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WEM GEHÖREN DIE "ZIGEUNER"?
von Dr. Erhard Busek
Ich weiß schon, daß man Zigeuner nicht mehr sagen darf und soll, aber diese Botschaft ist in jenen Ländern noch nicht sehr verbreitet, in denen ich mich heute aus den verschiedensten Gründen zu bewegen habe, nämlich in Mittel-, Ost- und Südosteuropa. Informationen über Roma sind auch dort nicht sehr leicht zu bekommen, wobei die Unsicherheit schon bei den Zahlen beginnt, die für die einzelnen Länder genannt werden. Einmal wird behauptet, daß es in Rumänien zwei Millionen sind, dann die Hälfte, dann das doppelte, dann wieder schwanken die Angaben für die Slowakei gleich um einige hunderttausend. Und so geht das quer durch jene Teile Europas, die uns seit 1989 relativ neu sind, obwohl sie in Europa schon sehr alt sind. Dabei haben wir seit dem Fall des Eisernen Vorhangs eine ganz intensive Minderheitendiskussion erlebt. Ein ordentliches Verhalten in der Minoritätenfrage wurde sogar zur Bedingung der Aufnahme in den Europarat gemacht und die Europäische Union ist nicht bereit, überhaupt über Erweiterungen zu reden, wenn es noch Minderheitenprobleme gibt.
Diese und ähnliche Bemühungen haben nicht die schlechtesten Ergebnisse gezeitigt, wenngleich man immer noch weit davon entfernt ist alles gelöst zu haben. Eine der interessantesten Entwicklungen der Menschenrechtsfrage ist im übrigen, daß sie vom Grund her auf den einzelnen Menschen ausgerichtet, in der Minderheitenfrage aber zu einem kollektiven Recht werden.
Es geht hier um eine Gruppe von Menschen, die ein gemeinsames Kennzeichen der Sprache, der kulturellen Tradition und der Geschichte haben. Ich bin auch persönlich überzeugt, daß wir ohne kollektive Menschenrechte angesichts der globalen Welt nicht auskommen werden.
Für jede dieser Minderheiten in Mittel-, Ost- und Südosteuropa gibt es immer irgendeinen Anwalt. Meistens ist es ein benachbartes Land, wobei wir in einigen Ecken Europas gerade erleben müssen, daß diese Minderheiten eine Versuchung darstellen, Grenzen abzuändern und von irgendwelchen Großreichen zu träumen. Dann wieder sind es Israel bzw. aktive jüdische Gruppen in den USA, die für das, was der Holocaust an Jüdischem in diesem Teil des Kontinents belassen hat, Mahner und Anwalt sind und dafür sorgen, daß die raren Zeugnisse dieser vertriebenen und zerstörten Welt wenigstens mit Anstand und Respekt behandelt werden. An anderer Stelle sind es Kirchen, die sich um ihre versprengten Schäflein kümmern und nicht zulassen, daß ihre Existenz vergessen wird. Inzwischen hat ja die Politik hier entdeckt, daß sie sich auch mancher Kirchen bedienen kann, indem sie ihnen Vorrechte einräumt und andere diskriminiert, wie das jüngst in Rußland geschehen ist.
Die Roma haben niemanden. Aus ihrer kulturellen Tradition gibt es eben kein Land, in dem sie irgendwann einmal so etwas ähnliches wie eine Staatsnation waren, kein Gebiet, wo sie eine kompakte Mehrheit ausgemacht hätten. Die ganze Verlegenheit des Umgangs wird damit deutlich sichtbar. Liegt hier nicht eines der großen Probleme des Nationalstaates des 19. Jahrhunderts? Bis zur Französischen Revolution etwa meinte die "Natio" nichts anderes als, daß jemand irgendwo "natus" - geboren - war, also von woher er kam. Der mythologische Begriff des Vaterlandes, der Volksgemeinschaft, der Heimat etc. kam erst viel später und war mit einer beträchtlichen Menge Unheil für Europa verbunden. Jenen, die nicht in diese Nationsbegriffe passen, weil sie als ein Volk auf Wanderschaft eben eine andere Art von Nation sind, ist in diesem System, das immer noch gilt, kein Platz zugewiesen. Unsere rechtliche und politische Ordnung, die auch immer noch auf dem Territorialprinzip aufbaut, und eigentlich das Individuum in Europa nach wie vor vernachlässigt, kann mit solchen Existenzen schwer etwas anfangen. Da wird es eben verständlicher, wenn Prämien gezahlt werden, daß Roma wegziehen, Visa eingeführt werden, um Einwanderungen zu verhindern, Grenzen dicht gemacht werden, um sich solche Probleme zu ersparen.
Eigentlich sollte es ein europäisches Programm geben, um diesen Bürgern Europas eine entsprechende Bildung anzubieten. Mit dem Hinweis, daß sie eigentlich nach Indien gehören, wird man nichts lösen. Mit der Vorschulerziehung müßte man beginnen, die in Zusammenarbeit mit den Familien Schritt um Schritt erreichen könnte, daß eine europäische Sozialisation stattfindet. Woher das Geld kommen könnte? Auf meinen Schreibtisch flattern viele Ankündigungen, die zu zahlreichen Seminaren und Symposien einladen, Komissionen tagen und "Fact Finding Missions" werden anberaumt. Meistens sind sie an guten Orten, in Fünf-Sterne-Hotels mit Blick auf das Meer, und mit beträchtlichen Kosten verbunden. Ob das Geld nicht für diese Europäer, die an den Rand gedrängt sind oder überhaupt nicht erwähnt werden, besser angebracht wäre?
Auf der Suche nach der Europäischen Identität wird vieles an Argumenten ausgegraben und aus der Geschichte bemüht. Bei den Roma handelt es sich um einen verschwiegenen Teil unseres Europa. Aus der Abdrängung, aus den einzelnen Ländern kann leicht eine Verdrängung werden. Das alle diese zweifelhaften Strategien Europa in der Vergangenheit nicht gut getan haben, wissen wir. Wir sind gerade dabei, jede Menge Schuldbekenntnisse abzugeben, was gegenüber den Juden in Europa getan, unterlassen, verschwiegen und verdrängt wurde. Sind die Roma die nächste Runde eines europäischen Vergehens gegen die Menschlichkeit?
Vizekanzler a.D. Dr. Busek hat sich schon seit vielen Jahren und wie kein anderer Politiker der Entwicklung in Ost- und Südeuropa angenommen.
Photo: Moses F. Heinschink
ROMANO CENTRO Nr. 19, 12/1997
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