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WARUM HABEN WIR ÜBERLEBT?... ÜBERLEBEN WIR?
von Ing. Dr. Heinz Husslik
Ein Rom stellte einmal diese Frage; und ich denke sie ist auch an die Gadsche gerichtet.
Die Identität:
Heutzutage ist die Frage nach der Identität so geläufig, daß sie fast schon Langeweile erzeugt. Aber ich sehe doch eine Notwendigkeit die Selbstbefindlichkeit näher zu bestimmen: Die Roma finden ihre Geborgenheit zunächst im inneren Kreis der Familie. Diese Familie ist aber keine demokratische Organisation, sondern eine strenge hierarchische Ordnung, die durch Autorität geprägt wird. Sie geht letztlich im äußeren Kreis der Sprachgemeinschaft auf. Die Roma identifizieren sich durch ihre, nur ihnen zukommende Sprache.
Die Lebenskraft:
Was ist nun die Lebenskraft, die die Roma befähigt, sich immer wieder von den Gastländern zu distanzieren? Seit etwa 1000 Jahren zeigt ihre Geschichte die aber nie von den Roma selbst rekonstruiert wurde - eine Unabhängigkeit der Roma und Sinti, die uns erstaunen macht. Jedem Zwang abhold, verweigerten sie eine vollständige Anpassung und akzeptierten nur das, was das freie Überleben notwendig machte. Den ehrwürdigen Alten gelang es, die Identität als Oraltradition fraglos weiterzugeben und jene Kraft zum Leben zu schaffen, die interessierte und offene Roma in ihrer Gemeinschaft prägte. Sie konnten in einem Prozeß wechselseitiger Anpassung und Verweigerung das oberste Prinzip der Identität - die Freiheit - in ihrem Gang durch die Geschichte immer wieder verwirklichen.
Die Mobilität:
Die Freiheit gibt die Möglichkeit aufregende neue Welten kennenzulernen: Die Welt der sinnlichen Erfahrung und die Welt des Geistes. Während die Roma der intellektuellen Experimente des Geistes ablehnend gegenüber stehen, bietet ihre Gemeinschaft eine enge Zusammengehörigkeit und Stabilisierung des Individuums. Die Roma haben einen weitläufigen Raum der Mobilität außerhalb der Familie. Weil die Gadsche sowohl in der Familie als auch territorial reglementiert sind, verweigern die Roma hier eine Anpassung. Während die Gadsche Glaubenskriege führten, wechselten die Roma eben den Glauben. Sie sind Praktiker des Lebens um ihrer Freiheit willen.
Heute wird aus praktischen Gründen die Annehmlichkeit der Technik übernommen. Und diese entpuppt sich als trojanisches Pferd.
Die infiltrierende Technik: Die moderne Technik verursacht eine starke Rückwirkung in alle Bereiche des Lebens: Die Familie wird durch das Fernsehen beeinflußt und die Mobilität wird durch die Technik in weltweitem Ausmaß ermöglicht, Roma sind dabei nicht die ausschließliche Zielgruppe. Die jungen Roma aber finden die Technik der Gadsche nun viel attraktiver als die Roma-Tradition. Das Überleben der Roma scheint in Frage gestellt zu sein.
Die neue Identität:
Damit wird die Frage nach dem Selbst und der Ich-Befindlichkeit neu gestellt. War früher die Identität fraglos vorausgesetzt, lebte man in ihr, so wird sie jetzt zum Problem und bedarf der sprachlichen Abklärung. Dabei reicht aber das von den Alten tradierte Wissen nicht mehr aus und man muß Anleihen bei den Gadsche machen. Alle "Zwangssysteme" des Gastlandes müssen zum eigenen Überleben durchlaufen werden. Das sind Schulen, Bürokratie und auch die Akzeptanz der "öffentlichen Ordnung" und der Trott der systematischen und überschaubaren Arbeit. Während die großen institutionalisierten außereuropäischen Kulturen zwar auch das "Technik-Syndrom" erfahren, erkennen diese infolge ihrer spirituellen Tradition aber, daß der "Geist der Maschine" den Menschen nie erfüllen kann.
Die Roma stehen heute in der Krise - aber sie haben damit auch eine neue Chance -, denn sie können sehr wohl aus ihrer Lebenserfahrung darauf hinweisen, daß das Leben die Priorität hat und nicht die Überheblichkeit im Statusdenken, das infolge der egoistischen Anhäufung durch Raubbau an der Natur schädlich und ungerecht ist. Sie stehen gegen die westliche Sachorientierung und Sachautorität und für die lebendige Personenautorität. Sie treten gegen jede Form der Schriftverabsolutierung ein. Auch die Schule muß in die Familie integriert werden und nicht umgekehrt.
Wenn manchmal der Überlebenswille des jüdischen Volkes als Beispiel vorgestellt wird, dann muß aber berücksichtigt werden, daß die Roma der religiös-spirituellen Werte entbehren, die die jahrtausende alte jüdische Kultur fundierten.
Die Chance der Roma scheint mir, in der Gemeinschaft von Vereinen zu bestehen und gemeinsam die neue Identitätsfindung in Abgrenzung zur Volksmehrheit zu suchen. Wichtig bleibt, den Wert der Stammes- und Großfamilienstruktur zu erhalten, dem drohenden Sprachverlust entgegenzuwirken und dadurch als Minderheit Sicherheit zu finden.
Überleben:
Das bewahrende Verhältnis, in dem die Roma zu Natur und Tradition standen, ermöglichte ihr Überleben. Werden sie aber unter dem Druck einer durchrationalisierten Welt - in der es keine natürlichen Freiräume mehr gibt - überleben? Dies liegt bei den Roma selbst; immer mehr Sympathisanten unterstützen sie.
Die Roma können sehr wohl aus ihrer Lebenserfahrung darauf hinweisen, daß das Leben Priorität hat und nicht die Überheblichkeit im Statusdenken.
(Der Autor ist Techniker und philosophisch ausgebildet, verbrachte viele Jahre in Afrika und Asien. Er würde sich über Stellungnahmen der Leser zu seinem Beitrag freuen.)
Photo:Renata M. Erich
ROMANO CENTRO Nr. 14, 09/1996
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