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VOM LEBEN DER ROMA IN DER OSTSLOWAKEI
von Jacob Hurrle
Jacob Hurrle arbeitete im Rahmen seines Zivildienstes fast zwei Jahre in der Tschechischen Republik bei der hCa-Roma Sektion in Brünn. Anschließend reiste er mit Förderung der Schwarzkopf Stiftung Juli/August durch die Slowakei. Im folgenden einen Auszug aus seinem Reisebericht.
(...) Nur Fußpfade und ein schlammiger Fahrweg führen zu den armseligen hölzernen Hütten, von denen manche aussehen wie winzige Verschläge oder Werkzeugschuppen. Und doch sind es die Behausungen ganzer Familien! Es ist schlimmer, als ich mir vorgestellt hatte! Mittelalterliches Elend mitten im heutigen Europa. Nicht alle leben in den Hütten, ein größerer, schon etwas älterer Plattenbau sollte wohl einmal die moderne Zeit auch zu den Roma von P. bringen. Im Vergleich zum Elend der Roma-Siedlung (romská osada) danach das slowakische Dorf: stattliche Häuser, schöne gepflegte Gärten - auch hier wird es Armut geben, aber sie ist versteckt. Politisch gehört die osada zum Dorf P., doch schon die Verweigerung der allersimpelsten Infrastruktur macht auf den ersten Blick deutlich, daß hier wohl niemand auf die Idee käme, daß auch die Roma Bürger des Dorfes sind und die gleichen Rechte genießen.
Die Kommunikation zwischen den beiden Gruppen ist auf das allernotwendigste beschränkt: "Was kostet das?" - "20 Kronen" - "Gut, ich nehme es", mehr ist es meistens nicht. Keine Grüße, kein Zeichen des Wiedererkennens. Dabei müssen sich die Leute hier kennen, diese Dörfer am Ende der Welt sind so klein; viele werden zusammen in die Schule gegangen sein und, bevor die Arbeitslosigkeit kam und die Isolation noch weiter verschärfte, auch zusammen gearbeitet haben.
(...) N. und R., zwei Dörfer in der nahen Umgebung haben sich durch ihre restriktive Politik gegen Roma einen Namen gemacht: Roma wurde kurzerhand gesetzlich verboten, die beiden Orte überhaupt zu betreten! Das "Legal Defence Bureau for National Minorities" in Kosice hat zweimal den Versuch unternommen, diese auf allergröbste Weise verfassungswidrige Verordnungen mit Hilfe des Obersten Gerichts anzugreifen - und ist zweimal gescheitert. Frau Koptová berichtet: "Das erste Mal hat das Gericht sich geweigert, sich des Falles anzunehmen, da wir - da nicht aus der Gegend und also nicht wirklich betroffen - nicht klageberechtigt seien. Wir haben es deshalb noch einmal versucht und einen Rom in Medzilaborce gefunden, der bereit war, als Mitkläger aufzutreten. Doch wieder wurde die Klage abgewiesen. Begründung: Auch dieser Kläger könne nicht nachweisen, direkt von dem Verbot betroffen zu sein. Das zeugt doch von einer vollkommen absurden Rechtsauffassung: Ich kann ein Gesetz erst dann angreifen, wenn man nachweisen kann, das schon jemand geschädigt wurde."
(...) A. Koptová: "Es ist nicht zu fassen, wie naiv die sind. Die sind tatsächlich davon überzeugt, vollkommen im Recht zu sein." (...) Den eigentlichen Skandal sehe ich auch nicht darin, daß irgendwelche Schildbürger so etwas beschließen, sondern, daß es in der Slowakei nicht möglich ist, solch klar verfassungswidrige Gesetze juristisch anzugreifen.
