|
<
zurück | Romani
GEDANKEN ZU WEIHNACHTEN
von Ceija Stojka
Am schönsten war Weihnachten für mich, als meine ganze Familie noch da war, mein Sohn Jano, meine Kinder. Wir brauchten nicht viel, nur daß die Familie zusammenkam. Das war am Heiligen Abend. Dann kochte ich meinen Reis, briet die Hühner, die Gänse, die Enten, viel Fleisch, machte die vielen Suppen und Salate, Bäckereien und Kuchen. Die Tische bogen sich von den vielen Speisen, wirklich, so war es 32 Jahre lang. Und die Kinder tanzten und sangen, zwei Tage lang tanzten sie hier immer, daß die Welt tatsächlich leuchtete. Ihnen gehörte die Welt!
Diese heiligen Tage verbrachte ich nun 32 Jahre mit Kalman. Und 32 Jahre bogen sich die Tische von den Speisen. Dort draußen sind meine Töpfe, die mir mein Schwager aus Ungarn gebracht hat, einer faßt 50 Liter Kraut, der andere hat dreißig Liter, in dem habe ich immer meinen gelben Reis, auf Zigeunerart, gemacht.
Aber dieses Jahr wird es nichts geben. Dieses Jahr bin ich in Trauer. Ich möchte nicht, daß meine Kinder das fühlen. Meine Kinder sollen den schönen Tag von Jesus' Geburt feiern, ich werde mit ihnen telephonieren und mich mit ihnen zusammensetzen. Ich bin zu Hause. Meine Kinder kommen her oder ich gehe zu ihnen. Seit 30 Jahren, und in dieser Wohnung hier seit 19 Jahren, ist es der erste Heilige Abend, an dem hier nichts los sein wird. Aber das ist das Leben, nicht wahr?!
Niemals hätte ich mir gedacht, es würde einmal passieren, daß meines Mannes Stunde gekommen ist. Er ist gestorben. Aber er ist noch immer hier.
Ich sage euch, jeder Mensch, wenn er von dieser Welt geht, kommt irgendwann wieder auf die Welt, denn er ist hier. Auf dieser Erdkugel ist es so: der Regen, der fällt, das Wasser, das in den Meeren ist, Silber und Gold und alles, was man aus der Erde holt, geht zurück und kommt irgendwann wieder. Denn du kannst nicht sagen, daß das Wasser von anderen Sternen herunterfällt. Unser Wasser, das es auf der ganzen Welt gibt, steigt mit den Wolken hinauf, wenn es eine starke Hitze gibt, zieht sich die Wolke, der Nebel zusammen und steigt hinauf. Und irgendwann fällt der Regen wieder auf andere Orte nieder. So ist es auch mit uns Menschen. Wir kommen, und aus uns kommt in zweihundert oder hundert Jahren oder am nächsten Tag wieder ein Mensch heraus. Denn wir leben, und dieses Leben kommt wieder in einem anderen heraus, nur nicht mit diesem Verstand, sondern wieder mit einem anderen Verstand, mit anderen Gedanken. Aber wieder dieser Mensch. Das ist sicher. Und ganz sicher ist, wenn ich sterben werde, wird das erste sein, daß mir mein Sohn die Hand reicht, und auch meine Mutter und Kalman.
Ihr könnt glauben, daß Kalman gestorben ist, man hat wirklich seinen Leib hinausgebracht und hinunter ins Grab gelassen, aber seine Seele und seine Liebe, diese sind hier. Er ist zu Hause. Auch mein Sohn ist zu Hause, und auch meine Mutter. Wenn der Mensch stirbt, weiß Gott, wo er hinauf geht, ist er sofort hier über uns. Und wenn ich sterben werde, komme ich hundertprozentig wieder zu meiner Familie, und irgendwann wird es uns erlaubt sein, wieder herunter auf die Erde zu kommen.
Jeden Tag habe ich auch böse Träume, ich habe ja auch ein schlechtes Leben gehabt, als Kind. Aber jene bösen Träume über das KZ nehme ich alle auf, ich zeichne sie mit dem Bleistift. Ich stehe auf und mache jenes Bild, damit dieser Traum verewigt wird.
In anderen Träumen kommt meine Mutter, kommt mein Sohn, kommt Kalman und singt für mich. Und er sagt zu mir: "Hab keine Angst, Mädchen!" Ich kann nicht sagen, daß ich Angst habe oder mich fürchte, weil ich allein bin. Denn er paßt auf mich auf, er macht mir keine Angst. Sie passen auf mich auf. Und wenn dir das gelingt, diese Einstellung im Leben zu haben, dann kannst du in Frieden leben, auch allein. Denn dann bist du nicht allein!
Auch meinen Sohn sehe ich jeden Tag. Er kommt, lacht und singt. Er kommt mit Mitzi. Sie ist schon vor 24 Jahren gestorben. Aber wenn sie kommen, sind sie immer schön und jung, 24, 25 Jahre alt. Und sie setzen sich dorthin und singen.
Es kommt viel darauf an, was für ein Mensch du bist. Wenn du es zuläßt, lebst du mit deinen Leuten, die irgendwann einmal mit dir gelebt haben, und du vergißt sie nicht, sie bleiben in deinem Herzen, in deinem Geist, du denkst an sie. Dann hast du keine Probleme, daß sie nicht kommen, denn du läßt sie herein. Es gibt Menschen, soweit ich weiß, viele Menschen in Ungarn, die gehen nicht einmal auf den Friedhof. Bei uns gibt es das nicht, denn wir fürchten uns nicht vor unseren Toten. Ich spreche mit meinem Mann, jeden Tag sage ich zu ihm: "Schau her, du hast mich hier zurückgelassen, gefällt dir das? Wo wohnst du, wo bist du?" Ich rede mit ihm. Ich sage ihm: "Paß auf auf mich, ich gehe hierhin und dorthin! Aber es geht gut, du bist auch so hier. Halt mich fest!"
Und wenn du so leben kannst, vergißt du diesen Menschen nicht, wirfst ihn nicht weg, lebst mit ihm, lebst du mit deiner Familie
Seit 30 Jahren ist es
der erste Heilige Abend, an dem hier
nichts los sein wird ...
Photo: Renata M. Erich
ROMANO CENTRO Nr. 22, 09/1998
|
|
 |
ROMANO CENTRO
2001
2000
1999
1998
1997
1996
1995
1994
1993
|
|