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ROMA IN DER TÜRKEI
Das European Roma Rights Center in Budapest hat einen Bericht über die Lage der Roma in der Türkei veröffentlicht und uns gestattet eine leicht gekürzte Übersetzung abzudrucken:
Bisher gibt es kaum Veröffentlichungen über die rechtliche Lage der Roma in der Türkei und ihre Stellung in der Gesellschaft. Roma sind keine anerkannte Minderheit, obzwar zwischen drei und dreieinhalb Millionen in der ganzen Türkei leben dürften (Schätzung der Human Rights Association, i.e. sechs oder sieben mal höher als die meist angegebene Zahl). Roma sprechen ungern über ihre Lage, was allerdings wahrscheinlich auch damit zusammenhängt, daß überhaupt alle Türken vermeiden in irgendeiner Weise politisch aktiv zu erscheinen. Das gilt speziell für Roma mit höherem Lebensstandard. Sie arbeiten als Schuhputzer, Blumenverkäufer oder Gärtner, versichern wie gut sie mit den Türken auskommen und vermuten, daß es andere Roma seien, die mit Behörden Schwierigkeiten haben. Dennoch haben sie getrennte Teehäuser und werden in denen der Gadsche nicht akzeptiert. Auf die Frage warum, wollen Roma lieber nicht antworten.
Für soziale Unterschiede spricht auch, daß viele Türken davor warnen die gefährlichen Romasiedlungen lieber nicht zu betreten. Auch Taxifahrer weigern sich nach Einbruch der Dunkelheit dorthin zu fahren, obzwar die Straßen tatsächlich überhaupt nicht gefährlich sind. Schrecklich ist, wie die Polizei Romakinder behandelt. Ein Anwalt, der sich auf Verteidigung von Kinderrechten spezialisiert hat, erklärt, daß nach türkischem Recht Kinder nicht angehalten oder verfolgt werden dürfen. Sie dürfen nur von einem Staatsanwalt befragt und dann wieder nach Hause geschickt werden.
Das ist aber blanke Theorie. Praktisch werden Kinder sehr wohl von der Polizei ausgefragt, die Berichte werden dann vom Staatsanwalt nur unterschrieben. Aus vielen Anlässen schlägt die Polizei Kinder und schickt sie dann nach Hause, es wird sogar von Fällen berichtet, in denen Kinder von der Polizei regelrecht gefoltert wurden. In einem Fall wurde ein Kind als Geisel festgehalten um ein Geständnis der Eltern zu erzwingen. Sie bekamen das Kind nur nach Bezahlung der Summe wieder zurück, die sie angeblich gestohlen hatten. Das dreizehnjährige Mädchen war während ihrer Haft mit Elektroschocks an ihren Genitalien gequält worden. Ein anderes Mädchen soll nackt in einen Tank mit kaltem Wasser getaucht und auf ihre Fußsohlen geschlagen worden sein. Sie waren noch geschwollen, als ihre Eltern sie zu einem Anwalt brachten um sich zu beschweren. In beiden Fällen wollten die Eltern Anzeige erstatten, änderten aber nach wenigen Tagen ihre Meinung.
Roma erstatten nur sehr selten Anzeige und nur wenige sprechen offen über Menschenrechtsverletzungen. Ein Grund dafür ist wohl, daß sie nicht einmal zu Menschenrechtsorganisationen Vertrauen haben. Von der Polizei verschreckte Menschen fürchten Vergeltung wenn sie sich beschweren. Die türkische Mehrheit ist grundsätzlich gegen alle Minderheiten, Roma hält man zudem alle für Diebe. Es gibt keine nationale Romaorganisation, die ihre Rechte verteidigen könnte. Aus diesen Gründen kann auch die Polizei diese Kinder straflos quälen. Manche Polizisten sind darauf auch noch stolz und halten das für effektive Prävention.
Kinder sind aber nicht die einzigen Roma, die in der Türkei gequält werden. Frau Zehala Bysal z.B. starb im Dezember 1995 nach 'Behandlung' durch die Polizei. Die Familie war entsetzt, nicht nur vom Tod, sondern auch davon, daß sie nur durch Zufall davon erfuhr, sie war überhaupt nicht verständigt worden, und fast wäre die Mutter in einem Friedhof für Unbekannte beerdigt worden. Auch diese Familie wollte sich nicht beschweren, weil sie fürchtete, dann selbst getötet zu werden. Die Beweise waren auch zu dürftig und der ganze Akt bei einer Menschenrechtsorganisation wurde schließlich von der Polizei beschlagnahmt. Zehalas Sohn erzählt, daß auch sein Bruder bei einer Hausdurchsuchung von der Polizei angeschossen, wurde und daß Hausdurchsuchungen und Arreste ohne Haftbefehl oft vorkommen. Auf die Frage ob sie schlechter behandelt würden, weil sie Roma sind, meint Zehalas Tochter "Die Polizei weiß schon, wen sie ohne Folgen treffen kann."
Die 'Nomaden' leben in sogenannten Zelten, die diesen Namen aber nicht verdienen. Sie sind aus Holz, Plastik und Karton zusammengebastelt und beherbergen sechs oder sieben Personen. Die Roma sind keine wirklichen Nomaden, können sich nur keine andere Wohnung leisten und leben von Papiersammeln und Betteln. Manche dieser Roma, besonders in den Dörfern, können wenigstens an ein und demselben Ort bleiben, andere aber werden von einem Ort zum anderen gejagt und dürfen sich an einem Ort höchstens eine Woche aufhalten. Oft kommt die Polizei, und wenn die Roma nicht schnell genug abziehen und zerstört sie die Lager. Eine Frau erzählt, daß ihr Mann bei so einer Aktion auch verletzt wurde. Die Regierung sorgt weder für anständige Unterkünfte noch für Wasserversorgung. Roma haben darunter besonders zu leiden.
Am Bedrückendsten aber ist, daß sich niemand um das Schicksal der Roma zu kümmern scheint und außerhalb des Landes niemand davon Kenntnis nimmt. Die türkische Mehrheit ist grundsätzlich gegen alle Minderheiten. Es gibt keine nationale Romaorganisation, die ihre Rechte verteidigen könnte. Aus diesen Gründen kann auch die Polizei diese Kinder straflos quälen. Manche Polizisten sind darauf auch noch stolz und halten das für effektive Prävention.
Türkische Roma sprechen ungern über ihre Lage, daher gibt es auch weder Vereine noch umfassende Berichte.
Photo: P. Cech
ROMANO CENTRO Nr. 17, 06/1997
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