(...) Für den 37jährigen L. sind einzig und allein Meciar und seine Regierung schuld am wachsenden Elend unter den slowakischen Roma. (...) Die Regierung versuchte systematisch, das Ausland über die wirkliche Situation im Land zu täuschen. Dem komme das minimale Interesse des Auslands für dieses Thema natürlich sehr entgegen. Aufgrund des starken Drucks aus Ungarn werde die slowakische Minderheitenpolitik praktisch ausschließlich anhand der Situation der ungarischen Minderheit gemessen. "Die Ungarn kämpfen für Sonderrechte: zum Beispiel für das Recht auf zweisprachige Zeugnisse, für Autonomie ihrer Schulen und so weiter. Davon können die Roma nur träumen. Unser Kampf ist ein Kampf ums nackte Überleben". Wenn in den internationalen Gesprächen dennoch einmal eine Frage zur Situation der Roma gestellt werde, wiegele die Regierung sofort ab: "Wir arbeiten daran. Alles im Griff." Eine ganze Reihe von Roma, die sich für die Regierung einspannen lassen, unterstütze diese tatkräftig bei der Verschleierung der bitteren Realität. Von den europäischen Institutionen ist L. enttäuscht: "Uns kann der Europarat viel erzählen. Über ihre tolle Institutionen, über Menschenrechte ... - wir lachen darüber! Was hilft uns ein Kommissar in Straßburg, dem man einen ganzen Stapel von Dokumenten über Menschenrechtsverletzungen mit allen Belegen zuschicken kann und nicht einmal eine Antwort erhält ... Wir wollen doch nichts weiter als moralische Unterstützung. Ist das zuviel verlangt?"
(...) Heute gibt es in der Slowakei etwa 450-500.000 Roma. Damit ist der prozentuale Anteil der Roma an der Gesamtbevölkerung in der Slowakei weltweit am größten. Einige Statistiken prophezeihen, daß es (...) in fünfzig Jahren, ungebrochenes Wachstum vorausgesetzt, bereits mehr Roma als Slowaken geben wird! Diese Zahlen mögen falsch oder übertrieben sein, aber sie zeigen den Trend, den wahrzunehmen es in der Ostslowakei keiner komplizierten Statistik sondern nur aufmerksamer Augen bedarf. Angesichts der miserablen Bildungssituation, der hoffnungslosen Situation auf dem Arbeitsmarkt und der Abhängigkeit vom Sozialsystem eines nicht eben reichen und zudem politisch instabilen Landes ist es nur eine Frage der Zeit, bis die hier vor sich hintickende Zeitbombe losgeht.
Die Sprengkraft dieser Bombe ist gewaltig und könnte weit über die Grenzen der Slowakei hinaus spürbar werden. Um so unverständlicher ist das Desinteresse, mit dem Europa dem Problem begegnet.
Doch Abwarten, Wegschauen und Schönreden wird nicht helfen, im Gegenteil: Mit der zunehmenden Integration der Oststaaten wird das Problem mehr und mehr zu einem europäischen Problem. Allein aus Eigeninteresse sollte Europa den Roma schon jetzt moralisch bei der Durchsetzung ihrer Menschenrechte zur Seite stehen. Doch nicht nur moralische Unterstützung ist dringend von Nöten: bessere Schulen, neue Arbeitsplätze, Requalifizierung, Gesundheitsvorsorge, Sozialarbeiter, demokratische Selbstverwaltung, Aufklärung - das alles kostet Geld. Auch bei gutem Willen wären die Kräfte des kleinen Landes weit überfordert, zumal es sich auch die beste Regierung nicht wird leisten können, den Eindruck entstehen zu lassen, die Roma zu bevorzugen. Die Slowakei braucht deshalb ebenso dringend finanzielle Unterstützung für die Bewältigung dieses Problems.
Wird das Land nun einen Weg einschlagen, der es zurück nach Europa bringt?
"Werden sich die Wahlsieger ihrer Versprechungen
an die Partei der 'Roma-Intelligenz für Zusammenleben' erinnern? - Die Entwicklung
in der Slowakei bleibt spannend" (Jacob Hurrle).
Photo: Claude Noyer
ROMANO CENTRO Nr. 23, 12/1998
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