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ROMANO CENTRO Nr. 29, 06/2000


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"Nur Rattengift bekommen wir von der Stadt kostenlos"

von Mirjam Karoly

Auf Grund nun schon langjähriger Beobachtung liegen Romano Centro die Romaschulen in der Ostslowakei besonders am Herzen. Mirjam Karoly und Agnes Truger sind deshalb eine Woche in der Slowakei unterwegs gewesen und haben 11 Schulen besucht.

Trebisov in der Ostslowakei beherbergt eine Romasiedlung mit 6000-7000 Einwohnern. Am Eingang zur Siedlung liegt das einstöckige, barackenähnliche Schulgebäude mit der Grundschule. Das Gebäude wurde Ende der 50er Jahre aus Kunststoffplatten errichtet. Das Inventar von Stühlen, Tischen und Kästen ist ebenso alt wie die vor 30 Jahren eingeführte Regelung, daß der Staat pro Kind 30 Kronen (10.- ÖS) für Unterrichtsmaterialien zur Verfügung stellt. Der Betrag wird jedoch seit 3 Jahren nicht mehr ausbezahlt. Keines der Kinder besitzt eine Schultasche, auch Hefte, Papier und bunte Stifte bringen sie nicht von zu Hause mit. Die Lehrer erbitten einseitig beschriftetes Papier von Ämtern erbitten; nicht selten zahlen sie Tafelkreide aus eigener Tasche. Es bedarf viel Phantasie, um Kindern Lehrinhalte zu vermitteln, für die überhaupt kein Anschauungsmaterial zur Verfügung steht. Hefte und Stifte müssen bis zur nächsten Unterrichtsstunde in den alten Schränken versperrt werden. Aufgaben werden kaum gemacht, deshalb wissen die Schüler nach der 9. Schulstufe nur das, was ihnen während der Unterrichtsstunden vermittelt werden konnte. Mit manchen Lehrinhalten wie z. B. Biologie oder Physik kommen sie nie in Berührung.

Photo: M. Karoly
Le učuteljen taj le śavořên naj le či jek trajosko drom angla peste.

Derzeit besuchen 460 Romakinder die Schule und die Zahl der Kinder im Pflichtschulalter nimmt ständig zu. Aufgrund der Raumnot muß in zwei Schichten unterrichtet werden, somit ist auch eine Nachmittagsbetreuung, in der z. B. Aufgaben gemacht werden könnten, unmöglich. Trotzdem lassen die Lehrer nichts unversucht und haben erstmals für 42 Romakinder Vorschulklassen eingerichtet, in denen ihnen spielerisch Grundkenntnisse in Slowakisch und der Umgang mit Stiften vermittelt wird. Sonst könnten sie aufgrund geringer Slowakischkentnisse dem Unterricht nicht folgen. Mit den Vorschulklassen wird auch die "Abschiebung" der Kinder in Sonderschulen verhindert. Romakinder sind in der Regel nicht auf die Schule vorbereitet, da nur wenige den Kindergarten besuchen.


Die Kinder sitzen vor leeren Tischen

Generell ist der Kindergartenbesuch von Romakindern in der Slowakei in den letzten 10 Jahren von 90% auf 15% gesunken, weil seit der Wende für den Kindergarten Gebühren entrichtet werden müssen.
Qualifizierte Lehrer finden sich für diese Arbeit schwer. Ein Arbeitsplatz an "Romaschulen" ist für "Weiße" nicht attraktiv, zudem wirken die hygienischen Standards abschreckend. Täglich sind die Lehrer mit typisch armutsbedingten Krankheiten wie Gelbsucht, manchmal TBC, Krätze, Flöhen und Läusen konfrontiert. Es zählt zum täglichen Arbeitsritual, sich nach dem Unterricht zu desinfizieren. Für die teuren Desinfektionsmittel und Impfungen müssen die Lehrer jedoch selbst aufkommen, allein die Impfung für Gelbsucht macht nahezu die Hälfte des Gehalts aus. Nur Rattengift wurde von der Stadt kostenlos zur Verfügung gestellt.

Photo: M. Karoly
Die Kinder sitzen vor leeren Tischen

Nicht nur in Trebisov setzt sich der Lehrkörper daher häufig aus Menschen unterschiedlichster Berufsgruppen oder auch Pensionisten zusammen, die eigenfinanzierte Fortbildungskurse besuchen, um sich zum Lehrer auszubilden. Dabei werden sie jedoch kaum auf den Unterricht mit Romakindern vorbereitet. Nicht berücksichtigt bleibt auch die Notwendigkeit besonders intensiver Förderung, vor allem motivierender Unterrichtsunterlagen für Romakinder. Der noch relativ regelmäßige Schulbesuch in den unteren Klassen nimmt in höheren Schulstufen stetig ab - für die Kinder schwindet somit auch jede Chance, eine Arbeit zu finden und sich einen besseren Lebensstandard aufzubauen.

Romano Centro wird alles daransetzen um diesen Schulen so bald als möglich zu helfen und die Zustände publik zu machen.

Photo: M. Karoly

ROMANO CENTRO Nr. 29, 06/2000


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Letzte Änderung am 06/01/07