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Roma in Mazedonien heute
von Dragan Jevremović und Mozes F. Heinschink
Nezded Mustafa ist Rom und seit eineinhalb Jahren stolzer Bürgermeister von Šuto Orízari bei Skopje, kurz der Šutka. Er erzählt: "Šutka ist die größte Romasiedlung der Welt. Bei uns leben insgesamt 40.000 Menschen, 80% davon sind Roma. Seit Jahrzehnten wurde hier von der Stadt kaum etwas investiert. Es gibt zum Teil noch keine Kanalisation, keine Wasserleitung und keine Straßen. Seit wir aber selbst auf kommunaler Ebene mitreden können, ist doch schon einiges geschehen.
Die Hauptstraße ist asphaltiert, dort werden fast alle Geschäfte von Roma betrieben, wir haben Lokale und einen eigenen Markt. Auf dieser Straße sind unsere Leute so gern und so viel spazieren gegangen, daß schließlich der Bus nicht mehr durchkam. Da haben wir jetzt einen Park angelegt, wo sich Roma treffen können. Am Abend ist dort immer viel los. Womit wir aber überhaupt nicht fertig werden, das ist die Arbeitslosigkeit - die meisten hier sind davon betroffen, Gadsche wollen Roma nicht beschäftigen. Wichtig wäre eine bessere Schulbildung, damit unsere Kinder nicht nur Hilfskräfte oder Lastenträger werden können. Es gibt viele, die gerne studieren würden, aber ohne Arbeit können ihnen die Eltern das nicht bieten". Und Kinder ohne Zukunft gibt's genug. Beim Roma-Jugendkongreß, zu dem Fernsehdirektor Zoran Dimov nach Skopje geladen hat, dürfen sie auftreten und ihre Lieder und Tänze präsentieren. Was wird aus der fröhlichen Schar, die sich so bemüht?
Die Arbeitslosigkeit hat natürlich auch zur Folge, daß die Polizei auf Roma ein besonderes Auge geworfen hat. Das European Roma Rights Center berichtet im April von Vorverurteilung und brutalen Schlägereien, nur z.B. weil Roma versuchen, irgendwo außerhalb der Šutka etwas zu verkaufen.
Dennoch scheint das Verhältnis zwischen Regierung und Roma in Mazedonien besser als in den meisten anderen Ländern: Nezded Mustafa ist nicht nur Bürgermeister, sondern auch Direktor der Roma-Fernsehstation "Šutel", und es gibt noch eine zweite, in der ausschließlich Romanes gesprochen wird. Zudem gestalten im staatlichen Fernsehen acht engagierte Roma-Journalisten eine wöchentliche Sendung, und eine Radiostation sendet den ganzen Tag lang Musik und Grußbotschaften in Romanes.
Sanida, 22, arbeitet für die Roma-Sendung im staatlichen Fernsehen. Sie weiß zu berichten, daß die Redakteure dort ihre Beiträge in der sogenannten "Gramatikani Romani Chib" verfassen, wie sie Šaib Jusuf, der Verfasser der ersten Romani-Grammatik in Romanes, lehrt. Diese Standard-Romasprache soll die verschiedenen Dialekte einander angleichen. Wörter aus anderen Sprachen werden durch solche aus neu-indischen Sprachen ersetzt. Diese Sprache beherrscht allerdings fast niemand, deshalb wird sie nun in den beiden Schulen in der Šutka, in denen auch Romanes am Stundenplan steht, gelehrt. Ein Roma-Journalist aus dem Kosovo bezweifelt aber, daß das sinnvoll ist. Gerade am Balkan können sich alle Roma, auch wenn sie verschiedene Dialekte sprechen, immer noch verständigen. An der Standardsprache aber, deren Worte zudem Marcel Courtiade und Šaib Jusuf immer wieder ändern, ist vieles künstlich, sodaß die Redakteure in Priština ihre Texte immer wieder in der Roma-Umgangssprache verständlich machen müssen.
Sehr eindrucksvoll ist das Freitagsgebet in der neuen Moschee in der Šutka: Moharem Serbezovsky rezitiert aus der Koranübersetzung seines Vaters Hafiz Durmiš, der 1981 gestorben ist. Er ist Hodza in Skopje gewesen, und hat muslimische Literatur ins Romanes übertragen. Ist es der Einfluß ihrer Heiligen oder das gute Verhältnis zu den Gadsche? Tatsache ist, daß trotz der finanziell hoffnungslosen Lage der meisten die Roma in der Šutka Gäste mit einer warmen, herzlichen Gastfreundschaft empfangen, die vielen ihrer Brüder in anderen Ländern bereits verloren gegangen ist.
Die meisten Roma in der Šutka leben in großer Armut,
aber eine so großzügige Gastfreundschaft wie hier
ist anderswo kaum mehr zu finden.
Photos: Dragan Jevremović und
Mozes F. Heinschink
ROMANO CENTRO Nr. 21, 06/1998
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