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ROMANO CENTRO Nr. 27, 12/1999


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Deportation nach Transnistrien

von Dr. Brigitte Mihok

Während die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung in Rumänien, die in den 40 er Jahren weitgehend erforscht und dokumentiert ist, ist die Deportation der Roma nach Transnistrien immer noch unzureichend bekannt und noch weniger anerkannt. Im Juli hat Frau Dr. Brigitte Mihok in Berlin einen Vertrag gehalten, dessen Text wir für wichtig halten und mit ihrer Genehmigung gekürzt wiedergeben.

Die Fakten: Am 17. Mai 1942 befahl das Innenministerium die Zählung der Roma und die Polizeipräfektur erstellte Namenslisten. In der ersten Phase wurden dann alle nomadischen und jene "Zigeuner" deportiert, die "eine Gefahr für die öffentliche Ordnung darstellten". Das waren von Juni bis August 11.441 Personen. In einer zweiten Phase, im September, wurden jene seßhaften Roma deportiert, die "gefährlich und unerwünscht" waren. Insgesamt waren das schließlich 25.000 bis 30.000 Personen, von denen Schätzungen zufolge nur 1.500 bis 2.000 überlebten.

Photo: Paul Meisner1946 hatte Marschall Antonescu, laut seiner Aussage beim Kriegsverbrecherprozess, die Deportationen mit folgender Begründung durchgeführt: "Wegen der in Bukarest und anderen Städten angeordneten Verdunkelungsmaßnahmen ereigneten sich häufig Einbrüche und kriminelle Handlungen, und dann verlangte die Öffentlichkeit von mir, daß ich Schutzmaßnahmen ergreifen soll, vor allem wegen der nächtlichen Einbrüche in Wohnhäusern. Ermittlungen haben ergeben, daß bewaffnete Zigeuner die Überfälle verübt haben..." Durch die Vermeidung des Wortes "Deportation" und der auf prägnanten Stereotypen beruhenden Begründung (Roma, die generell kriminell und arbeitsscheu sind) fand sich die Bevölkerung von Vorwürfen gegenüber Plünderungen freigesprochen. Während der kommunistischen Herrschaft war die Deportation der Zigeuner kein Thema. Bereits Anfang der 90er Jahre erinnerte aber die ultranationalische Zeitung "Romania Mare" daran, daß "Antonescu zu seiner Zeit das Land von dieser Plage befreien wollte."

Andere nationalistische Blätter folgten und forderten die "Entfernung der kriminellen Zigeuner" durch Zwangsarbeit und Errichtung von Reservaten aus der rumänischen Gesellschaft. Bis heute betrachten viele Rumänen die Deportation der Roma als einen gerechtfertigten Vorgang gegen "unzivilisierte" und "kriminelle" Elemente. 1992 erschien in der Zeitung "Baricada" ein Leserbrief eines Kriegsveteranen der sich bemüßigt sah zu behaupten, "daß Zigeuner aus Rumänien keinem Holocaust ausgesetzt waren (übrigens auch nicht die Juden) (...). Sie wurden in erster Linie wegen ihres Verhaltens deportiert, oder damit sie nicht in die Hände der Deutschen fallen (...)Das Motiv wofür sie verfolgt und deportiert wurden, (...) ist gerechtfertigt".

Photo: Paul MeisnerRumänien hat nun auch seine Archivbestände geöffnet, doch nur wenige Akten wurden bearbeitet. Die Weigerung die Geschehnisse aufzuarbeiten hat zwei Gründe. Einerseits können Historiker mit diesem Thema an sich schon keine Lorbeeren ernten, andererseits würde die wissenschaftliche Analyse der Geschehnisse ein Schuldbekenntnis einfordern. Die Aufarbeitung der Geschichte der Minderheiten ist in Rumänien denn eine Angelegenheit der Betroffenen selbst und es gibt noch keinen Historiker oder Wissenschaftler, der sich dieser Aufgabe stellt. Selbst in den Schulbüchern zur "Geschichte der Rumänen" findet die Deportation der Roma mit keinem Wort Erwähnung. Die wenigen, knapp gehaltenen Aufsätze, die zwischen 1990 und 1007 erschienen sind, übernahmen kritiklos die Erklärungsmuster aus den 40er Jahren. Selbst das Wort "Deportation" wird darin durch "Kolonisierung" (colonizare), Aussiedlung (dislocare), Verschickung (deplasarea), oder Evakuierung (evacuare) ersetzt. in einem 1993 herausgegebenen Buch "Die Geschichte der Zigeuner" behauptet der Autor: "nach der Kolonisierung in Transnistrien, so schmerzhaft für die rumänischen Zigeuner, sind diese auf das gegenwärtige Territorium Rumäniens zurückgekehrt und haben ihr Leben aus der Vorkriegszeit wieder aufgenommen" (sic!!). Lediglich zwei Titel, Viorel Achims Buch "Die Zigeuner in der Geschichte Rumäniens", Encyklopädischer Verlag, und Radu Ianids Buch "Die Juden unter dem Antonescu Regime" befassen sich überhaupt mit der Deportation und Vernichtung der "Zigeuner". Der rumänische Staatspräsident Emil Constantinescu hat am 4. Mai l997 die rumänische Mitverantwortung an der Deportation der Juden aus Besserabien und der Bukowina zugegeben, die Deportation der Roma jedoch mit keinem Wort erwähnt.

Bis heute bleiben viele Fragen offen:

  1. Wie ist die Zählung der Roma erfolgt, nach welchen Vorgaben hat die Polizei die Listen erstellt? Wer bestimmte wer "gefährlich und unerwünscht" war etc.
  2. Wurden Roma aus allen Landesteilen deportiert oder nur aus einigen? Aus welchen Ortschaften erfolgten die Transporte und wie wurden sie durchgeführt: In welchem Zustand erreichten sie Transnistrien?
  3. Welche Dokumente gibt es über die Rückkehr der deportierten Roma?
  4. Was für eine Rolle haben die rumänischen Wissenschaftler in den 30er und 40er Jahren hinsichtlich der Deportationen gespielt?

Die Reihe ließe sich fortführen. Um den Bannkreis der wissenschaftlichen Indifferenz zu durchbrechen müßte endlich eine wertfreie dokumentarische Aufarbeitung der damaligen tragischen Ereignisse erstellt werden. Das wäre nicht nur wegen der Vergangenheit, sondern auch wegen der Verhinderung ähnlicher Verfolgungsmechanismen in der Zukunft von großer Bedeutung.

Bis heute betrachten viele Rumänen die Deportation der Roma als einen gerechtfertigten Vorgang.

Photos: Paul Meisner

ROMANO CENTRO Nr. 27, 12/1999


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Letzte Änderung am 06/01/07