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AGGRESSION
von Univ. Prof. Dr. Leopold Rosenmayr
Ein Jahr nach dem brutalen Bombenattentat, dem in Oberwart vier Roma zum Opfer gefallen sind, haben wir den emeritierten Univ. Prof. Dr. Leopold Rosenmayr um einen Beitrag gebeten. Er hat sich wissenschaftlich mit Aggression auseinandergesetzt und ein Buch darüber veröffentlicht (Der Lebenskampf, Aggression und Versöhnung, Edition Atelier).
Aggressivität läßt sich zwar als Impulsivität erkennen, die durch genetische Konstellationen entweder schwächer oder stärker, manchmal fatal vorgebildet ist, aber erst durch soziale und kulturelle Voraussetzungen zur Auswirkung kommt. Jede Symbolverwendung und Ideologie muß in letzter Konsequenz daher unter dem Aspekt von Täterschaft oder Beihilfe gesehen werden. Hierbei erscheint wichtig, die politischen Drahtzieher und Organisationen aufzufinden und die Konsequenzen zum Schutz der Bürger schnell und wirksam zu ziehen.
Die Bestimmung der schwierigen Grenze zwischen Zubilligung von Aggression und der Verhinderung von Gewalt, bedarf sowohl wissenschaftlicher Forschung als auch des Erlernens von Lebenstechniken und begleitender wirksamer Gesellschaftskritik. Meine neuesten Forschungen in Österreich gemeinsam mit Gerhard Majce und Rudolf Bretschneider und dem Institut Fessel + GfK aus dem Jahre 1995 zeigen, daß bei einer Stichprobe von 1000 Personen
- über 80 Prozent eine Zunahme von Aggression in den letzten 10 Jahren in unserer Gesellschaft feststellen.
- sich die überwiegende Zahl der Menschen als Opfer, nicht als "Täter" von Aggressionen begreift. Nur eine kleine Minderheit hält sich selbst für aggressiv.
- Im Übergang von einem früheren zu einem neuen Rollenbild fühlen sich Frauen von Konflikten wesentlich mehr belastet als Männer.
- Bildung und Erziehung haben nicht nur große Bedeutung für die Hinterfragung von stereotypen Feindbildern und Fremdenangst, sondern reduzieren auch solche stereotypen Abwertungen.
- Viel unkontrollierte gewaltorientierte Aggressivität beruht auf Nachahmungslernen. Kindern können aber bei entsprechenden Erwachsenen-Vorbildern Streitkultur, Toleranz und Versöhnungshaltungen und -techniken vermittelt werden.
- Erziehung ist noch nicht imstande, eine gleichzeitig kooperative und kompetitive Haltung zu vermitteln. Das Lernziel wäre: "Wir sind sowohl Freunde als auch Rivalen".
- Eine solche Ambivalenz-Toleranz bedeutet, sich sowohl auf Nähe, Hilfe, Liebe, Sympathie einzulassen, als auch durch Abgrenzung - die Kunst und den Mut des Nein-Sagens - sich zu behaupten.
Vernichtungsexzesse gehören leider auch zum Menschen. Sie sind mitunter durch bestimmte genetische Konstellationen vorbedingt, kommen aber zumeist erst durch soziale und politische Voraussetzungen zur Auswirkung.
Die Erklärung von Mord und Totschlag durch das Konstrukt eines "tierhaften Ungeheuers in uns" ist wissenschaftlich überholt und politisch bedenklich (Sevilla Statment 1986; J.Klama, 1988). Die fächerübergreifende Sicht macht demgegenüber deutlich, daß es "keine neuropsychologischen Gründe gibt, die uns zwingen, gewaltsam zu reagieren" (Groebel u. Hinde 1989).
Symbole, die für hohe moralische Werte stehen, können zur Anheizung von Gewalt verwendet werden. Wichtig ist daher die Entflechtung von emotional vertretenen und symbolisch legitimierten Überzeugungen einerseits und von Gewalt andererseits.
"Gewaltbewältigung" bleibt eine Daueraufgabe des Menschen. Sie erfordert auch eine Veränderung von Institutionen (Kirchen, Schulen, Familien) zum besseren Schutz und Selbstschutz vor Gewalt.
Durch eine sehr vielschichtige soziale Bedürfnisstruktur lebt der Mensch in einem laufenden Austausch von "innen und außen". Daher rührt auch die enorme Wechselwirkung zwischen Aggression gegen andere und Selbstaggression. Wer sich selbst haßt, haßt auch andere - und umgekehrt.
In Hochformen ihrer spirituellen Ausprägung finden sich in der christlichen Tradition auch heute aktualisierbare Konzepte der Vergebung und Versöhnung. Verzeihung muß im Innersten bei sich selbst beginnen. Wer verletzt hat, sollte damit beginnen, sich selber zu vergeben. Gerade im 20. Jahrhundert, wo Massenmord, Genozid und Massenschuld in bisher noch nie gekanntem Ausmaß sich ereignen, kann unbearbeitetes Schuldgefühl in neue Aggression umschlagen.
Gewaltbewältigung bleibt eine Daueraufgabe des Menschen, sie erfordert auch eine Veränderung von Institutionen wie Kirche, Schulen und Familien.
Photo: R. Erich,
A. Fennesz
ROMANO CENTRO Nr. 12, 03/1996
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