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Caritasprojekt in Rumänien
von Barbara Coudenhove-Kalergi
Simona arbeitet in einem Caritas-Kindergarten am Rand einer Romasiedlung in Sfantu Gheorghe im Nordosten Rumäniens. Wie im tschechischen Aussig (Usti Nad Labem) teilt auch hier eine Betonmauer den Stadtteil. Auf der einen Seite stehen die Wohnblocks für die Nicht-Roma, auf der anderen liegen wie verstreut die kleinen Lehmhütten der Roma. Malerischer sind die Romahäuschen, aber die Armut hier ist atemberaubend. Keine Heizung, kein Wasser, keine Toiletten und für die allermeisten Bewohner auch kein Einkommen, weder Arbeit noch Rente.
Simonas Arbeitsplatz ist ein neues Steinhaus auf der Roma-Seite der Mauer. Simona ist Romni, sie ist aus der Hauptstadt hierher in die kleine Stadt gekommen. Sie ist eine bildschöne Frau, die zusammen mit dem Chef, dem katholischen Priester Andreas Markus, und seinen Helfern und Helferinnen die Romakinder aus der Siedlung betreut. Wie schaffen sie es, die Kinder in den Kindergarten und später in die Schule zu bekommen, deren erste Klasse im selber Haus untergebracht sind? Für die Eltern sind die Schule und der Kindergarten eine fremde Welt, der sie ziemlich mißtrauisch gegenüberstehen. So gut wie alle in der Siedlung sind Analphabeten. Aber: im Roma Zentrum ist es warm und die Kinder bekommen täglich ein warmes Essen. Für Menschen, die hungern und frieren, sind das mächtige Lockmittel.
Simona weiss darüber hinaus noch einen weiteren Grund, warum die Kinder gern ins Zentrum kommen: viele sind in ihre hübschen und freundlichen jungen Lehrerinnen verliebt. Wärme, Nahrung, Liebe - drei gute Gründe zum Lesen- und Schreibenlernen. Und die Erfolge können sich sehen lassen. Seit 1996 ist die Zahl der Romakinder, die hier regelmässig in die Schule gehen, auf 250 angestiegen. Voller Stolz zeigen die Grossen aus der vierten Klasse, was sie schon alles können: malen und schreiben und rechnen, natürlich singen und tanzen, aber auch sauber händewaschen und nach dem Essen alles ordentlich wegräumen. Anders als ihre Eltern, die auf dem Arbeitsmarkt praktisch chancenlos sind, haben die Kinder eine Zukunftsperspektive.
Die Caritasleute aus Sfantu Gheorghe haben grosse Pläne: sie wollen ihr Zentrum ausbauen, eine Arztpraxis soll aufgebaut eingerichtet werden und später auch eine Einrichtung für Alphabetisierung und Erwachsenenbildung. Derzeit sind die Roma aus der Siedlung ohne jede ärztliche Betreuung. Viele sind krank, alle haben schlechte Zähne. Die rumänische Caritas hat es auch zustande gebracht, die rumänische Behörden für ihre Projekte zu interessieren. Die Caritas baut ihre Zentren mit ausländischer Unterstützung, aber die Gehälter zahlt der rumänische Staat. "Wir verstehen uns als Vorreiter", sagt Pater Markus. "Was heute hier in Sfantu Gheorghe geschieht, geschieht vielleicht morgen auch anderswo."
Wieviele Roma es in Rumänien gibt, weiss niemand genau. Die Experten der Europäischen Union schätzen ihre Zahl auf rund 3,5 Millionen. Seit Rumänien Beitrittskandidat ist, hat die Union sich verstärkt auf das Romaproblem konzentriert. "Wir üben Druck aus", sagt der EU-Vertreter in Rumänien, daß das Land sich den Standards der Union nähert". Das gilt nicht nur für die Wirtschaft, sondern ebenso auch für die politische Kultur und die Menschenrechte und dazu gehört vordringlich auch die Integration der Roma - Minderheit. Ein Patentrezept dafür hat noch niemand gefunden. Die Experten in Bukarest sind deshalb immer auf der Suche nach Roma-Projekten, die funktionieren, egal wie. Die Projekte der Caritas stehen hier an erster Stelle.
Rumänien ist das ärmste Land Europas und die Roma stehen auf der untersten Stufe der Leiter. Rumänien hat die höchste Kindersterblichkeit in Europa, die meisten Tuberkuloseerkrankungen und die Lebenserwartung der Männer liegt bei 67 Jahren (Österreich:77 Jahre). In vielen Wohnblocks der Städte können die Menschen Heizung und die Miete nicht mehr zahlen, sodass die Stadtverwaltung Fernwärme und Wasser abgeschaltet hat. Seit Monaten leben zehntausende ohne Wasser und das bei Temperaturen unter 20 Grad minus. Rund 140 000 Kinder sind von ihren Eltern verlassen worden und leben als Strassenkinder oder unter unzumutbaren Bedingungen in staatlichen Waisenhäusern. Nicht wenige von ihnen sind Roma.
Die rumänische Caritas, unterstützt unter anderem von ihrer österreichischen Schwesternorganisation, hat keine Universallösungen für die vielfältigen Probleme ihrer Klienten. "Wir sind pragmatisch" sagt Caritasdirektor Janos Saks. Das Hauptaugenmerk gilt den Kindern. Wo es geht, wird versucht, die Romakinder in allgemeine Schulen und Kindergärten zu integrieren. Den wenig integrationswilligen staatlichen Einrichtungen wird dafür fachmännische Hilfe und materielle Unterstützung angeboten. Wo es nicht geht, richtet man eigene Schulen und Kindergärten für Romakinder ein, in denen sie zunächst unter sich sein können und ungestört lernen, was man für das Leben in der nicht-Roma-Gesellschaft braucht. Wo es geht, arbeiten Roma-Angehörige dabei mit. Und wie bei Simona in Sfantu Gheorghe gilt auch anderswo die Erfahrung, dass Wärme, Nahrung und Liebe dabei sehr gute Dienste leisten.
Die Caritas Österreich sammelt in diesen Tagen für Hilfsprojekte im Neuen Europa, viele davon zugunsten von Roma. Die Kontonummer für etwaige Spenden: 7 700 004, PSK 60 000.
Photo: R. Riedler
ROMANO CENTRO Nr. 28, 03/2000
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