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Ausnahmsweise bringen wir auf dieser Seite keinen Text eines Rom, sondern einen Auszug aus dem Buch
"Der Aschenmensch von Buchenwald"
von Ivan Ivanji, Picus Verlag, 1999
Während ich das schreibe, berichtet mir meine Tochter von einem Gespräch mit ihrer Tochter, meiner Enkelin. Vor einem halben Jahr ist ein Mitschüler der Fünfzehnjährigen, ein Romajunge, von zwei sechzehnjährigen Skinheads mitten im Stadtzentrum Belgrads totgeschlagen worden. Er war für seinen Vater ein Bier und für sich ein Cola holen gegangen. Die beiden etwas älteren Buben schlugen ihn nieder und traten mit ihren Stiefeln so lange auf ihn ein, bis er sich nicht mehr rührte.
Es ist der einzige, so schwerwiegende, Zigeuner betreffende Fall, von dem ich in meiner Heimat weiß. Also nichts Alltägliches, wenn gleich in einem krisengeschüttelten Land, in dem der Mord neue Orgien feiert. Aber dieses Opfer ging in dieselbe Klasse wie meine Enkelin Anna und war mit ihr befreundet.
Anna war erschüttert. Für ihre vierteljüdische Herkunft hat sie sich nie interessiert. Über Konzentrationslager hat sie mich nie befragt. Ich habe ihr nie etwas aufdrängen wollen. Hätte ich es tun sollen?
In der letzten Zeit habe ich oft daran gedacht, daß sie jetzt genau, aber ganz genau in dem Alter ist, in dem ich war, als ich nach Auschwitz und Buchenwald verbracht wurde. Ich glaube, ich habe mich damals schrecklich erwachsen gefühlt. Vielleicht erwachsener als heute.
Und meine Enkelin Anna?
Der erste Tod eines Altersgenossen wühlt auf. Die gewaltsame Art dieses Todes kann sie nicht verkraften. Auf einem Tisch neben ihrem Bett hat sie dem Romajungen einen Altar mit seinem Bild, Blumen, kleinen Steinen, Muscheln errichtet. Weder mit ihren Eltern noch mit mir hat sie das Gespräch über den Vorfall gesucht.
Sechs Monate nach dem Tod eines geliebten Menschen gehen orthodoxe Christen zum Grab und zünden Kerzen an. Ein Teil der Schulklasse meiner Enkelin hatte das vor. Die Roma in Serbien sind orthodox. Anna wollte mit. Der Friedhof, auf dem der Junge begraben liegt, ist weit. Meine Tochter war dagegen, daß ihre Tochter dorthin fährt und Kerzen nach einem fremden Ritual anzündet, sie war vielleicht auch besorgt, es könnte zu Ausschreitungen kommen. Ich empfahl ihr, Anna nichts zu verbieten, ihr ihre Meinung zu erklären, aber dem Mädchen die Entscheidung selbst zu überlassen, wie es seine Trauer ausdrücken wolle. Sie sei kein kleines Kind mehr. Ich unterließ es, meine Tochter daran zu erinnern, daß ich in Annas Alter schon in Auschwitz war.
Das Gespräch fand statt. Anna ist nicht gegangen, hat keine Kerze nach orthodoxer Art angezündet. Vielleicht wäre es eine Erleichterung für sie gewesen, etwas zutun. Vielleicht ist es besser, keine Erleichterung zu finden, sondern zu wissen, wie die Welt ist, in der man leben muß, in der man erwachsen wird. Ich weiß das nicht. Buchenwald wird sich nicht wiederholen. Aber andere Grausamkeiten, für jeden, der sie erlebt, neu. So wie immer schon, seit allen Ewigkeiten.
Es wiederholt sich alles.
Wiederholt sich alles ?
Ich bin immer weniger davon überzeugt, etwas zu wissen.
Ich werde unwissend sterben.
Ivan Ivanji wurde in Zrenjanin im Banat geboren.
Er war als Jude in den Konzentrationslagern Auschwitz und Buchenwald
und lebt heute in Wien.
Photo: J. Koudelka
ROMANO CENTRO Nr. 26, 09/1999
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