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Zwischen Vergangenheit und Zukunft
Das Gandhi Gymnasium in Pecs, Ungarn wurde 1994 gegründet, um die Entwicklung der Romaintelligenz zu fördern, die dann eine leitende Rolle in ihrer Gruppe übernehmen soll. Das wichtigste Ziel der Schule ist kompetente Fachleute zu erziehen, die einmal in der Lage sein sollen die nicht integrierten Romagemeinden zu organisieren. Zu diesem Zweck will die Schule ihre Studenten auf die Universität vorbereiten. Die Schüler beginnen ihre Studien bei uns mit 12 Jahren und beenden sie nach sechs Jahren mit der Matura. Die Unterrichtssprache ist ungarisch, der Lehrplan des Gandhi Gymnasiums enthält aber sowohl Unterrichtsstunden in der Sprache der Lovara und der Beash und mehrere Wochenstunden in Geschichte und Kultur der Roma.
Das Gandhi Gymnasium ist eine "nationale" Schule. Roma wie auch andere Minderheiten haben in Ungarn das gesetzlich festgeschriebene Recht eigene Erziehungseinrichtungen zu betreiben. Die deutsche Minderheit zum Beispiel betreibt 19 "nationale" Gymnasien. Man darf aber nicht glauben, daß diese sogenannte "nationale" Erziehung für Roma allgemein akzeptiert ist. Warum, fragen wir, stellt sich die Frage der Akzeptanz niemals im Zusammenhang mit anderen Minderheiten? Die Antwort auf diese Frage kann vielleicht im Text des oben erwähnten Gesetzes gefunden werden. Dort steht, daß alle Minderheiten das Recht auf eine rziehung haben um ihre Sprache und Identität zu fördern, Roma aber wird dieses Recht nur zugestanden um auf ihre sozialen Nachteile zu reagieren.
Diese Bestimmung wurde vom ungarischen Parlament und auch im Report des Hochkommissionars für Nationale Minderheiten kritisiert, weil sie Roma als benachteiligte Gruppe klassifiziert, damit die Schaffung von eigenen Romaklassen (Sonderschulen) fördert und alle Romakinder als benachteiligt (minderbemittelt) einstuft. Das rechtfertigt praktisch eine mindere Qualität von Erziehung. Die Nachteile zu verringern hält man für zu aufwendig, die Lehrer haben keine Zeit für Sprachunterricht und spezielle Erklärung von Labors und Unterrichtsmaterial etc. Daher irritiert die Existenz einer Schule, die die Roma-Identität und -Kultur berücksichtigt, und ist nicht nur für die Öffentlichkeit, sondern auch für Soziologen und Politiker, deren Gedanken und Argumente fehlgeleitet wurden, schwer verständlich.
Wir halten fest, daß wir nicht der Meinung sind, alle Roma Kinder sollten in Schulen wie die Gandhi Schulen erzogen werden. Unsere Schule bietet aber die Möglichkeit für Eltern, die wollen, daß ihre Kinder mit ihrer eigenen Kultur bekanntgemacht werden, daß sie ihre Muttersprache besser lernen und sich gleichberechtigt gegenüber anderen Nationalitäten oder Minderheiten fühlen.
Die Ghandi Schule bemüht sich auch, die soziale Verachtung zu kompensieren, unter der Roma Gemeinschaften allgemein leiden, und armen Romafamilien mit Rat und erzieherischen Mitteln beizustehen. Zum Beispiel versorgt die Schule ihre Studenten mit Material und Hilfsmitteln, wenn sie alle zwei Wochen für ein langes Wochenende nach Hause fahren. Bücher kosten für die Schüler nichts und die Internatskosten, einschließlich fünf Mahlzeiten am Tag, sind sehr niedrig.
Ohne finanzielle Hilfe würden die Kinder armer Familien aufgeben, weil sie mit den Mittelklasseschülern nicht mithalten könnten. Ich bin der Meinung, daß Armut kein ethnisches Merkmal der Roma ist, sondern eine Folge der Lebensbedingungen, die ihnen von der Gadsche Umgebung aufgezwungen werden.
Ein weiteres Anliegen des Gandhi Gymnasiums ist die Anwendung eines alternativen pädagogischen Models. Wir glauben, daß es bei dieser einfühlsamen Methode keinen Unterschied macht, ob ein Schüler Rom ist oder nicht. Ein Lehrer muß dem Kind Aufmerksamkeit zuwenden und sich Zeit nehmen alle Umstände in Erwägung zu ziehen. Ich halte das für die künstlerische Seite der Pädagogik, die kaum gelehrt, wohl aber entwickelt werden kann. Die weit verbreitete Idee von "Roma Pädagogik" nach der Romakinder besonderer Behandlung bedürfen, muß neu überdacht werden.
Die Leitung der Gandhi Schule nimmt Kontakt mit den Eltern auf, besucht sie zu Hause, erklärt ihnen die Ziele und Methoden der Schule und gehen auf ihre Fragen ein. Dieser Kontakt wird durch regelmäßige Treffen zwischen Eltern und Lehrern aufrecht erhalten. Jeder Schüler hat einen eigenen Betreuer, der alles über ihn weiß, sich seiner Fortschritte und Mißerfolge annimmt und die möglichen Gründe untersucht, wenn irgend etwas schief geht. Die Schule beschäftigt zwei Sozialarbeiter und unterstützt die Lehrer und Tutoren mit Informationen.
Allein durch ihre Existenz bemüht sich die Gandhischule die Vorurteile in der breiten Bevölkerung abzubauen. Menschen in der Umgebung, die in Kontakt mit kompetenten Romaschülern kommen, müssen zugeben, daß es falsch war anzunehmen, daß Roma mit Erziehung nichts im Sinn haben. Natürlich ist dieses Ziel nicht leicht zu erreichen. Wir haben aber zum Beispiel ein Kommunikationstraining mit Studenten anderer Schulen eingeführt, die stolz darauf waren Roma abzulehnen. Dieses Training leitet ein slowakisch-ungarischer Psychiater mit seinem Team und ich kann sagen, daß es weit erfolgreicher ist als nur Romakultur und Geschichte in der Schule zu unterrichten.
Unsere Schule gibt es nun seit 6 Jahren. Die erste Klasse hat soeben maturiert, Abschlußprüfungen der Studenten waren erfolgreich und die Hälfte der Schüler wurden bereits von verschiedenen Universitäten angenommen. Wir sind stolz auf den kleinen Beitrag am Weg zu einer wirklichen Integration der Roma in die Gesellschaft.
von Erika Csovcsics, Direktorin des Gandhi Gymnasiums
Wir wünschen dem Gandhi Gymnasium alles Gute für das kommende Schuljahr und freuen uns über den Erfolg der Absolventen
Photo: R. Erich
ROMANO CENTRO Nr. 30, 09/2000
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