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ROMA IN TSCHECHISCHEN SCHULEN
von Stephan Müller, Politologe
"Ob wir für unsere Kinder noch etwas ändern können, das wissen wir nicht. Aber die Kinder unserer Kinder können dann vielleicht ein besseres Leben haben. Denn ohne Schule und Ausbildung werden sie keine Chance haben." Martin weiß wovon er spricht. Er hat selbst nur die Sonderschule besucht und ist seit Jahren arbeitslos. Sein Sohn Milan geht auch auf die Sonderschule. Wie die meisten Kinder wurde er im Alter von sechs Jahren von Psychologen getestet und die empfahlen den Besuch einer Sonderschule.
Milan ist kein Einzelfall. In Tschechien, wie in nahezu allen Ländern des ehemaligen Ostblocks, werden die meisten Roma von einem gnadenlosen Schulsystem, von Lehrern und Psychologen in Sonderschulen abgeschoben. Selbst die tschechische Regierung spricht davon, daß ca. 75% aller Roma Kinder auf Sonderschulen gehen.
Zehn Jahre hatte das neue demokratische Tschechien Zeit, den unerträglichen Zustand im Schulsystem zu ändern, doch außer leeren Absichtserklärungen ist nichts geschehen. Der European Roma Rights Center (ERRC), eine internationale Organisation mit Sitz in Budapest, hat daher in den letzten Monaten eine detaillierte Untersuchung über die Situation der Roma im tschechischen Schulwesen durchgeführt, welche die Diskriminierung der Roma eindeutig belegt.
Daraufhin haben Martin und elf weitere Eltern aus Ostrava, deren Kinder auf Sonderschulen gehen, mit Unterstützung des ERRC und lokaler Roma-Organisationen, eine Klage vor dem tschechischen Verfassungsgericht wegen "systematischer Rassentrennung und rassistischer Diskriminierung der Roma im Schulwesen" eingereicht. Die Belege sind erdrückend.
In den Sonderschulen in Ostrava stellen die Roma weit über die Hälfte aller Schüler, obwohl sie nicht einmal zehn Prozent der Bevölkerung stellen. In einigen Schulen sind sogar über neunzig Prozent Roma. Die Wahrscheinlichkeit, daß ein Roma Kind in Ostrava auf die Sonderschule geht, ist 27 Mal größer als daß ein Nicht-Roma Kind auf die Sonderschule gehen muß. Sind schon diese Zahlen Beweis genug für die Diskriminierung der Roma, wird sie durch die Vorgehensweise wie die Kinder in die Sonderschulen geschickt worden sind, noch verstärkt. Eigentlich sollten die Kinder vor dem Besuch einer Sonderschule einem Test unterzogen werden und die Eltern müssen einem Besuch der Sonderschule zustimmen. Die Untersuchungen des ERRC ergaben aber, daß viele Roma Kinder ohne einen Test von der Grundschule auf die Sonderschule transferiert worden sind, und das oft ohne die Zustimmung der Eltern.
Die Sonderschulen sind laut Gesetz für "geistig zurückgebliebene" Kinder. Dementsprechend ist der Lehrplan gestaltet. Die Kinder, die die dritte Klasse an der Sonderschule beenden, haben den Wissensstand von Erstklässlern. Ein Kind, das einige Jahre an der Sonderschule verbracht hat, hat daher kaum die Möglichkeit auf eine Grundschule zu wechseln. Nach Abschluß der Sonderschule können die Kinder gerade einige Hilfstätigkeiten erlernen. Sie werden von einem gesellschaftlichen Aufstieg und einer gesellschaftlichen Integration ausgeschlossen.
Petr Horvath, der Vorsitzende des Büros der Vereinigung der Roma in Ostrava, Mähren, sieht in der Tatsache, daß die meisten Roma auf Schulen für "geistig zurückgebliebene Kinder" abgeschoben werden, daher auch einen der Hauptgründe für die katastrophale Lage der Roma in Tschechien. Denn damit wird den Roma schon im Kindesalter von den "Weißen" deutlich gemacht, daß sie anders seien als die "Weißen" und daß die "Weißen" nichts mit ihnen zu tun haben möchten. Die Roma haben weniger Selbstvertrauen, sie haben wenig Kontakt mit den "Weißen" und sie haben kaum eine Chance Arbeit zu bekommen.
Daher unterstützt Petr Horvath auch die Familien mit einem Projekt, in dem die Kinder sich am Nachmittag in einem Kulturzentrum treffen können, um gemeinsam zu lernen, aber auch zu spielen. Gemeinsam mit ihren Betreuern machen sie Ausflüge, um Ostrava und Umgebung kennenzulernen, weil sie sonst kaum ihre Viertel verlassen. Petr Horvath sieht aber noch eine weitere Bedeutung in den Ausflügen. "Wir wollen den Kindern dadurch aber auch vermitteln, daß sie Ostrava und Tschechien als ihre Stadt und ihr Land ansehen, denn wir Roma leben hier genauso wie die Weißen und dürfen uns nicht verstecken."
Die Klage der Eltern vor dem Verfassungsgericht ist eine bisher einmalige Aktion, die viel Mut erforderte. Denn die Erfahrungen der Roma sind eher diejenigen, daß sie von den Institutionen der "Weißen" keine Gerechtigkeit erwarten können und daß Widerstand zu Konsequenzen führt, was einige Kinder in den Schulen auch schon zu spüren bekommen haben. Die Angst und die Unsicherheit über die Konsequenzen ihrer Klage sind daher unter den Eltern stark verbreitet. Martin und die anderen Eltern haben den Mut aber aufgebracht, weil sie erkannt haben, daß sie sich wehren müssen, wenn sie etwas ändern wollen. Dabei fordern sie vom tschechischen Staat nur etwas ganz Alltägliches: Daß er ihren Kindern die gleichen Chancen zubilligt wie sie Nicht-Roma haben.
Den Interessierten an einer detaillierten Information zu Roma und Schule
in Tschechien empfehlen wir: A Special Remedy. Roma and Schools for Handicapped
in the Czech Republik. ERRC (Hg.), Juni 1999.
Photos: R. Erich, D. Jevremović
ROMANO CENTRO Nr. 26, 09/1999
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