|
<
zurück | Romani
"Stecken, Stab und Stangl" - Ausschnitte
von Elfriede Jelinek
Elfriede Jelinek war von den Attentaten in Oberwart, die sich jüngst zum zweiten Mal gejährt haben so betroffen, daß sie das Theaterstück "Stecken, Stab und Stangl" verfasste. Sie wollte es in Österreich nicht aufführen lassen, weil sie sich der Hetze nicht aussetzen wollte, die nachdenkliche, scharfe Kritik hierzulande allemal auslöst. In Deutschland hat das Stück betroffen gemacht und wurde gut aufgenommen. Die Autorin hat uns gestattet Ausschnitte aus diesem Stück abzudrucken und eine Einleitung geschrieben, die wir mit ihrem Einverständnis kürzen mussten:
Nach den Morden in Oberwart hatte ich mir vorgenommen auf meine Weise, so gut ich es eben konnte, einen mehrstimmigen Chor zu schreiben, der das Wohnen dieser von ihrer Umgebung großteils und seit Jahrhunderten verachteten und diskriminierten Menschen einkreisen, fassen sollte, also ihre, wie sagt man, Befindlichkeit. Empfindlich dürfen sie nicht sein bei uns, aber eine Befindlichkeit haben sie.
Das Mittel der Montage schien mir besonders diesmal ein geeignetes zu sein. So habe ich mir halt die Parameter dafür zusammengesucht: Politikerreden, die Hetztiraden der bekanntesten Kolumnisten der bekanntesten Zeitung dieses Landes, Fetzen aus Unterhaltungssendungen des Fernsehens ..... Gemeinsam mit dem Ereignis, entfaltet sich das, was ich sagen will.
Einer, egal wer:..........Bitte treten Sie ein, machen Sie sichs gemütlich, während ich meine tiefe Anteilnahme anziehe! Sie nimmt nicht ab, dafür scheine ich zugenommen zu haben. Wenn Sie über diese Schwelle treten, gehören auch Sie zu diesem Haus, werte Herrn Tote, da bin ich großzügig: Sie sind hier herausgefordert, da Sie diese im Prinzip gutmütige Gegend ringsum sehen, sich Ihren eigenen ordentlichen Raum zu schaffen. Sie vier gänzlich Arme, die Sie den Fehler hatten, nicht rechtzeitig das Aussehen und die Namen unserer Bekannten angenommen zu haben. Hätten Sie vielleicht eine bessere Verwendung für diese Gegend, als sich einfach dort hinzustreuen? ..........
Die Sache sollte insoferne rasch untersucht sein, als man den tragischen Helden nicht zu finden wünscht, der Ihre fremden Schritte nicht mehr ertragen konnte.
Frau: Mich beschäftigt, während ich auf den Lift warte, eine grundsätzliche Frage: Wie kann man sich nur dauernd Toten widmen? Dazu ständig Friedensmelodien von sich geben? Das ist doch unnatürlich. Besser wärs, sich der Natur zu Füßen zu werfen, und wenn die dann glaubt, man habe sich ihr endlich unterworfen, und woanders hinschaut, wohin sie wohl diesmal ihre Steine schmeißen könnte, dann dezimiert man währenddessen in Ruhe ihre Geschöpfe. Da liegen sie, die vier Herren.
Der Steinbock ist im Aussterben, die Gemse ist chronisch krank, und keine Äste von Fichten, sie und all die anderen toten Arten wenigstens notdürftig zu bedecken. Damit man sich später dann an einem Ort wiederfindet, wo man gerne aufgefunden würde, stimmts nicht, Herr Stab?
Eine andere: ... Wir sind der Engel des Herrn in einer ganz besonderen, handgeschnitzten Version, und wir überbringen, mit unseren blauen Augen blinzelnd und unsere blauen Schals wie Gummibänder schwingend, an denen wir uns zu ihnen herablassen, Maria, Gerti und Margit folgende Botschaft: Wer sagt, daß es nicht um einen Konflikt bei einem Waffengeschäft, einen Autoschieberdeal oder um Drogen gegangen ist?
Ein anderer Kunde: .... Ja, Sie, liebe Tote, waren die Adressaten und wurden gleichzeitig abgeschickt, gerade noch rechtzeitig. Die Ewigkeit stellt immer ein, zwei Wagen für Zufallsgäste zur Verfügung, die im letzten Moment daherkommen und noch gar nicht drangewesen wären. Ich stelle mir vor: Vier Personen versuchen gleichzeitig, diese Tafel aus dem Boden zu reißen, das kann ja nicht gut ausgehen. Oder haben Sie nicht lesen können, was drauf gestanden ist? Wenns nur einer probiert hätte, wär auch nur einer von Ihnen dran gewesen.
Eine Wartende: Warum können Sie das nicht menschlicher sehen? Oder es zumindest menschlicher sagen, sodaß wir es alle verstehen können? Warum sagen Sie beispielsweise nichts über die wunderschöne Messe, die von unserem Herrn Bischof und ein paar weiteren Bischöfen, jenen promovierten Lieblingsgeschöpfen Gottes, persönlich zelebriert wurde, in Anwesenheit hoher und höchster weltlicher Würdenträger? Es war ursuper! Einfach gemütlich! Die Verfolgung war sogar auf dem Bildschirm zu verfolgen.
Drei andere Kundinnen: Seien Sie doch froh, daß Sie es hinter sich haben, liebe Herren Tote. In der Nachbarschaft, beim Kaufmann, im Wirtshaus, beim Friseur hat ohnedies kaum einer gut von Ihnen gesprochen! Ich muß überlegen, wer uns lieber ist als Sie. Ich glaube tatsächlich: jeder andere wäre uns lieber, allerdings tot müßte er nicht gerade sein.
Im Zweifelsfall wäre es besser gewesen, es hätte Sie gar nicht gegeben. Dann wäre von Ihnen auch kein Schatten auf uns gefallen, und zwar immer gerade dann, wenn wir uns in die Sonne legen wollten. Das Fremde ist bisher immer abseits geblieben, und das zu Recht. Warum haben Sie sich uns in den Weg gelegt, werte Verstorbene? Wo ein VW Golf der Zweierserie vorbeifahren möchte und kaum an Ihnen vorbeikommt. Warum ausgerechnet hier, in unserer Ausfahrt? Haben Sie nicht das Schild gesehen? Roma zurück nach Indien?
Oberwart jährt sich nicht nur zum zweitenmal, Oberwart ist gegenwärtig - hochaktuell !
Photo: Dragan Jevremović, P. Meissner
ROMANO CENTRO Nr. 16, 03/1997
|
|
 |
ROMANO CENTRO
2001
2000
1999
1998
1997
1996
1995
1994
1993
|
|