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WOHIN FÜHRT DER WEG? Das Lovaraprojekt
von Dr. Petra Cech
Das Lovaraprojekt, das in Zusammenarbeit mit der Universität Graz im Romano Centro durchgeführt wird, haben wir in einer unserer früheren Ausgaben bereits vorgestellt. Inzwischen ist ein Jahr intensiver Arbeit vergangen, und wir möchten kurz über unsere Eindrücke berichten:
Die Sprache der Lovara wird in fast allen Teilen der Welt gesprochen, sie ist also in höchstem Maße international, dennoch ist die österreichische Form des Lovari ein eigenständiger Dialekt, der es sehr wohl verdient aufgezeichnet zu werden. Mit den Dialekten jenseits unserer Landesgrenzen teilt das österreichische Lovari neben einem Basisvokabular aus Ursprungswörtern einen Lehnwortschatz rumänischer und ungarischer Herkunft.
Sprecher, die nicht Rumänisch oder Ungarisch beherrschen, empfinden Lehnwörter dieser Herkunft nicht als "fremd", sondern durchaus als "Romanes", während die deutschen Entlehnungen natürlich als solche erkannt werden. Sprachpsychologisch ist nun interessant, daß viele Sprecher eine "Überfrachtung" des Wortschatzes mit deutschen Entlehnungen als negativ empfinden, während ihnen die Ungarismen und Rumänismen gar nicht bewußt werden! Bis zu einem gewissen Grad ist es auch bedauerlich, wenn die ohnehin kleine Gruppe der Ursprungswörter (wenige hundert Lexeme) noch weiter reduziert wird, weil die Sprecher aus Bequemlichkeit immer wieder zu einem deutschen Lehnwort greifen. Es gibt allerdings bei weitem nicht für jeden Begriff ein Erbwort indischen Ursprungs. Auch werden alte Lehnwort"schichten" abgebaut, neue aktuelle kommen hinzu. Gerade darin erweist sich die Vitalität der Romani-Dialekte, daß der Wortschatz ständig erweitert wird bzw. fluktuiert, wobei die grammatischen Strukturen jedoch erhalten bleiben.
Beim österreichischen Lovari ist dieser Mechanismus besonders augenfällig, da es eine frühere (vor etwa 150 Jahren) und eine später (in den, 50er Jahren) eingewanderte Gruppe gibt, die Dauer des Sprachkontaktes mit dem Deutschen also unterschiedlich ist. Deutlich zeigt sich ein Abbau ungarischen Lehngutes bei der ersten Gruppe zugunsten deutscher Entlehnungen. Sprecher der später ansässig gewordenen Gruppe beherrschen z.T. noch selbst Ungarisch und können Lücken im Ursprungswortschatz auch aus dem Ungarischen ergänzen. Bei beiden Dialektvarianten sind die ererbten grammatischen Strukturen und idiomatischer Reichtum vorhanden. "Code-Switching", also das spontane, plötzliche Wechseln ins Deutsche mitten in einem Sprechakt, der Romanes begonnen hat, ist zwar bei etlichen Sprechern häufig, aber kein irreversibler Vorgang. Die Sprache der österreichischen Lovara ist - noch - lebendig!
Innerhalb der älteren Gruppe gibt es idiolektale Unterschiede zwischen den einzelnen Familien. Seit dem Holocaust, den nicht viele Lovara überlebten, sind die Kontakte der einzelnen Familien zueinander schwächer geworden. Man hat sich auch sprachlich "auseinandergelebt", mehrere kleine Gruppen mit nur losen Kontakten sind entstanden. Lediglich zu traurigen Anlässen wie Todesfällen findet sich fast die ganze Gruppe zusammen. Somit ist ein charakteristisches Merkmal der Kultur der Roma bei den Wiener Lovara im Schwinden begriffen, nämlich der (Groß-) Familienzusammenhalt, der vor allem diskriminierten, angefeindeten Gruppen Geborgenheit vermittelt und die Gruppenidentität stärkt. Bei den vielen Gesprächen, die Mozes Heinschink geführt hat, zeigte sich zudem, daß der durch die 68er Bewegung geprägten, jetzigen mittleren Generation das Gedankengut ethnischer Identität traditionell fremd ist, da sie sehr international orientiert sind und in der ethnischen Selbstdefinition eine große Gefahr ausufernden Nationalismus sehen. Diese Angst hat sicherlich einige Berechtigung, man sollte aber nicht aus ideologischen Gründen einer Gruppe das Recht verweigern, sich von der restlichen Gesellschaft in ihrer Lebensart zu unterscheiden! Anpassung führt zu einem Verlust der Vielfalt. Das zeigen viele Beispiele von Minderheiten, die ihre Diskriminierung durch Assimilation lindern wollten und als eigene Gruppe dadurch völlig verschwunden sind.
Es wird immer wieder behauptet, daß die Sprache ein elementarer Identitätsfaktor sei. Dem ist aber entgegenzuhalten, daß auch jene Roma von der Umgebungsgesellschaft angefeindet werden, die gar nicht mehr Romanes sprechen. Eigene Sprache oder nicht ist irrelevant für ihre Definition als "verachtenswürdige Zigeuner". Die Wiener Lovara sprechen im Familienkreis nur mehr wenig Romanes, obwohl die ältere Generation noch voll kompetent wäre. Zwar ist im Laufe des Jahres eine ansehnliche Sammlung wunderschöner Texte der verschiedensten Sprecher entstanden - aber die Aufnahmen zeigen klar, daß die Alltagsgespräche, z.B. Einschübe oder Gespräche der Familienmitglieder zwischen den für die Aufnahmen bestimmten Erzählungen, auf Deutsch erfolgten, vor allem, wenn Vertreter der jüngeren Generation beteiligt waren. Dieser Trend, sollte er sich fortsetzen, kann zu Sprachverlust innerhalb von zwei bis drei Generationen führen. Immerhin hat Mozes Heinschinks emsige Sammeltätigkeit einige Sprecher animiert, wieder Romanes zu erzählen. Viele Zeitzeugen des Holocaust haben jahrzehntelang über ihre grauenhaften Erfahrungen während der Nazizeit geschwiegen. Wir freuen uns, daß manche noch "zu Wort kamen": Nun stehen auch der Nachwelt authentische Berichte zur Verfügung, die erschreckend und eindringlich wie keine anderen die eigentlich unbeschreibbaren Geschehnisse doch zu schildern vermögen und beim Hörer unauslöschliche Eindrücke hinterlassen.
Eine Textsammlung zum Lovara Dialekt soll im Laufe des nächsten Jahres editiert werden. Wir hoffen, daß das Lovaraprojekt bei den Betroffenen das Interesse an der Sprachsituation der eigenen Gruppe und eine Wertschätzung der eigenen Sprache fördert; möglicherweise läßt sich ein drohender Sprachverlust verhindern. Eine Situation wie im Burgenland, wo das Roman anhand spärlicher Relikte mühsam rekonstruiert werden muß, erscheint uns nicht wünschenswert.
Vergeßt eure schöne Roma-Sprache nicht!
Photo: R.M. Erich
ROMANO CENTRO Nr. 18, 09/1997
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