansehen und jede Achtung bei unseren Leuten.

Photo: M. HeinschinkNicht nur Priština ist eine traurige Erfahrung. Auch in Vucitrn ist von den ehemals 3000 Roma kein einziger mehr da. Nur 150 Ashkalie leben noch in der Stadt. Sie können das Haus seit Monaten nicht verlassen, weil sich niemand mit dunkler Hautfarbe auf der Straße zeigen kann. Es kann passieren, daß er zusammengeschlagen wird oder überhaupt nicht mehr zurückkommt. Es gibt in Vucitrn aber ein Projekt der Quäker, die den Albanern aus den Dörfern anbieten, deren auch beschädigte Häuser zu reparieren, wenn sie sich verpflichten, den Roma ihre Häuser zurückzugeben. Immerhin gibt es einige wenige NGOs (nicht staatliche Organisationen), die versuchen Roma zu helfen. Weit besser, wenn auch keinesfalls ideal sind die Zustände in Prizren. Dort waren auch schon immer die Beziehungen zwischen den Ethnien besser als anderswo. Bis auf sechs Häuser in der Nähe des Friedhofs wurden die Häuser der Roma in den Siedlungen nicht angezündet. Die bedeutendste Romasiedlung ist die Terzi Mahala. Aus ihr ist eine große Romaintelligenz hervorgegangen, wie Doktoren, Journalisten, Richter, Professoren usw. Die meisten von ihnen sind in andere Länder geflohen, nur wenige sind geblieben. Einer von ihnen ist Kujtim Pajaku, der früher das Romaradio leitete. Jetzt ist er arbeitslos. Das Angebot wieder für das Radio zu arbeiten, lehnt er aus Angst ab, denn, wie er sagt: "Die Asche ist noch nicht heruntergefallen!"

In Djakovica sind von 1200 Roma 600 geflüchtet, und immer wieder wird in Romahäuser eingebrochen, meist über das Dach. Unter Drohungen wird dann alles Verwertbare weggeschleppt. Dagegen gibt es keinen Schutz, auch nicht von den internationalen Behörden. In Kamenica leben die Roma im serbischen Viertel, dort wagen sie nicht, sich für die kommenden Gemeinderatswahlen registrieren zu lassen, weil das auch die Serben verweigern. Wohl aber arbeiten die Serben mit der UNMIK zusammen. "Wenn wir das tun, sind wir in ihren Augen aber Verräter und morgen dürfen meine Kinder nicht mehr zur Schule" berichtet ein Rom. "Wir leben zwischen zwei Feuern!" Überall haben die Roma Angst und wer irgendeine offizielle Arbeit, wenn auch eine ganz untergeordnete hat, wagt nicht über die tatsächlichen Zustände Auskunft zu geben. Nicht nur einmal erlebe ich, daß die Anwesenheit irgendeines Offiziellen den Roma den Mund verschließt. Sie schildern dann die Lage rosig und erst wenn sie sich unbeobachtet wissen, erzählen sie von verschleppten Familienmitgliedern, von Verletzten, denen von den Tätern unter Drohung verboten wurde, zum Arzt zu gehen. Selbst aber wenn sich Roma in Ambulanzen wagen, werden sie von Wartenden und Personal beschimpft.

Die noch im Lande lebenden Roma geht niemand besuchen und niemand kümmert sich um sie. Die internationalen Behörden (OSZE, KFOR und UNMIK) haben ausschließlich Kontakt zu den - oft von den Albanern eingesetzten - Romaführern. Schrecklich ist auch, daß nicht nur Kläger, sondern auch Richter und Zeugen bei Gericht bedroht werden. Der Druck ist so stark, daß Roma oft ihre Anklage zurückziehen oder sich bei der Verhandlung plötzlich an nichts mehr erinnern können. Hadži Zylfi wurde zum Führer aller Roma im Kosovo gemacht, hat gute Kontakte zu den internationalen Behörden, die Lage der Roma im eigenen Lande kann auch er nicht ändern. Die bedrückende Aussage eines wohlwollenden Albaners bleibt mir im Gedächtnis: "Nach längerer Zeit, vielleicht irgendwann wird es eine Aussöhnung mit den Serben geben, mit den Roma sicher nicht. Die Serben haben die EU, die Roma haben niemanden, der ihnen hilft."

Die "Ärzte ohne Grenzen" stellen ihre Arbeit im Kosovo ein. Sie wollen damit gegen die Verfolgung der Minderheiten in der Provinz und das mangelnde Engagement der internationalen Gemeinschaft protestieren.

Photo: M. Heinschink

ROMANO CENTRO Nr. 30, 09/2000


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Letzte Änderung am 06/01/07