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ROMANO CENTRO Nr. 24, 03/1999


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Mein schönes Fräulein, darf ich wagen ...

Ein Fragment aus der Geschichte der sozialen Fürsorge in der ehemaligen Tschechoslowakei.

von Ruben Pellar

M.F. HeinschinkIm Herbst des Jahres 1989 kaufte ein Prager Akademiker ganz plötzlich eine Schnellzugkarte nach N.
Der Großvater des Mannes war blind, Vater und Bruder stark kurzsichtig, eine Tante hatte Netzhautablösung und er selbst musste Brillen mit 8 Dioptrien tragen. In seiner Diplomarbeit hatte sich der Germanist vor langer Zeit mit Versen eines Deutschen Dichters befasst, dessen Mutter (Vater?) eine Romni war ("ein Volk versinkt in geistiger Umnachtung" und: "Es ist im Leben häßlich eingerichtet..."). Was den Philologen so erregte, waren Gerüchte, die von der Charta 77 und auch aus den Niederlanden kamen. Konnte wirklich stimmen, daß Personen, die sich einem "medizinischen Eingriff gemäß besonderer Vorschriften im Interesse der gesunden Population und zur Überwindung der ungünstigen Familienverhältnisse unterwarfen", zu deutsch für Sterilisation, mit finanziellen Beträgen belohnt wurden? (§§ 31 u. 35, 151 u. 152 Abs.4 der Verlautbarungen). Tatsächlich hatte sich bald herausgestellt, daß in der Slowakei bis zu 25.000 tschechoslowakische Kronen und in der Tschechischen Republik etwa die Hälfte dieses Betrages für Sterilisation bezahlt wurden..

Deswegen fuhr unser Akademiker nun in die Stadt N. Er wollte die Praxis der Sterilisierung von tschechoslowakischen Bürgern untersuchen, die von anderen Zigeuner, von sich selbst aber Roma genannt werden.
In N. schienen sich die Gerüchte zu bewahrheiten. Eine Mitarbeiterin der sozialen Fürsorge bestätigte, daß sich Romafrauen sterilisieren liessen und nannte zum Beispiel den Fall eines genetisch blinden, kinderlosen Mädchens, das sich ganz freiwillig die Chance hatte nehmen lassen jemals Kinder zu bekommen.
"Warum", grübelte der Absolvent der Philosophischen Fakultät: "warum lassen sich junge Mädchen freiwillig sterilisieren? Haben sie etwa Schopenhauer gelesen und wollen ihren Nachkommen das Leid der Existenz ersparen? Ich möchte gerne hinter dieses Geheimnis kommen". Dankbar nahm er das Angebot der freundlichen Sozialarbeiterin an, ihm ihre theoretische Arbeit über die Roma in N. zur Verfügung zu stellen. Die Arbeit konnte seine Fragen freilich nicht beantworten, es war eher eine kriminologische. Die Roma wurden darin als meistens verbrecherisch und ihre rasche Vermehrung als Gefahr für die Gesellschaft bezeichnet. Die Überlegungen mündeten in dem Vorschlag man solle die finanzielle Prämie für die Unterbrechung der Fertilität an Romafrauen stark erhöhen. Die aufgeklärte Mitarbeiterin der Wohlfahrtspflege wußte wahrscheinlich nicht, daß ihre Arbeit an Eva Justins "Lebensschicksale artfremd erzogener Zigeunerkinder und ihrer Nachkommen" (Schuetz, Berlin l944) erinnerte. Der Vorschlag der Fürsorgerin war analog zu Schocleys Vorschlag Individuen mit niedrigerem IQ als 100 zu belohnen, wenn sie sich freiwillig sterilisieren lassen.

