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IM INTERESSE DER KINDER?
von Renata M. Erich
Eines Tages kam N. singend in die Schule. Er sang beim Betreten der Klasse, sang als die Lehrerin mit dem Unterricht begann, sang weiter als sie ihn aufforderte still zu sein, sang und sang den ganzen Tag. Die Direktorin, die ganze Schule waren ratlos. Schließlich schickten sie den kleinen Rom samt seinen Eltern ins Allgemeine Krankenhaus. Dort waren sie ein einziges Mal, warum, dürften die Eltern nicht ganz verstanden haben. N. hat aber dann erklärt, warum er nicht aufhören konnte zu singen: Es war für seinen Großvater, sonst, so war das Kind überzeugt, müsse er sterben. Heute betreut eine kluge Beratungslehrerin das außergewöhnliche Kind. Sie hat mit ihm zu malen begonnen und ihm wahre Kunstwerke entlockt. Der Großvater lebt, alles ist in Ordnung. N. hatte ein ungewöhnlich großes Glück, er ist nicht gezwungen worden ein Gadscho (Nichtrom) zu werden. Die Lehrerin hatte verstanden, daß Roma das Leben anders angehen und auch andere Voraussetzungen in die Schule, in das Leben mitbringen als die Kinder der Gadsche.
Für Roma ist die Familie wichtiger als alles andere auf der Welt. Sie leben in dieser festen Gemeinschaft und teilen auch mit den Kindern Freud und Leid, die traditionellen Familien halten die alten Regeln. Eine der wichtigen ist, daß ein Mädchen unberührt in die Ehe gehen muß, auch deshalb heiraten Roma sehr früh. Alle Entscheidungen werden gemeinsam getroffen, der Einzelne ist als Teil der Familie wichtig, nicht sosehr als Individuum. Verstößt ein Rom gegen die eigenen Gesetze, gibt es in vielen Gruppen ein Gericht, Kris genannt. Die allerärgste Strafe, die dort auch nur ganz selten ausgesprochen wird, ist der Ausschluß aus der Familie.
Für diese Lebensweise hat unsere Gesellschaft wenig Interesse und kein Verständnis. Die Familie von Dejan Simic bekommt das zur Zeit im Übermaß zu spüren. Er hat eine schwierige Tochter aus erster Ehe, mit der die Lehrerin in der ersten Klasse nicht zurecht kam. Auf Grund von Zeichnungen schöpfte sie Verdacht auf sexuellen Mißbrauch und meldete das dem Jugendamt. Darauf stand eines morgens die Polizei vor der Tür der Familie, packte ohne Vorwarnung die vier kleinen Kinder und steckte sie in ein Jugendheim. Das Jüngste wurde noch gestillt und durfte daher nach zwei Tagen wieder nach Hause, alle anderen sind nun schon fast zwei Jahre im Heim. Die Eltern waren entsetzt und können sich bis heute nicht vorstellen, was passiert ist. Es folgten Befragungen der Kinder, die sich, verwirrt, immerfort widersprachen, und eine Anklage des Vaters. Dieser erklärte sich zu allen erforderlichen Untersuchungen bereit und wurde schließlich vom Verdacht auf sexuellen Mißbrauch freigesprochen. Das Jugendgericht aber entzieht den Eltern weiterhin die Obsorge, weil sexueller Mißbrauch festgestellt wurde. Befragt wurden die Kinder, nicht die Ärzte, die die Kinder seit langem kennen, nicht die Nachbarn, nicht die Verwandten. Es gilt als erwiesen, daß tatsächlich, wahrscheinlich in oder bei der der hoffnungslos überbelegten, desolaten Wohnung der Großeltern, in der sich die Großfamilie immer wieder trifft, den Kindern etwas angetan wurde. Nach dem Täter wurde nicht geforscht. Die Eltern sind verzweifelt. Auf Anraten des Anwaltes verzichteten sie trotz aller Zweifel an der Deutung der Aussagen der Kinder und deren Zeichnungen, auf eine Berufung, weil sie fürchteten die Angelegenheit noch mehr in die Länge zu ziehen, zudem hatten sie kein Geld mehr, einen Anwalt weiter zu bezahlen.
Die Kinder wollen nach Hause. Die Eltern erklärten sich bereit, sich angemeldet und unangemeldet jederzeit überprüfen zu lassen, sie unterzogen sich schließlich freiwillig einer Psychotherapie im Institut für Ehe und Familie, und baten erfolglos um ein moderiertes Gespräch mit den zuständigen Referenten des Jugendamtes, bisher alles umsonst. Das Amt hält die Eltern nicht für 'einsichtig', obzwar das Institut für Ehe und Familie bereit ist, eben diese Einsicht zu bestätigen, und weigert sich, die Kinder in häusliche Pflege zu entlassen. Entgegen der ausdrücklichen Bitte der Eltern wurden einer Tochter die Haare geschnitten, der Wunsch des Kindes galt im Heim mehr als der der schwarzen Eltern. Daß Kurzschneiden der Haare gegen die Tradition der Roma ist, spielt dort keine Rolle, aus den Kindern sollen moderne selbständige Kids gemacht werden, die wissen, was sie wollen und mit Familie nicht viel im Sinn haben. Dann kommen sie wohl auch nicht mehr auf die Idee den Großvater gesund zu singen.
Räumt das Jugendamt einem "Zigeuner" überhaupt die Fähigkeit ein, die eigenen Kinder nach ihrer Art aufzuziehen, oder maßen sich unsere Ämter wie seinerzeit die Kaiserin Maria Theresias immer noch an, Kinder mit der eigenen Lebensweise zwangsbeglücken zu wollen? Selbstverständlich sollen Kinder immer und überall vor sexuellem Mißbrauch geschützt werden, warum aber traut man das der sowieso schon geschockten Familie Simic nicht zu?
Im Falle des sexuellen Mißbrauchs von 5-14-jährigen Kindern in Bad Goisern, der derzeit in aller Munde ist, wurde nicht ein einziges Kind ins Heim gesteckt. Nicht nur an Maria Theresia erinnert die Vorgangsweise der Behörden. Es gibt auch jüngere Beispiele, die Paralellen zum Fall Simic bieten: Die Aktivitäten von Pro Juventute in den 20er und 30er Jahren in der Schweiz. Damals wurde beschlossen, "Kesselflicker-Unarten" ein Ende zu bereiten. Man war der Ansicht, "für die Kultur der Fahrenden gebe es keinen Platz in einem modernen Verwaltungsstaat". Getarnt als Fürsorge wurden den Jenischen und den Roma damals ihre Kinder einfach weggenommen. Die Eltern der 'Kinder der Landstraße' mußten Erklärungen unterschreiben, in denen sie sich mit der bedingungslosen Wegnahme der Kinder einverstanden erklärten. Auch Pro Juventute hat damals behauptet, es ginge darum, sozial geschädigten Kindern "ein besseres Dasein" zu verschaffen.
Halten es die Behörden für Kinder auch heute noch, oder schon wieder, besser, in einem sauberen Heim aufzuwachsen als in der eigenen Familie, die alles tun will um mögliche böse Unfälle in Hinkunft zu vermeiden?
"Vergangen ist die Freude,
gegangen sind die Kinder ..."
(aus einem altem Wiener Lovara-Lied)
Photo: Dragan Jevremović
ROMANO CENTRO Nr. 23, 12/1998
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