English | Deutsch
LINGUISTIK    UNTERRICHT   ROMANI CLUSTER    PUBLIKATIONEN   


    ROMANO CENTRO

ROMANO CENTRO Nr. 25, 06/1999


< zurück | Romani

Unsere Lernhilfe

Schule ist für Kinder und Eltern nicht immer bequem, auch für Gadsche nicht. Sie aber haben durch Jahrhunderte eingebläut bekommen, daß es wichtig ist, lesen und schreiben zu können und auch nützlich noch ein wenig mehr zu wissen. Bei uns Roma war das anders. Selbst wenn vorgeschrieben war zu lernen, waren wir doch oft in der Schule ausgegrenzt und nicht immer willkommen. Wozu auch hätte uns in alten Zeiten theoretisches Wissen genützt, mußten wir doch oft lernen, außerhalb der Gadsche-Gesellschaft zu überleben. Früher war für unsere Berufe wichtiger, das Handwerk des Vaters so früh als möglich zu lernen und unter schlechten Bedingungen sommers wie winters zu überleben. Was hätte da z.B. einer Romni Schulwissen genützt?

Großmutter von Sofija Jovanovič mit FamilieIn Österreich, heute wird aber die Schulpflicht sehr ernst genommen. Immer wieder müssen Roma Strafe zahlen, weil die Kinder nicht regelmäßig in die Schule gehen. Dazu kommt, daß Schulkinder von anderen oft ausgelacht werden, wenn sie in der Schule nichts können und nicht regelmäßig erscheinen. Das ist natürlich schlimm und kein Wunder, daß den Kleinen die Lust dann vergeht wieder in die Klasse zu kommen. Man muß bedenken, daß hier und heute schon nützen kann, zu lernen und haben sie sich eine Weile angestrengt, macht es ihnen auch Spaß etwas zu können. Sie sind dann zum Beispiel in Ämtern nicht so sehr auf Gadsche angewiesen und haben es später leichter Berufe zu ergreifen, die besser bezahlt sind. Aus all diesen Gründen liegt uns die Lernhilfe sehr am Herzen. Derzeit helfen etwa 15 Studenten, insgesamt 40 Kindern ein- bis zweimal in der Woche zu Hause beim Lernen und, wenn die Eltern das wünschen, fragen sie auch einmal bei den Lehrern nach. In der Regel hilft das den Kindern sehr: Die Lehrer merken die Anstrengung, die Noten verbessern sich und die Familie gewinnt meist auch einen Freund oder eine Freundin.

Einmal im Monat treffen sich alle Lernhelfer im Romano Centro, dann lernen sie selbst voneinander und vor allem von Fritzi Kovacic, einer erfahrenen Lehrerin aus der Petrusgasse, die uns auch das gar nicht so einfache Schulsystem erklärt, wenn es sich wieder einmal ändert. Gute Studenten zu finden ist gar nicht so leicht, deshalb können wir alle Wünsche vor allem gegen Schulschluß nicht immer sofort befriedigen. Bisher ist dann aber doch noch gelungen, jemanden zu finden und vor allem auch Geld dafür aufzutreiben. Für Romafamilien kostet die Lernhilfe nichts, die Studenten aber leben auch nicht von Luft und bekommen die Stunden gezahlt.

Sehr gut war auch die Roma-Assistentin, Kati Simić, die in der Schule Petrusgasse für uns arbeiten durfte. Sie konnte dolmetschen und auch den Kindern helfen und war sehr beliebt. Kinder aus Romafamilien durften zum Beispiel oft nicht auf Wandertage oder zum Schwimmen mit der Klasse gehen. Als sich Kati bereit erklärte, die Kinder wieder nach Hause zu bringen, waren die Ausflüge keine Gefahr mehr. Leider hat Kati nun geheiratet und keine Zeit mehr. Wir hoffen, spätestens im Herbst eine Nachfolgerin zu finden.

Noch ein Zukunftstraum bleibt Romanesunterricht für die Kinder.
Wir wollen gerne helfen, daß unsere Sprache
nicht verloren geht.

Photo: Großmutter von Sofija Jovanovič mit Familie

ROMANO CENTRO Nr. 25, 06/1999


ROMANO CENTRO

2001
2000
1999
1998
1997
1996
1995
1994
1993



Seitenanfang

Letzte Änderung am 06/01/07