|
<
zurück | Romani
ROMA IN MOSKAU
Ein Gespräch mit Lev Čerenkov
Lev Čerenkov gilt seit Jahrzehnten als einer der besten Kenner der Kultur und Sprache(n) nicht nur der Roma in Rußland, sondern weltweit. Mozes Heinschink hat ihn zu Hause in Moskau besucht.
Romano Centro (RC): Kannst du uns sagen, wann Roma erstmals nach Moskau kamen?
Lev Čerenkov (LČ): Nun, es gibt Dokumente nach denen sie im Jahr 1802 bereits hier lebten.
RC: Welche Romagruppen leben hier?
LČ: In Moskau leben mehrere Gruppen: "Rusicka Roma", die Russischen Roma, die auch "Chaladitka Roma" genannt werden, sowie Kalderaš, Lovara, auch "Krimicka Roma", Krim-"Zigeuner", leben hier, aber nur wenige, und eine Sinti-Familie.
RC: Gibt es noch Roma, die in Hütten oder Zelten leben?
LČ: Hier in Moskau? Nein. Bei den Dörfern kannst du bis heute Romazelte sehen. Aber das heißt nicht, daß die Roma keine Häuser haben. Sie haben Häuser, aber sie reisen jetzt mit dem Auto. Sie kommen mit dem Wagen, stellen ihr Zelt auf und wohnen darin.
RC: Leben die Moskauer Roma noch nach den alten Traditionen?
LČ: Und ob. Du findest alte wie neue Bräuche bei ihnen. Ich erzähle dir ein Beispiel, die Hochzeiten: In Moskau ist es Brauch, die Hochzeiten in Restaurants oder Wirtshäusern abzuhalten. Nach Romatradition versammeln sich die ganze Familie und alle Verwandten. Heute ist es wieder so, daß die Jungen schon mit 15, 16 Jahren heiraten. Sie gehen in die Kirche, wenn ein Priester da ist, der nicht beachtet, daß sie zu jung sind, und sie traut. Sie heiraten und gehen zurück ins Restaurant. Große Restaurants gibt es meist in Hotels, dort nehmen sie sich ein Zimmer - entschuldige, denn du hast mich gefragt, also muß ich es so erzählen - die Jungen gehen ein, zwei Stunden in das Zimmer, danach kommen die ehrenwertesten Frauen und zeigen dann der ganzen Gesellschaft, daß die Braut ehrenhaft war. Das ist bis heute bei den Roma eine wichtige Sache. Wenn sie keine Jungfrau war, dann kann das ein Leben lang für die ganze Familie Schande bedeuten. Das ist heute noch so.
RC: Und bei welchen Roma gibt es noch die Kris, die traditionelle Gerichtsbarkeit?
LČ: Am häufigsten gibt es die Kris noch bei den Kalderaš, aber auch noch bei den Lovara, aber bei ihnen ist sie nicht mehr so verbreitet wie bei den Kalderaš. Etwas ähnliches gibt es auch bei den Russischen Roma, es heißt "Romano Sendo". Erst vor kurzem gab es in Moskau einen solchen Romano Sendo. Bei diesem geht es meistens um Geldangelegenheiten.
RC: Und welche Bedeutung hat die Kris bei den Kalderaš?
LČ: Bei ihnen ist es wahrscheinlich genauso wie bei euren Kalderaš in Wien. Bei den Kalderaš hat der Gerichtsbeschluß bis heute starkes Gewicht, ist bindend. Was die Kris beschlossen hat, muß eingehalten werden.
RC: Wer sind die berühmtesten Roma in Moskau?
LČ: Am angesehensten unter den Kalderaš hier ist die Familie Demeter. Jetzt ist der älteste Rom der ehrenwerte Georg Demeter, er ist Professor, Dozent. Er arbeitet seit langem in der Wissenschaft. Auch seine beiden Töchter sind bekannt, eine arbeitet im Ethnologischen Institut, die andere ist von Beruf Sängerin. Der Direktor des Romatheaters, Herr Slicenko, ist sehr berühmt nicht nur in Moskau, sondern in ganz Rußland. Unter den Krim-Roma gab es Suleman Orlov, ein sehr guter Sänger. Leider starb er vor zwei Jahren. Sein Sohn Mosija Orlov arbeitet im Romatheater.
RC: Gibt es unter Euren Roma auch gute Schriftsteller?
LČ: Traurigerweiser starb vor einem Jahr Leksa Manuš, er war unser bekanntester Dichter. Roman Demeter, der Bruder Georgs, schrieb wunderschöne Gedichte, und verfaßte auch ein Kalderaš-Wörterbuch. Leider verstarb er bereits vor neun Jahren. Er schrieb sehr schöne Balladen über die Arbeit der Kalderaš, das Leben der Roma, wie sie von einem Ort zum anderen zogen, beschrieb ihre Feste, alles - er schrieb einfach wunderbar!
RC: Wie ist der politische Status der Roma in Rußland? Sind sie als Volksgruppe anerkannt?
LČ: Nein, aber derzeit wird ein neues Gesetz über nationale Minderheiten ausgearbeitet, dort spricht man allgemein über Minderheiten, es wird nicht separat über Roma, über Juden oder über eine bestimmte Volksgruppe gesprochen. Aber in Moskau gibt es jetzt eine autonome Kulturbewegung der Roma.
RC: Welche Probleme haben die Roma in Moskau?
LČ: Wahrscheinlich sind die Probleme der Roma die selben wie in anderen Ländern. Ich kann nicht sagen, daß sie Hungers sterben oder ähnliches. Die Roma finden irgendwie einen Weg, ihre Kinder zu ernähren und großzuziehen, aber es ist doch sehr schwierig mit der Arbeit. Gerade in Moskau ist die Situation sehr spezifisch, weil viele Roma im Showbusiness arbeiten, als Sänger und Tänzer. Sie versuchen in Restaurants oder Gasthäusern Geld zu verdienen. Aber jetzt ist das Leben für die Roma sehr schwer.
RC: Wie sind die Beziehungen der Roma zu den Gadsche?
LČ: Im allgemeinen sind und waren die Beziehungen gut. Aber jetzt ist die Zahl der Extremisten, der Faschisten hier stark gestiegen. Ihr Programm besteht darin, irgendetwas gegen die Roma zu unternehmen. Nicht nur gegen Roma, sondern auch gegen die Juden, gegen Menschen, die aus dem Kaukasus gekommen sind, eben gegen schwarze Menschen, gegen Menschen mit schwarzen Haaren und schwarzem Gesicht. Auch den Roma gegenüber sind sie feindlich gesinnt.
RC: Wer sind diese Extremisten?
LČ: Zum Beispiel Barkašov von der "Russischen nationalen Einheit", und diese Partei wächst, denn bei uns gibt es viele Gadsche, viele Jugendliche ohne Arbeit. Und dieser Barkašov zieht solche verzweifelten Menschen an, er sagt ihnen: "Du bist Russe und kannst keine Arbeit finden? Und dieser Schwarze hat Arbeit! Schau du lebst arm und die Zigeuner sind reich." Das ist primitiv, aber er findet Menschen, die sich von ihm angezogen fühlen. Und ich kann nicht sagen, daß es wenige sind. Es sind relativ viele. Ich weiß nicht, was wird, wenn ihre Zahl weiter wächst.
Irgendwie haben die Roma
noch immer einen Weg gefunden ...
Photo: Renata Erich
ROMANO CENTRO Nr. 22, 09/1998
|