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ROMANO CENTRO Nr. 25, 06/1999


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Freude und Verdruß
Zum Erinnern an Sidonie Adlersburg

von Erich Hackl

Vor dreizehn Jahren begann ich, nach Lebensspuren des Findelkindes Sidonie Adlersburg zu suchen. Obwohl ich in der näheren Umgebung seines Wohnortes aufgewachsen bin - in Steyr, und die Gemeinde Sierning, in der Sidonie gelebt hat, ist nur acht Kilometer entfernt -, war mir die Geschichte des Mädchens unbekannt, das die Nazibehörden "als Zigeunermischling, wenn nicht als Vollzigeuner (und zwar als Rom-Zigeuner)" eingestuft hatten. Erst dank ihres Bruders Manfred Breirather - seine Eltern hatten Sidonie 1933 in Pflege genommen und sich rührend um sie gekümmert - hörte ich von dem Mädchen, das 1943, mit zehn Jahren, in Birkenau ermordet worden war.

Die Geschichte war damit freilich nicht zu Ende. Sie umfaßt Jahre des bangen Hoffens von Hans und Josefa Breirather, die erst lang nach Kriegsende Gewißheit über das Schicksal Sidonies bekamen. Sie windet sich über die Jahre, in denen jeder Versuch des Pflegevaters, ihr Erinnern zu veräußern, etwa in Form einer Gedenktafel oder eines öffentlichen Eingestehens von den Sierninger Gemeindevertreter zurückgewiesen wurde. Das ist geschehen und hätte nicht geschehen müssen. Zum Unwillen, an ein Mädchen zu erinnern, das auch an der Herzensträgheit und an der Niedertracht mancher Nachbarn gestorben ist, gesellte sich die Abneigung gegen politisch Verfemte - Breirather war Kommunist.

E.L. KirchnerAls Hans Breirather 1980 starb, war es sein Sohn, der das Anliegen seiner Eltern als Pflicht übernahm. Aber in der Gemeinde stellte man sich weiterhin taub, winkte ab oder vertröstete es auf später, wenn diejenigen, die das Gedenken an das Mädchen beeinspruchen könnten, gestorben seien. Erst 1989, im Gefolge des Aufsehens über meine Erzählung und den Fernsehfilm von Karin Brandauer, wurde eine Tafel an der Fassade des Heims der Sozialistischen Jugend angebracht: "Zum Gedenken an Sidonie Adlersburg..." Weniger eine Geste, vielmehr Ausdruck einer bauernschlauen Überlegung, die ungefähr so ging: Die SJ ist quasi ein privater Verein, ihr Heim dazu noch sehr abgelegen, die Sache wird also keine großen Wellen schlagen und der SPÖ - die den Bürgermeister stellte - keine Stimmen unter den Rassisten, Antikommunisten und Fanatikern des Vergessens kosten. Allerdings blieb das Versprechen offen, irgendwann auch offiziell des Mädchens zu gedenken. Die Jahre vergingen, die Tafel am Jugendheim verwitterte, irgendwann wurde sie mit Mülleimern halb verdeckt - und immer noch war Manfred Breirathers Verlangen nach einem würdigen Ort des Erinnerns und nach einem wirklich öffentlichen Bekenntnis zu seiner Schwester ungestillt. Unterstützt wurde er von Lesern meiner Erzählung, unter ihnen Lehrer und Schüler aus dem Ausland, die das skandalöse Verhalten der Gemeinde Sierning nicht hinnehmen wollten. Wieder tönten die Versprechen aus dem Gemeindeamt: Nach der nächsten Wahl tun wir das! Aber die nächste Wahl ging vorüber, und die übernächste, und nichts geschah.

E.L. KirchnerBis eines Tages beschlossen wurde, im Ortsteil Letten einen Gemeindekindergarten zu errichten, der den Namen Sidonie Adlersburg tragen soll. Im Hof, oder vor dem Eingang, eine Bronzeplastik aus Granit, an der der Steyrer Bildhauer Gerold Brandstötter schon fleißig werkelt. Der Vizebürgermeister (zugleich Kulturreferent) Hermann Weingartner, der diese Initiative getragen hat, ist um Diskretion bemüht. Je weniger über die Sache geredet wird, desto besser! Es gab Widerstände gegen den Gemeinderatsbeschluß, auch in Weingartners Partei (der SPÖ), mehr noch unter den Konservativen von der Volkspartei, am heftigsten vom Gemeindevorstand der FPÖ, Josef Großauer, der zwar entschieden für den Bau des Kindergartens eintrat, aber nach der Abstimmung betonte, er habe weder für den Namen noch für das Mahnmal seine Zustimmung gegeben. "Nur die Namensgebung macht mir Sorgen, die wertet das Haus ab!" erklärte er bei der öffentlichen Gemeinderatssitzung im Jänner des Vorjahres, bei der das Haushaltsbudget beschlossen wurde, und schon vorher hatte er in einem wirren Leserbrief an die "Steyrer Rundschau" seinen Widerwillen damit begründet, daß "die Sierninger Kindergartenkinder nicht von solchen Geschehnissen belastet werden sollten. Vielmehr sollte die heutige Jugend eine weltoffene und vorurteilsfreie Erziehung genießen, um im weiteren Leben mit Freude und innerer Stärke den Herausforderungen entgegentreten zu können." Ach, der dreiste Jargon der Herausforderung, wie mein Freund Konstantin Kaiser sagen würde: Als wäre unser Leben immer nur ein Handicap, und schon die Kindergartenkinder müssen sich abstrampeln, um aus dem Minus rauszukommen.

Nächstes Jahr soll der Sidonie Adlersburg-Kindergarten feierlich eröffnet werden. Gut so! Aber kein Grund zur Euphorie. Denn viel zu lange hat sich kein Ortsansässiger (ausgenommen Pfarrer Viehböck, aber den hat es auch nicht lange hier gehalten) öffentlich für ein Gedenken an Sidonie eingesetzt. Und wenn es nur zwei gewesen wären, die Mauer des Schweigens wäre schon vor Jahren eingestürzt. So aber war jedes Wort für Sidonie ein Wort von außen, und gegen außen muß man sich bekanntlich wappnen - "um im weiteren Leben mit Freude und innerer Stärke den Herausforderungen entgegentreten zu können".

"Zum Unwillen, an ein Mädchen zu erinnern, das auch
an der Herzensträgheit und an der Niedertracht mancher Nachbarn gestorben ist,
gesellte sich die Abneigung gegen politisch Verfemte".

Illustration: E.L. Kirchner

ROMANO CENTRO Nr. 25, 06/1999


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Letzte Änderung am 06/01/07