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ROMANO CENTRO Nr. 28, 03/2000


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Roma in Kosovo

Stephan Müller, der schon oft mit Roma gearbeitet und einschlägige Artikel publiziert hat, ist seit wenigen Wochen Minderheitenbeauftragter der OSZE im Kosovo. Soeben erreichte uns sein erster Bericht.

Photo: HelmreichÜber ein halbes Jahr ist nun seit Ende des Krieges im Kosovo vergangen. Frieden ist aber noch nicht eingekehrt. Die Roma und Aschkali im Kosovo waren immer wieder Übergriffen ausgesetzt, bei denen viele ihr Leben verlieren mußten. Zehntausende sind seit Ende des Krieges geflohen, nachdem schon Tausende von ihnen vor und während des Krieges fliehen mußten. In Priština sind von den mehreren tausend Roma und Aschkali, die hier vor dem Krieg lebten, nur noch knapp 30 Aschkali Familien geblieben. Gut zwanzig Familien leben in einem Viertel und sie leben mehr schlecht als recht mit ihren Nachbarn. Ihre Kinder können zur Schule gehen und in ihrer Nachbarschaft können sie sich frei bewegen. Die meisten sind arbeitslos, aber sie werden regelmäßig mit Hilfslieferungen versorgt und das internationale Militär (KFOR) kommt regelmäßig vorbei, um nach dem Rechten zu sehen.

So wie den Aschkali in Priština geht es den meisten der vielleicht noch 30.000 Roma und Aschkali im Kosovo. Ihr Leben ist von Furcht und Vorsicht geprägt. Sie können sich nicht frei bewegen, um einkaufen zu gehen oder um Verwandte und Freunde zu besuchen. Viele Roma Gemeinschaften werden sogar Tag und Nacht von KFOR Einheiten beschützt, da sie immer wieder angegriffen worden sind. Doch sicher sind sie nur in ihrer Nachbarschaft, sobald sie diese verlassen, kann sie niemand mehr beschützen. Und KFOR kann auch nicht jedes einzelne Haus beschützen, so daß immer wieder Roma und Aschkali angegriffen werden. KFOR gewährt vielen Roma und Aschkali auch medizinische Hilfe, die ihnen von lokalen Ärzten und Krankenhäusern oft nicht gewährt wird.
Die Hilfe, die KFOR Roma Gemeinschaften gewährt, ist ein Beispiel dafür, dass die internationale Staatengemeinschaft langsam beginnt, zu erkennen, daß die Roma und Aschkali wie alle anderen Bevölkerungsgruppen im Kosovo gleichberechtigt zu behandeln sind und Unterstützung brauchen. Dieser Prozeß hat gerade erst begonnen, denn auch unter den Vertretern der internationalen Staatengemeinschaft haben Unwissenheit über die Roma und Aschkali, aber auch Vorurteile ihnen gegenüber, dazu geführt, daß man sie nicht als gleichberechtigt angesehen hat.

Photo: HelmreichUnterstützung brauchen Roma und Aschkali in vielen Bereichen: Die internationale Staatengemeinschaft muß ihnen Sicherheit gewähren und sie muß ihnen, so lange Roma und Aschkali keine Arbeit finden, humanitäre Hilfe zuteil werden lassen. Sie kann die Arbeitslosigkeit unter ihnen bekämpfen, in dem sie vermehrt Roma und Aschkali anstellt. Sie muß auch zerstörte Häuser von Roma und Aschkali wieder aufbauen. Sie muß Einfluß auf die lokalen Politiker und die Medien nehmen, daß sie gegen Gewalt gegen Roma und Aschkali auftreten und daß sie anerkennen, daß die Roma und Aschkali das Recht haben, im Kosovo zu leben. Und nicht zuletzt muß sie den Roma und Aschkali die Unterstützung zukommen lassen, die sie brauchen, um sich selbst selbstbewußt zu vertreten.

Doch ist das eine schwere Arbeit, denn der Krieg und die letzten Jahre der Unterdrückung der Albaner, haben tiefe Wunden hinterlassen, die noch nicht verheilt sind. Viele Albaner sind daher anderen Gruppen gegenüber mißtrauisch und wollen nicht mehr mit ihnen zusammen leben. Zudem herrscht im Kosovo allgemein ein Klima der Gewalt und der Straflosigkeit. Die internationale Polizeitruppe verfügt über zu wenig Polizisten und die einheimische Polizei und ein funktionierendes Gerichtswesen sind noch im Aufbau begriffen, so daß Verbrechen oft ungeahndet bleiben. Unter dieser Situation müssen auch viele Albaner leiden, die Angehörigen anderer ethnischer Gruppen, wie die Roma und Aschkali, aber besonders.

Ob die Roma und Aschkali wirklich eine Zukunft im Kosovo haben, kann man heute noch nicht sagen. Die übergroße Mehrheit von ihnen lebt als Flüchtlinge in Serbien, Montenegro, Makedonien oder in westeuropäischen Ländern. Die im Kosovo verbliebenen Roma und Aschkali müssen in Furcht und Angst in ihrer eigenen Heimat leben. Viele Menschen meinen daher, daß die Roma und Aschkali keine Zukunft mehr im Kosovo haben. Doch muß man sich dann auch fragen, wo haben sie dann eine Zukunft? Die bereits nach Serbien, Montenegro, Makedonien oder in westeuropäische Länder geflohenen und vertriebenen Roma und Aschkali sind dort auch nicht willkommen. Oft müssen sie unter unmenschlichen Bedingungen leben, ohne genügend zu essen zu haben und ohne Aussicht als gleichberechtigte Bürger anerkannt zu werden.
Daher sollte man erst alle Anstrengungen darauf verwenden, ihnen ein friedliches und gleichberechtigtes Leben in ihrer Heimat, zu ermöglichen. Dies muß die Aufgabe der internationalen Organisationen im Kosovo sein. Ob sie es wirklich wollen und auch schaffen werden, steht in den Sternen. Doch sollten wir nur alles mögliche tun, um es zu versuchen.

Unwissenheit und Vorurteile haben dazu geführt, daß Roma und Aschkali nicht als gleichberechtigt angesehen wurden.

Photo: Helmreich

ROMANO CENTRO Nr. 28, 03/2000


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Letzte Änderung am 06/01/07