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DIE TRAGÖDIE VON JAROVNICE
Drei Tage lang hatte es ununterbrochen geregnet, als sich am 20. Juli um 17 Uhr die Svinka, ein Bächlein, das mitten durch die große Romasiedlung bei Prešov fließt, plötzlich in einen reißenden Strom verwandelte. Die Überlebenden erzählen von einem großen Knall, gefolgt von einer Wasserwand, die erbarmungslos Häuser, Bäume, die Brücke und über 50 Menschen mit sich riß und in Massen von Schlamm begrub. Darunter sind 10 Schulkinder und 7 kleinere bisher identifiziert worden, andere werden bis heute noch vermißt. Vielen Bewohnern der Siedlung war just an diesem Tag das Sozialgeld ausgezahlt worden. Die Männer waren deshalb einkaufen gegangen, Frauen und Kinder allein zu Hause. Das Wasser kam so plötzlich und mit solcher Gewalt, daß an Rettung überhaupt nicht zu denken war. Das halbe Dorf wurde weggeschwemmt. Nicht nur Dachteile oder Möbelstücke lagen Kilometer flußabwärts auf plattgedrückten Maisfeldern, auch Leichen fand man weit weg vom Dorf in den Weiden am Ufer.
Die ganze Katastrophe dauerte nicht länger als 30 Minuten. Auf der anderen Seite des Baches hielten die Häuser stand, der Schlamm ergoß sich in Kästen, Öfen und Betten, vertrieb die Menschen aus ihren sowieso schäbigen Behausungen. Cervenjak, der Musiker, hatte seine Geige vergessen. An ein Seil gebunden, wollte er sie unbedingt noch retten. Nur mehr tot konnten sie ihn daran wieder herausziehen. Vojtech Papuša konnte nicht mehr aus der Türe um seine Familie zu retten. Das Wasser stieg bedrohlich. Da nahm er eine Hacke, hieb ein Loch in den Plafond und stieß Frau und Kinder auf das Dach. So gelang ihm sie zu retten, seine zweijährige Tochter aber war schon ertrunken.
Als wir wenige Tage nach der Katastrophe nach Jarovnice kommen, sind die Roma noch total verstört. Militärbagger suchen immer noch nach Vermißten, am Friedhof zwischen vielen frischen Gräbern verzweifelte, trauernde Menschen. Kinder vergnügen sich im Schlamm, am Dorfrand leben Obdachlose in Militärzelten, bei einem Wagen holen die Überlebenden Wasser in Flaschen und Kübeln. Das Wasser am Ort wird immer gefährlicher und darf wegen Seuchengefahr nicht genützt werden. Überprüfbar ist freilich nicht, wer wo was wäscht oder auch trinkt. Hält sich ein Rom aber an die Vorschrift und wäscht sich dann auch mit dem herbeigeschafften Wasser, wird ihm bereits wieder Mißbrauch der Hilfsgüter vorgeworfen. Wie überhaupt hat sich Mitgefühl und Hilfsbereitschaft sogar in dieser tragischen Situation sehr schnell mit Anschuldigungen und Diskriminierung der Roma gepaart. Es soll eine Unterschriftenliste der Gadsche geben, in der die Roma aufgefordert werden zu verschwinden.
Wer am meisten darunter leidet, sind die Ärmsten der Armen, auch innerhalb der Romagesellschaft. Derzeit sind alle, deren Unterkunft total zerstört ist, provisorisch in Zelten des Militärs und einigen Containern untergebracht, es gab auch Kleiderspenden vom Roten Kreuz und Hilfsorganisationen. Was aber weiter geschehen soll, steht in den Sternen. Die Hütten der Roma waren nämlich nicht nur an der ungünstigsten Stelle des Ortes errichtet, sondern auch auf Grund, der ihnen nicht gehört. Wir wollen daher versuchen, mit den Spenden unserer Mitglieder und Freunde, wenn möglich, einen Grund und Baumaterial für die armen Roma zu erwerben.
Auch in der Schule hat ein Seitenarm der Svinka das Erdgeschoß beschädigt. Zur Zeit bemüht sich der Direktor bis Schulanfang den ärgsten Dreck zu beseitigen. Jan Saiko, der Zeichenlehrer, hat in den ersten Tagen bis zur Erschöpfung gearbeitet, er muß ins Spital, will unbedingt zu Unterrichtsbeginn wieder weiterarbeiten, derzeit haben ihm die Ärzte das aber strikte verboten.
Wir danken allen Spendern für ihre Hilfe, wir werden in dieser und der nächsten Nummer unserer Zeitung ihre Namen veröffentlichen, planen im November noch ein Benefizkonzert (7. November in der Remise, 19:30, Engerthstraße/Walcherstraße, 1020 Wien) und werden weiter über das Schicksal unserer Brüder in Jarovnice und über die Spendenaktion berichten. Bitte helfen Sie weiter (Konto Nr. 671 106 532, Bank Austria, Bankleitzahl 20151).
Oft berichten unsere Medien ausführlich
über Katastrophen weit geringeren Ausmaßes, Jarovnice wurde
kaum erwähnt. Ist das, weil es ja nur 50 Roma waren,
die ihr Leben lassen mußten ???
Photo: Ján Sajko
ROMANO CENTRO Nr. 22, 09/1998
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