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DER ARME ROM UND DER JUDE
von Ruža Nikolić-Lakatos
Es war einmal ein armer Rom, der hatte eine Frau. Nicht weit von ihnen gab es, eine Trafik, wo sich der alte Rom jeden Tag seinen Tabak kaufte. Die beiden hatten ein kleines Hühnchen. Jeden Tag legte es ihnen ein Ei. Dieses Ei gaben sie dem Juden und tauschten dagegen den Tabak ein. Nun, was sollte der arme, alte Rom machen? Die Tage waren bereits lang, denn es ging schon dem Winter zu, und ihm wurde der Tabak zuwenig. Er hatte ein Päckchen am Tag, aber er benötigte zwei! So sagte er zu seiner Frau: "Wie wäre es, wenn du hinüber zu dem Juden gehst, und ihn schön bittest, daß er dir noch einen Tabak gibt. Du siehst ja, mir ist mein Tabak ausgegangen. Sag ihm, morgen wirst du ihm die zwei Kreuzer dafür geben!" Und die arme Romni, ob sie wollte oder nicht, sie mußte gehen, und darum bitten. Der Jude gab ihr den Tabak, sagte ihr, daß sie ihm dafür morgen zwei Kreuzer zahlen müßten.
Am Abend dachte der arme alte Rom nach, wie er es anstellen könnte, daß ihm das Huhn zwei Eier legte, damit er jeden Tag zwei Päckchen Tabak kaufen könnte. Er befahl seiner Frau, es gut zu füttern, dann würde es ihm vielleicht zwei Eier legen. Die arme alte Romni begann es so zu füttern, aber es fiel ihr schwer, denn sie wußte, es würde verenden, wenn sie ihm zuviel zu fressen gaben. Aber sie mußte es machen, denn ihr Mann hatte es ihr ja gesagt, nicht wahr?! Und so kam es, daß bis zum Morgen - was denkt Ihr - das kleine Hühnchen verendet war. Da weinte die Romni, denn sie hatte nun nichts mehr. Aber auch der arme alte Rom bereute jetzt, daß er seiner Frau aufgetragen hatte, das Huhn so zu füttern. Denn jetzt hatte er nicht einmal ein Päckchen Tabak. Was sollte er tun, er dachte nach. Schließlich sagte er: "Geh in die Stadt und bring mir einen Sarg. Ich werde mich tot stellen. Und wenn der Jude kommt, sag ihm, daß ich gestorben bin und draußen im Leichenhaus bin!" Und die arme alte Romni tat wie ihr geheißen.
Gegen Abend kam der Jude, sagte weder "Guten Abend" oder "Gott mit Dir" nichts! Denn es ging ihm nur darum, den Alten zu fragen: "Wo sind meine zwei Kreuzer? Bis jetzt hast du sie nicht gebracht!" Da weinte die arme alte Romni: "Edler Herr, was soll ich nur machen. Schau, mein Mann ist gestorben. Und auch mein Hühnchen ist verendet", jammerte sie. Jetzt habe ich gar nichts. Wäre nur mein Mann nicht gestorben, wäre es besser! Ich kann Dir Deine zwei Kreuzer jetzt nicht zahlen. Aber wenn ich wieder Geld habe, dann gebe ich sie Dir!- "Nichts da", sagte der Jude. "Ich werde jetzt zum Friedhof gehen, das Herz Deines Mannes mit einem Messer herausschneiden und in meine Hand nehmen, damit ich sehe, was er für ein Herz hatte, daß er so lügen konnte!" Sprach es, sagte nicht "Ich lasse Dich mit Gott", nichts! Er ging geradewegs zum Friedhof.
Es war bereits Abend. Als er dort ankam, lag der Rom im Sarg mit dem Gesicht nach oben. Denn er paßte auf ob der Jude hereinkam. Als dieser nun kam sah er ihn wirklich im Sarg liegen, den alten Rom. Und er sprach mit ihm, als wäre er lebendig: "Na, du hast mir meine zwei Kreuzer nicht gezahlt. Damit du's weißt, ich werde dein Herz herausschneiden. damit ich sehe, was das für eines ist!" Der arme Rom traute sich nicht zu antworten, er, konnte nichts sagen vor lauter Angst. Und der andere machte ernst. Er stieg hinauf auf das Brett, auf dem der Sarg stand.
Da gerade öffnet sich die Tür und es kommen vierzig Räuber herein! Und zwei von ihnen bringen je einen Sack Dukaten auf ihrem Rücken mit. Jeder einen Sack, wißt Ihr! Sie gehen also hinein, und besprechen sich. Als sie das sahen, der arme Rom und der Jude, da bekamen beide Angst. Jetzt vergaß auch der Jude seine zwei Kreuzer, darüber, wie dies jetzt wohl ausgehen würde! Und versteckte sich. Der arme Rom getraute sich wegen des Juden nicht zu sprechen. Aber jetzt wurde er wieder mutiger, der arme alte Rom. "Jetzt ist alles eins. Was kommen mag, mag kommen," sagte er, "was Gott mir auch auferlegt, ich werde sprechen, vielleicht wird er mir helfen, wenn ich spreche." Und begann zu schreien: "Ihr, die Ihr vor hundert Jahren gestorben seid, kommt!" Daraufhin schrie der Jude - aus Angst, wißt Ihr: "Wir kommen!" Als er schrie in diesen leeren Totenkammer, hörte sich das an, als würde viele Menschen rufen! Daraufhin bekamen es die armseligen Räuber mit der Angst zu tun, ließen alles dort und dachten nicht mehr an ihre Goldstücke. Sie liefen hinaus - was glaubt Ihr! - aus der Totenkammer rannten sie davon.
Da stieg der arme Rom aus dem Sarg. Der Jude wußte nun, daß er nicht gestorben war. Und die beiden begannen die Goldstücke gerecht untereinander aufzuteilen.
Um wieder auf die Diebe zurückzukommen - der Anführer sagte: "Wir müssen nachsehen, was diese vielen Toten machen, wieviele gekommen sind. Komm du mit mir", sagte er zu einem Räuber, "wir gehen, um zu schauen und zu hören. was sie machen!" Und die beiden ließen die anderen zurück und gingen, um zu lauschen. Sie kamen gerade an, als der Jude und der arme Rom die Goldstücke unter sich aufteilten. Einem jeden fiel die Hälfte zu. Dann sagte der Jude zu dem armen Rom: "Und meine zwei Kreuzer, wo sind die? Du mußt sie mir noch geben!" Die beiden Räuber kamen gerade an, als sie das hörten. "Wir sind verloren. Schnell, schnell weg von hier!", sagte der Räuberhauptmann. "Was glaubst du", sagte er, "wieviele Tote das sind, daß von diesen vielen Goldstücken jedem nur zwei Kreuzer zufallen! Jetzt aber schnell zurück, sonst vernichten die uns ja alle!" Und sie flüchteten und liefen in die Welt hinaus!
Der arme alte Rom packte seine Goldstücke zusammen und freute sich. Aus Furcht, aus großer Furcht, und aus Armut war er reich geworden! Dem Juden gab er die zwei Kreuzer. Auch er war reich geworden! So gingen beide nach Hause.
Und der arme Rom brauchte den Juden nicht mehr um Tabak bitten, ich weiß aber nicht wie lange ihm diese Dukaten reichten. Vielleicht ist er danach wieder zum Juden gegangen, aber das wissen wir nicht! Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.
Da bekamen es die armseligen Räuber mit der Angst zu tun, ließen alles liegen und dachten nicht mehr an ihre Goldstücke ...
ROMANO CENTRO Nr. 14, 09/1996
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