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WEIHNACHTEN
von Ceija Stojka
Das, was ich Euch nun erzählen werde, hat sich vor fünfzig Jahren zugetragen. Meinen Vater, Wackar, hatten sie ins Lager gebracht. Wir waren mit meiner Mutter allein zuhause geblieben, - sie war damals noch eine junge Frau. Nur zwei Tage später kam die Nachricht vom Tod meines Vaters.
Ihr könnt Euch denken, wie meiner Mutter zumute war. Mit sechs Kindern stand sie nun allein da. Es war eine sehr elende Welt, als die Feiertage kamen. Von irgendwo brachte meine Mutter trotzdem einen kleinen Baum nach Hause. Denn sie sagte: "Auch wenn Euer Vater zugrunde gegangen ist, müssen wir trotzdem alles so machen, als wäre er zuhause. Es wäre in seinem Sinne, daß wir den Baum schmücken, den schönen Baum." Und alle Kinder brieten Apfel, bemalten Nüsse golden und silbern, und hängten die Apfel schön auf. Dann wickelten sie noch Zuckerln, wißt ihr, in dieses Papier und befestigten sie auf dem Baum. Und gut war es. Sehr, sehr schön war der Baum geworden und meine Mutter stand dort und die Kinder und alle weinten!
An jenem Tag sagte meine Mutter zu uns: "Heute, an diesem Tag, gehen wir nicht in den Wald, wir machen uns auch nicht auf den Weg, um uns im Park zu verstecken." Die SS, die Nazis, die Gestapo suchten uns nämlich. Und meine Mutter sagte: "An diesem Tag gehen wir nirgendwohin, was kommen mag, mag kommen, wir bleiben zuhause." Man schrieb gerade das Jahr 1942. Und ich sage Euch, draußen war so viel Schnee, daß die Welt darin verschwand. Was brachte nicht meine Mutter trotzdem alles nach Hause! Während des ganzen Tages war sie bei den Gasche in den Dörfern wahrsagen. Dann brachte sie Hühner nach Hause, Grammeln, Reis, Gänse, Enten, die Gaschi gab ihr noch ein großes Heferl Schmalz. Und sie machte wunderbares Essen. Sie kochte Kraut, Kraut nach Roma-Art, machte Pogatschen und eine herrliche, gute Suppe. Dann machte sie solch ein Rahmessen mit jungen Hühnern. Ihr könnt Euch denken, wie wir Kinder aßen: es ist uns nur so herunter über die Wangen geronnen!
Und doch gab es Tränen, weil mein Vater zugrunde gegangen war. Auch damals war die Mutter bei uns und hielt uns fest, sie sah uns in die Augen und so fürchteten wir uns nicht, weil wir hatten eine starke Mutter. Da waren Karli, Hansi, Mitzi, Kathi und ich, und wir hatten noch einen kleinen Bruder, der Ossi hieß, er war der jüngste.
Und gut - es vergehen diese schönen Tage und die Mädchen, Mitzi, Kathi und meine zwei Brüder beginnen zu singen. So singt ein jeder diese schönen Lieder, die heiligen Lieder, die in diesem Land Brauch sind: "Stille Nacht, Heilige Nacht", in Deutsch, nicht in Romanes. Wahrscheinlich werden wir es auch einmal auf Romanes lernen. Und was soll ich Euch sagen, meine Mutter ist in der Küche, wir Kinder sitzen am Boden, sprechen und lachen und vergessen alles, plötzlich beginnt der Baum zu brennen. Sosehr brennt der Baum, daß wir nicht mit Wasser, mit gar nichts die Flammen löschen können.
Ihr könnt Euch jetzt denken, wie die kleinen Kinder, ich und mein kleiner Bruder, wegen des Baumes weinten. Meine Mutter wiederum stand in der Küche und sah es und sagte: "Das ist nicht gerecht, so etwas darf doch nicht passieren, der liebe Gott ist nicht gut auf uns zu sprechen, er ist zornig auf uns. Ihr werdet noch sehen, was in diesem Jahr auf uns zukommen wird." Und so war es dann auch. In diesem Jahr brachten sie uns ins Lager und dort blieben wir und dort starb mein kleiner Bruder.
Dann waren wir im Lager, mehr als eineinhalb Jahre. Von dort trennten sie meine Brüder von uns, die Schwestern, auch sie wurden von uns getrennt und zu anderen Orten gebracht; Und ich kam mit meiner Mutter nach Ravensbrück.
