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ROMA IN BULGARIEN
Vor wenigen Tagen erreichte uns folgender Brief:
"Lieber Dragan Jevremović, ich bin der Bürgermeister von Kamenar, einer kleinen Siedlung bei der Stadt Varna und Präsident der Roma-Union in unserem Bezirk.
Unsere Gegend ist ethnisch sehr gemischt: es gibt Bulgaren, Roma, Türken, Armenier, Juden usw. Aber die Lage der Roma-Bevölkerung ist die dramatischste: Roma sind arbeitslos, bitterarm und Analphabeten.
In unserer Gegend leben etwa 35.000 Roma. Allein in der Stadt Varna gibt es sechs Roma-Siedlungen. Vom Bürgermeister der Stadt wurden uns Gemeinschaftsklubs zur Verfügung gestellt, sie sind aber zur Zeit alle zerstört. Wir haben keine Büroeinrichtungen und deshalb sind unsere Möglichkeiten gering. Trotz aller Schwierigkeiten veröffentlichen wir eine Roma-Zeitung, die die Probleme der Roma beschreibt.
Ich würde Sie gerne treffen, um zu besprechen, wie wir die Lage der Roma in unserer Gegend verbessern könnten."
Wie überall gibt es auch in Bulgarien keine genauen Angaben über die Zahl der Roma im Lande. Die Schätzungen liegen zwischen etwa 600.000 und über einer Million. Das grenzt, bei neun Millionen Einwohnern, an 10 Prozent der Bevölkerung. Die westliche Öffentlichkeit weiß nichts von der massiven Diskriminierung, der die Roma dort ausgesetzt sind:
Sehr viele Roma sind auch hier arbeitslos und haben vor allem seit den notwendigen Rationalisierungsmaßnahmen keine Chance, Arbeit zu bekommen. Sie sind auf Sozialhilfe angewiesen, viele Städte und Dörfer sind aber auch selbst in finanziellen Schwierigkeiten. Immer wieder passiert es, daß Roma daher die Sozialhilfe überhaupt nicht ausbezahlt bekommen. Von den Gadsche werden sie dann wegen Diebstahls angezeigt. Die Stimmung gegen Roma eskaliert immer wieder zu regelrechten Pogromen.
Nur eines von mehreren Beispielen, das 'Human Rights Watch/Helsinki' genau recherchiert hat (Bulgaria, increasing violence against Roma in Bulgaria, Vol.6, No.18, Nov. 94):
"Am 14. Dezember 1993 erzählt Lida M.M. in Màlorad: Um acht Uhr abend ging ich in den Hof, um die Wäsche zu holen, da sah ich Leute in die Luft schießen und im gegenüberliegenden Haus Fenster einschlagen. ... Dann kamen sie zu unserem Haus. 6 Personen stießen in den Zaun, kamen in den Hof und kamen herein. Mein Mann stand vor der Tür und sie begannen ihn mit Holzprügeln zu schlagen. Einige kamen ins Haus, zerbrachen die Fenster und Möbel. Alles was sie sagten war: ‚Wenn ein Zigeuner nur ein Ei von einem Bulgaren stiehlt, bringen wir ihn um'."
Galina B.K. berichtet von ähnlichen Verwüstungen in ihrem Haus. Schließlich "öffnete mein Mann die Türe. Er wußte nicht, daß die Leute im Vorhaus schon auf ihn warteten. Er wollte herausgehen und da haben sie ihn mit drei Schüssen umgebracht. Die Männer, die durch das Fenster gesprungen waren, begannen meine Schwiegermutter zu schlagen. Sie zertrümmerten den Ofen und schlugen zwei meiner Kinder..." Es gibt viele übereinstimmende Berichte von Roma, deren Wohnungen auch demoliert wurden, viele erklärten, daß der Bürgermeister selbst die Gewalttaten befohlen habe. Dieser gab zu, eine Gruppe Kämpfer empfangen zu haben, sie hätten angeboten, das Dorf vor den Roma zu schützen, jedoch dafür zu viel Geld verlangt. Der Polizeichef aber bestätigte, daß der Bürgermeister selbst eine ‚Sicherheitsfirma' beauftragt habe, eine Strafaktion im Romalager durchzuführen. Die Roma aus der Siedlung wurden schließlich so unter Druck gesetzt, daß keiner mehr wagte, jemanden zu identifizieren, keiner wurde vor Gericht gestellt.
Straftaten gegen Roma werden nicht verfolgt, über Brutalitäten mit Todesfolgen auch seitens der Polizei gibt es ebenfalls authentische Berichte. Das Beispiel, das wir oben geschildert haben, ist eines von vielen und es ist zwei Jahre alt - haben Sie davon gehört, gelesen? Oder ist dem westlichen Ausland nur recht, wenn es von diesen Tragödien gar nichts weiß?? Die Lage der Roma hat sich seither verschärft, auch Presse und Rundfunk verhalten sich zunehmend Roma-feindlich.
War das in der Nazizeit nicht verdächtig ähnlich? Wichtige Persönlichkeiten in und außerhalb des damaligen Deutschland wußten sehr wohl, was in den Konzentrationslagem geschah. Warum haben sie denn ihr Entsetzen erst laut werden lassen, als Millionen Menschen ermordet waren und keine Hilfe mehr möglich war?
In Bulgarien leben an die 800.000 Roma, die meisten haben keine Chance, Arbeit zu bekommen, sie leben in Ghettos. Wie soll das weitergehen?
Photo: R. Erich,
Ch. Fennesz-Juhasz
ROMANO CENTRO Nr. 12, 03/1996
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