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VORURTEILE - JEDER HAT SIE, KEINER WILL SIE
von Barbara Prowaznik
Wir wünschen uns Menschen, die neugierig und vorurteilsfrei auf einander zugehen. Jede Begegnung sollte eine neue Erfahrung sein, jeder Kontakt ein neues Erlebnis. Unterschiede zwischen Volksgruppen sollten neugierig und vorurteilsfrei wahrgenommen und in ihrer Vielfalt akzeptiert und erkannt werden.
Dieser Wunsch nach "idealen" Bedingungen für eine Verständigung der Menschen untereinander ist zwar verständlich aber auch ebenso fragwürdig. Fragwürdig deshalb, weil Wesensmerkmale der Menschen damit übersehen werden.
WOZU SIND SIE GUT?
Wir Menschen sind in unserer Beschränktheit darauf angewiesen, die Umgebung, in der wir uns befinden, zunächst in Kategorien einzuteilen. Die Welt, in der wir leben, ist vielschichtig und komplex, und vieles findet gleichzeitig statt. Um uns in dieser Vielschichtigkeit zurecht zu finden, schaffen wir Ordnungen und Orientierungen, die uns ermöglichen, die Gleichzeitigkeit von Geschehnissen in ein Hintereinander zu reihen. Wir wählen aus, was uns wichtig erscheint, was uns vertraut ist, was uns eine sichere Basis schafft, um ein Überleben zu sichern.
Ist zunächst das Überleben gesichert, dann sind wir darum bemüht, unsere Identität zu festigen: Wer sind wir, zu wem gehören wir, wo finden wir Vertrautes, wo ist unser gesicherter Raum? Auf wen können wir uns verlassen? Um uns sicher fühlen zu können, entwickeln wir Vorurteile, die wir in diesem Zusammenhang als "vorläufige Urteile" bezeichnen können. Sie stellen die Basis dar für eine Orientierung in einer vielfältigen und vielschichtigen Welt.
Vorurteile sind etwas Unvermeidliches. Es sind vereinfachte Informationsmuster, mit denen wir in unterschiedlicher Weise umgehen lernen. Voreinschätzungen einem einzelnen Individuum gegenüber ohne Bezugnahme zu einer sozialen Gruppierung bezeichnet man nicht als Vorurteil. Denn in der sozialwissenschaftlichen Forschung spricht man dann von Vorurteilen, wenn der Adressat eine soziale Gruppe ist, oder ein Individuum, das einer sozialen Gruppe angehört.
Vorurteile haben eine Schutzfunktion und sind im Alltag notwendig. Sie schützen uns vor Überforderung und dienen dazu, die soziale Umwelt einzuteilen. Diese Einteilungen sind zunächst allgemein, insofern auch pauschal und undifferenziert. Dementsprechend sind sie von positiven oder negativen Gefühlen begleitet, also meist nicht indifferent. Im Alltag tauchen eher die negativen Vorurteile auf und werden als solche besprochen und wahrgenommen. Sie haben die Funktion, den Zusammenhalt der eigenen soziale Gruppierung zu stärken, indem die Merkmale der "Anderen" als negativ, bedrohlich oder schlecht beschrieben werden. Dem entsprechend wird ausgeblendet, daß die Beschreibung von Eigenschaften und Merkmalen der eigenen Gruppierung auch mit Vorurteilen besetzt ist, diese jedoch positiv gefärbt sind.
Hiezu ein konkretes Beispiel: Die Diskussion um Suchtkrankheiten und Drogenabhängigkeit in Österreich wird im öffentlichen und privaten Bereich vornehmlich über Jugendliche geführt, die durch den Konsum von Haschisch und Heroin gefährdet sind und in der Darstellung in den Medien ausgegrenzt und stigmatisiert werden. Dabei wird völlig ausgeblendet, wieviel Alkoholkranke in Österreich in Abhängigkeiten geraten sind und mit ihrer Suchtkrankheit sich und ihr Umfeld belasten. Alkohol als Gesellschaftsdroge wird positiv gesehen, andere Drogen werden kriminalisiert und ihre Konsumenten undifferenziert mit negativen Vorurteilen beschrieben.
