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ROMANO CENTRO Nr. 27, 12/1999


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NACHBAR IN NOT.
Bericht aus der Slowakei

Photo: Jan SajkoWir lesen mit Erstaunen, daß der Europarat die Slowakei auf Grund der erreichten Fortschritte zur Angleichung seiner demokratischen und rechtsstaatlichen Normen aus der politischen Überwachung entlassen hat. Auch die Menschenrechtsfrage entspreche nun ganz den Anforderungen der Straßburger Organisation. Ebenso soll sich der Hohe Kommissar zu nationalen Minderheiten Max van der Stoel lobend über die neuen, vorbildlichen Gesetze geäußert haben. Damit dürfte die Slowakei eine weitere Voraussetzung für die Aufnahme in die Europäische Union erfüllt haben, die die Sicherung der Rechte der Minderheiten im Lande voraussetzt.
Wir wünschen der Slowakei von Herzen die Mitgliedschaft in der Europäischen Union, Probleme unter den Teppich zu kehren , scheint uns aber nicht der richtige Weg . Ganz Europa sollte aufgerufen werden Mißständen abzughelfen, mit denen das Land alleine nicht fertig wreden kann.

Photo: Jan SajkoBei näherer Betrachtung allerdings ist die Lage der Roma im Lande äusserst gefährdet. Besucht man ihre Siedlungen in der Slowakei, kommen einem massive Zweifel an der Durchsetzbarkeit dieser schön frisierten Gesetze. Zum Beispiel wurde ein Gesetz für Minderheitensprachen verabschiedet, das vorsieht, daß in allen Städten und Dörfern, in denen mindestens 20% einer Minderheit leben, deren Sprache auch im Kontakt mit Behörden verwendet werden kann. Selbst schriftliche Eingaben dürfen in dieser Sprache gemacht werden. In namentlich angeführten 57 Siedlungen gilt demnach Romanes auch als Amtssprache.
Den Verfassern dieses Gesetzes ist freilich entgangen, daß die Sprache der Roma eine mündlich überlieferte ist und bis heute in der Slowakei nur ein verschwindend kleiner Teil der Roma ihre Sprache schreiben kann, viele können bis heute überhaupt nicht schreiben. Angenommen es würde sich dennoch jemand finden der ein "Amtsromanes" beherrschte, dann würde er mit Sicherheit in keinem Amt einen Ansprechpartner finden, der auf Eingaben in Romanes reagieren könnte. Das Gesetz scheint demnach vielleicht für die ungarische und ev. die ukrainische Minderheit anwendbar, keinesfalls aber für Roma. Dazu kommt, daß unklar ist wie die Liste der 57 Orte überhaupt zustande gekommen ist. Angesichts der Tatsache, daß in der Kommunistischen Zeit Roma als Minderheit nicht anerkannt waren und ihre Sprache verboten wurde, geben die meisten Roma auf allen Papieren slowakisch oder ungarisch als Nationalität an. Wie haben die Behörden denn da überhaupt festgestellt wo 20% der Bewohner Roma sind? Bis vor einiger Zeit haben sich 6 Wissenschaftler an der Akademie der Wissenschaften in Koœice mit Fragen über Roma ernsthaft auseinandergesetzt, jetzt ist wegen Sparmaßnehmen gerade noch eine Historikerin damit beschäftigt.

Vi vor našti arakhêl bućiWeiß niemand oder will gar niemand wissen was die Roma wirklich brauchen? In manchen Siedlungen sind alle Roma arbeitslos, in manchen "nur" 90%. Die Lehrer, die dort unterrichten, kommen aus der Stadt, verdienen wenig und müssen die Transportkosten selbst bezahlen. O Klassen sind zwar vorgesehen, in den Siedlungen aus Platzgründen meist aber gar nicht möglich. Über diese Zustände gibt es keine Daten. Es gibt einige Vorzeigemodelle in der Stadt, von denen die Masse der Roma in den Dörfern kaum weiß und nichts profitiert.
Nicht berücksichtigt wird, daß in der Kommunistischen Zeit ab Anfang der 50er Jahre die Sprache der Roma verboten war, sie nicht als ethnische Gruppe geehrt, sondern als niederste soziale Gruppe verachtet wurden. Zudem ist die derzeitige Arbeitslosigkeit demoralisierend. Viele Romaeltern sehen keinen Sinn in der Entwicklung ihrer Kinder, deren Schulbedürfnisse erst geweckt werden müßten. Die Schulen haben kein Geld für Hefte und Unterrichtsmaterial. Begabten Kindern gestatten die Eltern Weiterbildung nicht, weil sie Transport- und Essenskosten nicht bezahlen wollen. Die wenigen Projekte, die beschlossen wurden, sind ein Tropfen auf den heißen Stein. Es gibt für die Roma kaum Geld.

Wir haben eine Anregung, für die die Regierung kein Geld in die Hand nehmen muß:
Ausweise für Freifahrten am Autobus für Lehrer, die in den Roma-Siedlungen unterrichten und für Romakinder, die von dort in weiterbildende höhere Schulen fahren.
Das wäre eine nicht zu unterschätzende Hilfe, die nicht nur in den Händen einiger weniger Chefs landen würde, sondern eine beispielgebende Aktion für alle Roma.

Wir bitten die Regierung der slowakischen Republik unseren konkreten Vorschlag umzusetzen.

Photos: Ján Sajko

ROMANO CENTRO Nr. 27, 12/1999


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Letzte Änderung am 06/01/07