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DIE RELIGION DER ROMA IN RUMÄNIEN
von Franz Remmel (Hunedoara)
Kürzlich haben Roma in Sibiu demonstriert. Für die Bewilligung des Baus einer orthodoxen Kirche hatte der Stadtrat 100 Lei pro Quadratmeter gefordert, für den Bau einer Roma-Kirche aber 700.000 Lei pro Quadratmeter. Die Roma aber forderten das Recht, in einer eigenen Kirche zu "ihrem Del" zu beten. Lange hatten sie kein eigenes Gotteshaus. Ein altes Märchen aber beweist, daß Sehnsucht danach wohl immer bestanden hat:
"Vor vielen, vielen Jahren hatten die Roma eine schöne, große, eigene Kirche aus selbstgebrannten Ziegeln erbaut. Eine andere, nur viel weniger dauerhafte, besaßen damals auch die Rumänen. Die Mauern dieses Gotteshauses aber waren aus langen Speckseiten zusammengefügt, Pforten und Türen aus Käse gefertigt, die Dachträger aus Würstchen und statt mit Schindeln waren Schiff und Turm mit Pfannkuchen gedeckt. Jedesmal wenn die Roma an der rumänischen Kirche vorbeikamen, blickten sie begehrlich auf diese Köstlichkeiten. Schließlich faßten sie sich ein Herz und schlugen den Rumänen einen Tausch der beiden Kirchen vor. Gesagt, getan. Dann aber - es währte nicht lange - verzehrten die Roma zuerst die Türen, dann das Dach und schön langsam auch die Wände. Als die 'Zigeuner' schließlich alles aufgegessen hatten, bedauerten sie, keine Kirche mehr zu haben."
In den Kirchen der Gadsche (Nichtroma) waren Roma nie so recht erwünscht. Erst seit kurzer Zeit bemühen sich gleich mehrere Konfessionen um die Roma. Vor allem seit der Invasion meist neo-protestantischer Sekten, beginnt nun auch die katholische und die lutherische Kirche AB in Romakreisen vorsichtig um Mitglieder zu werben.
In Neumarkt am Mieresch (Tg. Mure¸) bemüht sich vor allem der Franziskanerpater Paul Bako, unterstützt von dem Theologiestudenten Attila Benkö, um geistliche Betreuung der Roma in den elenden Siedlungen von Adi und Kalttal. Vor kurzem verteilte er eine schön illustrierte Ausgabe des Katechismus in Romanes an seine Gemeinde, eine Übersetzung des Lukas-Evangeliums steht vor dem Abschluß und auch die gleichbleibenden Teile der Messe werden bereits in Romanes übersetzt. Sobald diese Arbeit abgeschlossen sein wird, kann - erstmalig in Rumänien - der katholische Gottesdienst in Romanes zelebriert werden.
Vielleicht wird dieses Ereignis in Rekasch (Kreis Timi¸) stattfinden. Dort nämlich wird seit 1746 eine schwarze Madonna verehrt. Vor der kommunistischen Diktatur war die Kirche Ziel von Wallfahrten der Temeswarer Roma-Musikanten. Diese Tradition dürfte wieder belebt werden sobald der Gottesdienst dort in Romanes gefeiert werden kann.
Auch die Evangelisch-Lutherische Kirche aus dem Banat ist nun aufgeschlossener. Die Zahl lutherischer Roma ist zwar noch klein, in Uila (Weilau, Krs. Mure¸) z.B. gibt es aber schon eine feste Gemeinschaft. Nach der Auswanderung der sächsischen Bewohner wäre dort die Kirche, trotz Spenden aus Österreich, verfallen, wären die Roma nicht tatkräftig eingesprungen. Angeleitet vom Kirchenvater Kristof Lengyel renovierten sie mit ihrem handwerklichen Können das Gotteshaus. Pfarrer Halmen betreut seither auch die Roma. Bei der Messe wird Deutsch, Rumänisch und Romanes verwendet und niemanden stören die dreisprachigen Antworten. Mit ihren Geigen ersetzen die Roma das einstige Orgelspiel und haben auch zur Festlichkeit beim "Dritten Evangelischen Kirchentag" in Sighisoara (Schäßburg) beigetragen.
Die Zeiten, in denen Roma bestenfalls an der Kirchenpforte geduldet waren, scheinen also vorbei. Damals galt in so manchen Gemeinden: "Entweder wir Sachsen/Schwaben kommen zur Kirche oder es kommen die 'Zigeuner'". Heute aber wird langsam Platz für alle.
Ausgelöst wurde diese Öffnung in Rumänien durch eine starke freikirchliche Missionierungsbewegung. Als erste haben die Pfingstler erkannt, daß Roma Wert darauf legen in ihrer eigenen Sprache angesprochen zu werden. Mit Erfolg wurden auch Roma-Missionare ausgebildet und mit Bibeltexten in Romanes ausgestattet. Pastor Laszlo Szöke aus Budiu Mic (Hagendorf) war einer der ersten Übersetzer der Bibel. Schon in den 60er Jahren hatte er das Lukas- und das Johannes-Evangelium ins Romanes übersetzt, die Arbeit wurde damals aber von der "Securitate" konfisziert. 1993 hat Carmen State in Bukarest das Markus-Evangelium teilweise sogar veröffentlicht. Derzeit übersetzt auch Pastor Gheorghe Vajda aus Ormenis (Irmes) mit einem Team Bibeltexte ins Romanes. In Sibiu (Hermannstadt) leitet der "Romakönig" Florin Cioaba das "Christlichen Zentrum der Roma". Er selbst ist Pastor der Pfingstlerkirche, die Roma wahrscheinlich wegen der Vereinbarkeit von Volkstradition und Dogma lieben.
Die Roma-Kirche respektiert traditionelle Lebensweise und will ohne Paternalismus wirken. Landesweit gibt es schon 126 Roma-Kirchen, davon allein im Kreis Brasov 26 mit 7000 Gläubigen. Die Anerkennung der Roma-Pfingstler erweist sich aber als schwierig. Einerseits wird von der Pentekosta eine "Verzichtserklärung" auf Romamitglieder verlangt, andererseits bis heute der eigenständigen Roma-Kirche die offizielle Anerkennung durch das Department der Kulte verweigert. Dem neuen rumänisch-orthodoxen Fundamentalismus liegt nichts daran, mit den Roma-Pfingstlern einen weiteren Kult zuzulassen. Laut Grundgesetz allerdings besteht in Rumänien allgemeine Religionsfreiheit, das gilt heutzutage auch wieder für die ehemals verfolgten Kirchen und Sekten. Praktisch wäre die Anerkennung nicht nur wegen des Prestiges wichtig, der ungelöste Zustand bringt auch ganz reale Nachteile mit sich: Was geschieht, wenn die Gläubigen sterben? Auf den konfessionellen Friedhöfen werden sie nicht beigesetzt!
Dank ihrer berühmten Prediger bekommt die Kirche der Roma trotzdem immer mehr Mitglieder. Erst jüngst hat Florin Cioaba in 30 Gemeinden Prediger installiert und überall, wo sich eine Gemeinschaft von Anhängern der Roma-Kirche bildet, entstehen bald auch Bethäuser.
Franz Remmel ist Journalist und Autor des Buches "Die Roma Rumäniens" (Picus Vlg. 1993).
In Rumänien
wird langsam auch für Roma
Platz in den Kirchen.
ROMANO CENTRO Nr. 23, 12/1998
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