WIE ENTSTEHEN SIE?
Fragen wir danach, wie Vorurteile entstehen, dann wird deutlich, daß diese, wie nahezu alle Einstellungen, zunächst in der Familie und in früher Kindheit gelernt werden. Bemerkenswert ist dabei, daß diese nicht in Kontakt mit den Menschen entstehen, denen die Vorurteile entgegen gebracht werden, sondern vielmehr durch die Art und Weise, wie Menschen sich in Begegnungen verhalten und dieses Verhalten in der Familie weitergegeben wird.
Dieses Verhalten dem Anderen, dem Fremden gegenüber findet bewußt oder unbewußt statt und wurde in vielen Bereichen der Psychologie beforscht. In diesen Zusammenhängen wurde auch deutlich, daß Vorurteile nicht nur die Angelegenheit frühkindlicher Sozialisation sind, sondern daß auch das gesellschaftliche Umfeld und die soziokulturellen Normen wesentlichen Einfluß auf die Entstehung und Entwicklung von Vorurteilen haben. Ebenso fördert das Gefühl von Bedrohung, welcher Art auch immer, die Entwicklung und das Entstehen von Vorurteilen. Dabei werden rationale Erklärungen, die eine "Berechtigung für Bedrohung" in Frage stellen, diese Entwicklung nicht aufhalten.
WIE KÖNNEN WIR SIE VERÄNDERN
Beschreiben wir Vorurteile als notwendig und "normal", dann soll jedoch nicht vergessen werden, wieviel Probleme durch Vorurteile zwischen Menschen entstehen. Dementsprechend ist es notwendig auch darüber nachzudenken und zu berichten, wie soziale Vorurteile auch veränderbar sind.
Zunächst ist eine Form von Eingeständnis und Akzeptanz der eigenen Vorurteile die beste Voraussetzung für eine Veränderung und für einen Abbau von Vorurteilen: jeder hat sie, keiner will sie. Jede Art von Verleugnung erschwert einen differenzierten Umgang. Wobei auch die Idealisierungen als positive Vorurteile zu entdecken sind. Manchmal können Enttäuschungen wichtige Erfahrungen darstellen und ein Nachdenken über unsere Idealisierungen möglich machen. Wofür waren diese Idealisierungen gut und funktional?
Persönliche Kontakte sind wichtige Schritte, um Vorurteile abzubauen und Differenzierungen möglich zu machen. Wir überwinden damit unsere pauschalen Kategorisierungen und machen Erfahrungen, die unserer aktuellen Lebenssituation entsprechen. Leider ist die Überwindung von Vorurteilen nicht nur von individuellen Initiativen einzelner Personen abhängig. Die Übermacht der Medien und die Beeinflussung durch politische Parteien bestimmen unser Leben und unseren Alltag. Deswegen sind bildungspolitische Maßnahmen nötig, um pauschale Vorurteile aufzuweichen und Zwischentöne möglich zu machen. Jede Form von Differenzierung löst Polaritäten auf, erschwert ein Schema von "Freund-Feind" oder "Gut-Böse".
Wir können aufhorchen und aufmerksam werden, wenn Beschreibungen mit Pauschalierungen beginnen: "Alle Frauen sind ..." oder "Ausländer sind ...". Schwierig und sinnvoll ist es aber jedenfalls, bei der Analyse der eigenen Vorurteile anzufangen. Fragen wir uns doch, welches unser liebstes Vorurteil ist?
Persönliche Kontakte sind wichtige Schritte, um Vorurteile abzubauen.
Dr. Barbara Prowaznik, Sozialwissenschaftlerin, Training, Beratung und Supervision in freier Praxis, Arbeitsschwerpunkt u.a. "Verstehen des Fremden".
Bild: E. Boring
ROMANO CENTRO Nr. 17, 06/1997
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