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LEBENSERFAHRUNGEN MIT VORURTEILEN
von Paul Parin
Ich bin auf dem Land in Slowenien aufgewachsen. Oft kamen dort Zigeuner, Kesselflicker und Bettler vorbei. Es galt allgemein: Zigeuner stehlen. Unsere Kinderfrau holte die Wäsche ein, wenn sie kamen. Sie drohte, die Zigeuner würden uns mitnehmen, wenn wir nicht brav wären. Ich habe ihr Vorurteil nicht geteilt, meine Eltern waren liberal eingestellt. Sie sagten, Zigeuner sind arm, aber nicht anders als alle anderen Menschen. Die Tiere der Zigeuner liebte ich: sie hatten Pferde, Hunde, mitunter einen Tanzbären oder ein Äffchen.
Ein Kind wächst in einer Umgebung auf, in der ein rassistisches Vorurteil herrscht. Das Kind übernimmt das Vorurteil nicht; erstens weil die geliebten und respektierten Eltern das Vorurteil nicht teilen, sondern korrigieren, zweitens weil genügend starke, positive Gefühle gegenüber den Eltern und den diskriminierten Zigeunern gegen das Vorurteil sprechen. Es ist festzuhalten: Gefühle der Liebe und Zuneigung können gegen ein Vorurteil immun machen.
Im Jahr der Einsetzung von Adolf Hitler zum deutschen Reichskanzler 1933 war ich 17 Jahre alt. Als Auslandsschweizer hatte ich aus einer, wie es nun hieß "nichtarischen" Familie reichlich Anlaß, mir Gedanken über rassistische Vorurteile zu machen, wenn ich selber auch nicht ernstlich darunter zu leiden hatte. Ich konnte erkennen: Rassistische Vorurteile sind unsinnig, sie haben keinerlei vernünftige Gründe, bieten jedoch den Angehörigen der "höheren" Rasse ein Hochgefühl (eine narzißtische Prämie) - ich bin besser als die Minderwertigen. Außerdem bilden alle, die das gleiche Vorurteil haben, eine geschlossene Gruppe. Ihre Feindseligkeit gegen andere schmiedet sie zu einer Kampfgemeinschaft zusammen. Sie, die Stärkeren können die Minderrassigen unterdrücken, vertreiben oder umbringen, wie es ihnen paßt. Für alle, auch für selbstverschuldete Mißtände bieten sich die ausgegrenzten "Minderwertigen" als Sündenböcke an.
Bis Herbst 1938 lebte ich in Jugoslawien und studierte in Graz. Zigeuner, die man noch nicht Roma zu nennen wußte, waren damals bei den einen beliebt, bei anderen unbeliebt. Erst als der Hitlerstaat aus dem Vorurteil ein Gesetz gemacht hatte und gewaltsam gegen die Andersrassigen vorging, schienen die meisten Menschen davon besessen zu sein. Als ich im Herbst 1938 nach Zürich kam, war ich zuerst erleichtert, wurde aber bald bitter enttäuscht. Bereits bei den ersten Vorlesungen, mußte ich bei einigen angesehenen Professoren antisemitische Äußerungen anhören; von seiten der Studenten wurde ihnen kaum widersprochen. Nicht alle Schweizer und Schweizerinnen hatten die gleichen Vorurteile, aber sehr viele ließen der Regierung freie Hand, sich so zu verhalten, wie es die starken und aggressiven Nazibehörden im Deutschen Reich von der Eidgenossenschaft erwarteten.
Als endlich der Krieg zu Ende war, konnte ich hoffen, nun bald in einem Land ohne solch unsinnige, unmoralische und verderbliche Vorurteile zu leben. Die Neigung, Fremde als schlampig, laut, unzivilisiert, unzuverlässig usw. zu taxieren, konnte ich bei meinen Landsleuten allerdings nicht übersehen. Erst Jahre nachdem ich nach Zürich gekommen war, wurde mir aber bewußt, daß es bei uns ein Volk gab, das man die Fahrenden oder die Jenischen nannte. Allmählich begriff ich, daß die Jenischen, die Fahrenden, einem Volk entsprachen, das man im Osten "Zigeuner" nannte; dort aber, so glaubte ich, mit ganz verschiedenen Untertönen, mit Verdächtigungen, Sympathie, oder auch mit Neid - weil sie so viel freier und glücklicher lebten als die seßhaften Bauern, Arbeiter, Bürger und Bürgerinnen.
Dann aber enthüllte sich mir der Skandal, das ganze Elend unserer schweizerischen Eigenart. Zuerst an einem verrückten Psychiater, der von einem gesunden jenischen Jungen behauptete, er sei erblich belastet, krank und bedürfe der Überwachung, Fürsorge, Therapie. Bis es dann herauskam: Wir alle - natürlich nicht buchstäblich alle - sind seit dem 19. Jahrhundert bestrebt, die Jenischen, die bei uns leben, als ein moralisch und geistig minderwertiges, die innere Sicherheit des Landes gefährdendes Volk hinzustellen (Thomas Meier & Rolf Wolfensberger: 'Die bürgerliche Gesellschaft und die Nichtsesshaften', NZZ 10/11.2.96). 1926 wurde von der staatlich legitimierten 'Pro Juventute' das "Hilfswerk für Kinder der Landstraße" gegründet. Die als "erblich" eingestufte "Vaganität" sollte so bekämpft werden, daß Familiengemeinschaften auseinandergerissen, Kinder den Eltern weggenommen, von der "Verwahrlosung gerettet" und umerzogen wurden. Das rassistische Unwesen wurde erst 1972, auf zunehmenden Druck der Öffentlichkeit eingestellt.
Was mich trotz meiner langen Lebenserfahrung besonders empört, ist folgendes: Bei uns sind es nicht unterprivilegierte, darbende, vielleicht verhetzte und mißbrauchte Volksmassen, die rassistische Vorurteile hegen. Bereits während das "Hilfswerk" und sein fanatisch rassistischer Leiter Alfred Siegfried noch ungehindert und legitimiert Kinder der Jenischen rauben durften, wurde ihr Tun von ungezählten gebildeten Personen unterstützt. Psychiater erstellten verfälschte Gutachten, Vormundschafts- und andere Behörden betätigten sich als Hilfsorgane der rassistischen Verfolgung. Als schließlich der Skandal aufgedeckt wurde, warnten Magistraten (so der Altbundesrat Friedrich), man dürfe Akten aus jenen Jahren den Geschädigten nicht zur Verfügung stellen, da sonst Forderungen auf Entschädigung gestellt würden. Noch heute gibt es Anzeichen dafür, daß unseren Behörden nicht daran gelegen ist, die schlimmen Verfehlungen restlos aufzudecken, noch immer wird den Geschädigten zum Teil Einsicht in die Dossiers verwehrt. Ich habe einsehen müssen, daß von Aufklärung über rassistische Vorurteile keine wirkliche Abkehr zu erwarten ist. Aufklärung bedarf der Ergänzung. Wollen die Jenischen in der Schweiz und auch die Roma zu einiger Gerechtigkeit und Anerkennung ihrer Menschenwürde kommen, müssen sie zusammenstehen und ihre Sache gemeinsam öffentlich vertreten. Vermutlich werden sie erfahren, daß sie dann nicht nur auf Widerstand stoßen werden. Sie dürfen hoffen, daß neue Generationen sie unterstützen werden.
Gefühle der Liebe und der Zuneigung können gegen ein Vorurteil immun machen.
Photo: Moses F. Heinschink
ROMANO CENTRO Nr. 13, 06/1996
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