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"KALJI"
von Ilona Ferková
Es war einmal ein Rom, der war ein großer Geiger. In seinen Händen war Feuer, mit seinem Spiel ließ er den Himmel tanzen und die Menschen, die ihm zuhörten, weinen. Er spielte in Prešov in einem Kaffeehaus. Er hatte eine Frau und eine Tochter. Doch hätte er gerne einen Sohn gehabt, um ihm das Spielen beizubringen, so wie er es konnte. Aber Gott schenkte ihm nur eine Tochter und er bekam keine weiteren Kinder. Das Mädchen war dunkelhäutig, und niemand nannte sie anders als nur "Kalji" ("Schwarze"). Der Vater sah das Mädchen nicht gerne und sagte immer: "Was soll nur aus dir werden, Kalji? Du bist eine große Strafe für uns. Ich hätte so gerne einen Sohn gehabt."
Für Kalji war es sehr schwer, daß der Vater sie so schimpfte und sie gar nicht schätzte. Einmal nahm sie heimlich die Geige des Vaters und zupfte auf ihr herum. "Warte nur mein Vater, ich werde spielen lernen! Du wirst noch sehen, wie ich spiele, damit du dich wegen mir nicht zu schämen brauchst." Die Burschen im Dorf spielten auf der Gitarre. Kalji ging öfters zu ihnen und sang mit ihnen. Sie lernte auch auf der Gitarre zu spielen, und innerhalb eines Jahres spielte sie besser als die Burschen. Aber sie machte es heimlich, damit es der Vater nicht erfuhr.
Einmal kam der Vater zornig nach Hause und sagte zu Kalji: "Die Roma erzählen mir, daß du dich mit den Burschen herumtreibst! Und was, du willst jetzt schon einen Mann. Habe ich nicht gesagt, daß du eine große Strafe für uns bist. Du machst uns nur Schande!" Die Mutter sagte: "Sei doch still! Du weißt ganz gut, daß die Roma viel übertreiben. Das Mädchen ist vierzehn Jahre alt, und da soll sie schon einen Mann lieben?"
"Vater, für mich brauchst du dich nicht zu schämen. Du hast niemals schön mit mir gesprochen, du hast mir nie gesagt, daß ich dir vorsinge. Du schimpfst mich nur!" sagte Kalji und nahm die Gitarre vom Bett. Mit Tränen in den Augen beginnt sie nun zu spielen und zu singen. Der Vater hört nur zu, die Tränen rinnen auch ihm über die Wangen: "Kalji, meine liebe Kalji, verzeih mir! Ich wußte nicht, daß ich so eine Tochter habe!" Darauf die Tochter: Jetzt kann ich dir sagen, warum ich immer zu den Burschen ging. Von ihnen habe ich gelernt auf der Gitarre zu spielen. Ich sehe dich so gerne, Vater, und bin stolz, einen solchen Geiger zum Vater zu haben. Aber du hast mich nicht geliebt!" Sie umarmte den Vater und küßte ihn.
Die Roma erzählten sich, welch großartige Musikerin Kalji war und nun nannten sie alle "amari Kalji" ("unsere Kalji"). Und niemand lachte mehr über sie. Wer immer sie singen und spielen hörte, dem wurde leichter ums Herz. (Aus dem Buch "Corde chave / Ukradené djeti" von I.F.).
EINIGES ÜBER MICH
Ich wurde am 25.6.1956 in Rokycana geboren. Wir waren zu Hause sieben Kinder, ich war das fünfte. Der Vater war schwer krank, er war Invalide. Die Mutter arbeitete hart, um uns zu ernähren. Der Vater war ein sehr guter und kluger Mensch. Er wollte, daß wir studieren, nur gab es zu Hause kein Geld. Er konnte lesen und brachte es uns bei. Aber er verbrachte mehr Zeit im Krankenhaus als zu Hause. Meine Mutter konnte weder lesen noch schreiben. Ich besuchte nur acht Schulklassen, mehr war nicht möglich. Mein Vater konnte wunderbar erzählen. Er erzählte uns über sein schweres Leben. Schon als Mädchen wollte ich das, was mein Vater erzählte, niederschreiben, aber ich wußte nicht wie. Ich glaubte nicht, das es möglich wäre, es in Romanes zu schreiben, und in der tschechischen Sprache wollte es mir nicht von der Hand gehen.
Meine Eltern nahmen mich zu den Roma mit. Die Roma behaupteten, daß ihre Erzählungen immer auf Wahrheit beruhten. Von ihren Gesprächen lernte ich viel über das Leben. Das bedeutete mir mehr als die Schule. Bis zum heutigen Tag höre ich den Erzählungen der Roma gerne zu.
Ich habe einen Mann und vier Töchter. Von Herzen wünschen wir, daß unsere Kinder etwas lernen, denn mir stand der Weg zu einer weiteren Bildung nicht offen. Meine älteste Tochter ist zu Hause bei den Kindern, Ilona besucht die Mittelschule, Etela spricht gut Englisch und Lenka geht zur Grundschule.
Ich begann in Romanes zu schreiben, als ich Milena Hübschmannova traf. Sie gab mir Texte von Tera Fabiánova und Margita Reiznerová zu lesen. Damals sah ich, daß unser Romanes nicht nur zum Sprechen, sondern auch zum Schreiben geeignet ist. Meine erste Veröffentlichung möchte ich meinem Vater widmen, er hieß Karel Danjo. Er lehrte mich, unsere Roma-Sprache zu lieben und ihr Ehre zu erweisen.
Ilona Ferková
Von Gesprächen der Roma lernte ich viel über das Leben. Das bedeutete mir mehr als die Schule.
Photo: Moses F. Heinschink
ROMANO CENTRO Nr. 15, 12/1996
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