M.F. HeinschinkDie Zeit rückte voran, es kam der November 1989, der Sozialismus wurde abgeschafft und die §§ 31 und 35 der Verlautbarung 152 aufgehoben. Die Resultate der beunruhigenden Recherchen (die nicht nur von unserem Germanisten unternommen worden waren) wurden der Generalprokuratur (Staatsanwaltschaft) der Tschechoslowakei mit der Bitte um Stellungnahme zugesandt. Die Antwort der slowakischen Generalprokuratur vom 16.1.1991 konstatierte zwar in einigen Fällen, daß diese Personen durch die Zusage finanzieller Unterstützung motiviert, jedoch nicht gezwungen worden waren. Die Antwort des zuständigen Amtes der tschechischen Republik ließ, trotz mehrmaliger Urgenzen, auf sich warten. Erst im Jahre 1998 erreichte die Antwort der tschechischen Generalprokuratur unseren Philologen! Es sei alles in Ordnung, hieß es darin, obwohl auch in diesem Fall festgestellt wurde, daß die sterilisierten "Objekte der Sozialfürsorge" durch die ausgezahlten Summen motiviert worden seien, von niemandem aber sei Zwang ausgeübt worden.
Und was wurde aus dem dem blinden Mädchen aus N., wird der Leser wissen wollen? Auch zu ihrem Fall hat die tschechische Prokuratur Stellung genommen: Alles in Ordnung. Die dreiundzwanzigjährige hat sich freiwillig sterilisieren lassen. Und übrigens kommt sie aus einer genetisch ophtamologisch schwer geschädigten Familie, hat acht Geschwister, davon zwei blind und wäre nicht imstande für ein Kind zu sorgen. Sitzt jetzt das blinde, schon etwas gealterte Mädchen in einem Stuhl, die freudige Stimme des Lebens in ihr auf ewig ausgelöscht, das Schopenhauer Brevier in ihrem toten Schoß und liest von der "... Wertlosigkeit aller Dinge... und fühlt das Leben als eine bloße Bürde, die bis zum Ende, das nicht fern sein kann, getragen werden muß...?" (Siegfried H. Schopenhauer-Brevier. Schuster & Loeffler. Berlin und Leipzig l902. S211).

Und was ist aus unserem entsetzten, aufgeregten Reisebeschreiber geworden? Er entschloß sich wiederum Germanist zu werden - als Theoretiker der sozialen Fürsorge war er gescheitert. Er sieht sie nun wieder, die Kollegen, die er schon damals mit trübem, kurzsichtigem Auge gesehen hatte. Schon ergraut, sitzt er in einem schäbigem Doktorandenzimmer und liest im Buch "LTI. Die unbewältigte Sprache. Aus dem Notizbuch eines Philologen" von Viktor Klemperer, das Kapitel 27. "Die jüdische Brille" (DTV München 1969. S.287). Und neben ihm sitzt zufällig auch ein blindes Mädchen (ein anderes, nicht das aus der Stadt N.), sie klimpert energisch auf der Blindenschreibmaschine und ist am besten Wege Frau Doktor werden.
Unser nun wieder Germanist stellt sich die Frage:
Falls kein Zwang ausgeübt worden ist, wäre dann nicht auch erlaubt und nützlich eine Stiftung zur Beförderung der Freiwilligen Selbstvernichtung lebensunwerten Lebens zu gründen? Diese Stiftung könnte allen Personen ein hübsches Sümmchen gewähren , "die sich im Interesse der gesunden Population einem medizinischen Eingriff unterziehen", zum Beispiel den Generalprokuratoren, den Großvätern und Germanistinnen (Mein schönes Fräulein darf ich wagen, ihr eine Sterilisierung anzutragen?). Es ist im Leben häßlich eingerichtet, daß nach Fragen Fragezeichen stehen.

Sitzt jetzt das blinde, schon etwas gealterte Mädel
in einem Stuhl, die freudige Stimme des Lebens in ihr auf ewig ausgelöscht
und empfindet das Leben als bloße Bürde?

Photo: M. F. Heinschinkh

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