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Die Herausforderung der offenen Demokratie
von Prof. Charles Taylor
Die Geschichte zeigt uns, daß Demokratie, in Theorie die offenste Regierungsform ALLER Menschen, oft sehr exklusiv sein kann. Um das festzustellen, braucht man gar nicht bis zu den alten Griechen und Römern mit ihrer Sklavenwirtschaft und dem Ausschluß der Frauen zurückgehen. Die Demokratie ist in Gefahr auszuschließen, weil sie eine Regierungsform ist, die von ihren Bürgern ein hohes Maß an Verpflichtung und Identifikation mit der Gesellschaft verlangt. Despotische Gesellschaften können mit Bürgern zufrieden sein, die nur aus Klugheit die Gesetze befolgen. Demokratien hingegen erfordern Teilnahme. Sie erfordern die Überzeugung, daß wir alle miteinander sprechen und uns auseinandersetzen können, weil wir durch Wahlen und Abstimmungen im Parlament unser Schicksal selbst entscheiden.
Das ist der Grund für das Entstehen neuer Formen der Ausgrenzung oder erzwungener Aufnahme im Zeitalter der Demokratien. Ein Lösungsversuch ist Minderheiten zur Assimilation zu zwingen, wie z.B. in Ungarn im 19. Jahrhundert. Oder aber werden wichtige Unterschiede geleugnet wie im Falle der Kurden in der Türkei; oder werden Menschen, die anders sind, einfach ausgewiesen. Paradoxerweise tolerierten die frühen undemokratischen Regierungen Unterschiede öfter als die modernen Gesellschaften der 20sten Jahrhunderts, die für sich beanspruchen auf dem Willen des Volkes gegründet zu sein.
Dazu wieder das Beispiel Türkei; Das otomanische Reich war in seiner Blütezeit äußerst tolerant. Juden flohen dorthin um Verfolgungen in Europa zu entkommen. Jede größere religiöse Gruppe genoß einen gewissen Grad an Selbstbestimmung innerhalb ihres millet (Volkes). Erst nach dem Wechsel von der imperialen Politik zu jener die, nach der Reform von 1908, mehr auf einer breiten Bürgerschaft basierte, sehen wir zuerst die Massaker von Armenieren während der Ersten Weltkrieges, und dann die gegenseitige ethnische Säuberung von Griechen und Türken in den frühen 20 er Jahren.
Es ist denn auch kein Zufall, daß das 20ste Jahrhundert, in dem sich in vielen Teilen der Welt demokratische Ideen festigten, auch das Jahrhundert der ethnischen Säuberungen war. Wenn wir nur Europa, beginnend mit dem Ersten Weltkrieg oder sogar früher, mit den Balkankriegen, betrachten, dann die Erhebungen und erzwungenen Vertreibungen von Völkern in den zwei großen Kriegen, und wiederum das Auseinanderbrechen von Jugoslawien im letzten Jahrzehnt, bietet sich uns das schreckliche Schauspiel erzwungener Homogenität mit gewaltigen Migrationen bei denen Völker gezwungen werden Länder zu verlassen, in denen sie vielleicht Jahrhunderte gelebt haben.
Derzeit werden sich die modernen demokratischen Völker der Gefahr bewußt ihrer gemeinsamen Grundlagen verlustig zu gehen. Und in ihrer Sorge sehnen sie sich nach den alten Kriterien, die ihnen sicher und gefestigt erscheinen. Das ist eine Quelle für die ausschließenden Haltungen und Aktionen in manchen Gesellschaften. Der Grund ist, daß diese Staatsform die Menschen in der Vergangenheit einte, weil sie einer bestimmten historischen Ethnie oder Sprachgruppe angehörten oder sie eine bestimmte Religion einte. Die Anwesenheit von Außenstehenden bedroht ihren Zusammenhalt. Deren Eintritt muß daher begrenzt werden. Solche Gefühle waren eine allgemeine Versuchung der Menschen seit unvordenklichen Zeiten, aber das demokratische Zeitalter verleiht ihnen neue Relevanz und Dringlichkeit. Deshalb können sich ausschließende und fremdenfeindliche Programme in das Mäntelchen patriotischer Tugend hüllen wie wir im Falle der Front National in Frankreich sehen und - leider - kürzlich auch hier in Österreich.
Oder die Haltung resultiert daraus, daß uns eine bestimmte politische Kultur einte, die Neuankommende nicht akzeptieren können oder wollen. Das war der Fall in verschiedenen Stadien der US Geschichte in Bezug auf die Ankunft neuer Immigranten Gruppen: Iren, Osteuropäer, von denen man die Tugenden der Staatsbürger der WASPs (White Anglo Saxen People) nicht zutraute. Auch im gegenwärtigen Frankreich kann man das in Relation auf die neue muslimische Bevölkerung beobachten.
Der Forderung demokratischen Ausschlusses kann nur mit kreativer Neudefinition dessen begegnet werden, was unsere demokratischen Gesellschaften eint. Demokratische Gesellschaften haben eine gemeinsame Geschichte und Herkunft. Aber jede Geschichte kann auf verschiedene Weise erzählt und auch auf verschiedene Weise fortgeführt werden. Der Fall gewisser Einwanderungsgruppen in der Neuen Welt zeigt, daß das Gefühl für historische Kontinuität und politische Übereinstimmung mit einer wachsenden Diversifikation der Herkunft ihrer Mitglieder vereint werden kann. Europäische Gesellschaften können diesem Modell nicht ganz folgen, aber es kann ihr neue Möglichkeiten für ein Gefühl sowohl nationaler Identität als auch von Patriotismus eröffnen, in der die Integration Fremder zum essentiellen Element wird.
Charles Taylor, Prof. em. für Philosophie an der McGill University Montreal, Quebeck/Canada und stellvertretender Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirates des IWM.
Nur durch diese Art Neudefinition können wir die Hauptursache für Ausschluß und Fremdenhaß in modernen Demokratien aufhalten.
Photo: D. Jevremović
ROMANO CENTRO Nr. 29, 06/2000
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