Es war gerade 1944, so schrieb der Kalender. Da kam die SS in die Baracke, in dieses schlechte Lager, in dem wir waren, und befahl allen Kindern, zu kommen und sich zu versammeln, weil der Herr des Lagers und die SS den Kindern heute einen Tag lang "Weihnachten" bereiten würden. Und so war es auch. In unserer Baracke waren wir fünf, sechs Kinder. Eine Aufseherin und eine Stubenälteste kamen zu uns - ich war gerade elf Jahre alt - und brachten uns weit weg von unserer Mutter in eine andere schlechte Baracke. Dort war solch ein heiliger Baum, nur mit Nüssen und Äpfeln geschmückt. Auf dem Tisch gab es Nußkuchen und Metwurst. Ich dachte damals an Knackwurst, denn ich war ein kleines Mädchen, und war Knackwurst von zuhause in Wien gewöhnt, aber in Deutschland sagen sie "Metwurst". Also gaben sie uns diese Metwurst und Brot dazu. Wir waren dort 50 Kinder, das Lager war groß. Und die Aufseher und die SSler saßen alle bei uns und paßten auf, was wir machten. Sie stritten nicht mit uns, sie lachten nur über uns. Und wir Kinder, wie wir da alle waren - ein jedes hatte nur einen Gedanken: Wie werden wir irgendetwas der Mutter nach Hause in die Baracke bringen können? Und ein jedes sah, was das andere machte: sie schoben ein Stückchen Brot und ein Stück Metwurst unter das Hemd an die Brust.
Und die Gaschi von den Nazis, von der SS, kam und sagte der Blockältesten, daß es eine Sünde sei, das, was die SS Männer von ihrem Essen auf dem Teller übriggelassen hatten, wegzuwerfen: "Geh, bring es den Kindern!" Dort wiederum gab es viele Köstlichkeiten und noch mehr Köstlichkeiten, was diese zu essen bekommen hatten: Rote Äpfel, Zwetschken, getrocknete Zwetschken, alles mögliche, sogar Süßigkeiten und echten Zucker, was ich seit drei Jahren nicht gesehen hatte. Und das alles brachte sie uns und wir steckten alles unter unser Hemd hinein. Aber ich hatte einen so dicken Bauch, als ob ich schwanger geworden wäre vom Brot, und ich fürchtete, daß es die Offiziere sehen und es mir wegnehmen würden. Auch die anderen Kinder machten es alle so. Dann schrie der Offizier, dieser große Offizier aus Ravensbrück, in Deutschland: "Weil ihr so gut und 'brav und ordentlich' wart und ihr keinen Schaden angerichtet habt und nicht schmutzig wart, dürft ihr den Baum abräumen und euch Nüsse und Äpfel nehmen." Es waren so viele Äpfel und als es doch nicht genug waren, teilten wir mit den anderen, damit einem jeden sein Anteil zufalle. Und mit den Nüssen machten wir es ebenso.
Danach gab es eine große Kälte, es war ein trockener, eisiger Tag und so brachte uns die Aufseherin zurück, wir waren gut einen halben Kilometer von der Baracke, von meiner Mutter, entfernt. Und es wehte draußen und es war kalt. In der Baracke, wo die SS war, war es sehr heiß gewesen, geheizt, und jetzt hier draußen war es sehr, sehr kalt. Wir hielten unseren Bauch, um nichts zu verlieren und liefen mit der Gaschi. Der Schnee in unserem Gesicht war ganz gefroren und wir waren barfuß! Und so machten wir uns zu unserer Mutter auf. Ein jeder verkroch sich bei seiner Mutter. Dann rief meine Mutter: "Gott sei Dank, Jesus war gut mit euch! Er hat auf euch aufgepaßt und euch reich gemacht so viel hat er euch gegeben, Nüsse und Äpfel. Fürchtet euch nicht, ihr werdet noch sehen, Jesus ist nicht mehr zornig auf uns. Eines Tages werden wir auch diesem Gefängnis entkommen."
Und jetzt schreiben wir 1995. Heute begehen wir unsere Weihnachtsfeste so wie einst die Rom ihre Weihnachten draußen auf der Wiese feierten, als sie in ihren Wagen waren. Auch damals hatten sie alles was sie brauchten. Heute ist es einfach, weil heute ist die Welt frei, was du brauchst, kannst Du Dir kaufen. Wir haben viele Kinder, unsere Familie ist groß.
Also, bei mir hier koche ich zwanzig Töpfe: Kraut, Reis, Huhn in Rahm, Pogatschen, Strudel, alles mögliche, was man für diesen Anlaß braucht und alles mache ich ganz allein. Ich habe einen 30 Liter-Topf. Dort gebe ich fünf Hühner, drei Gänse und vier Stelzen hinein. Dann schneide ich mein Kraut und bereite den Teig. Alles natürlich mit der Hand. Mein Mann ißt niemals Teigwaren aus dem Geschäft, noch nie hat er sowas gegessen.
Am 24. gibt es viel Arbeit zu Hause, die Frau kocht, der Mann hilft: Er bringt, was er in den Dörfern besorgt hat. Mein Mann geht jedes Jahr am 23. Einladen. Am 24. bringt er mir alles nach Hause: 50 Hühner, Enten, 1/2 Schwein, alles schon schön aufgeschnitten, Leber, Innereien, Eier, Kraut und alles. Dann habe ich am 24. viel Arbeit, denn es sind die Hühner zu putzen, und dazu gebe ich alles Mögliche, lasse das Kraut langsam kochen. Dann nehme ich es vom Feuer und stelle es auf die Seite und am nächsten Tag mache ich es fertig. Dann mache ich die Pogatschen, alles mache ich an einem Tag. Die Strudel machen meine Töchter, die woanders wohnen und dann mit den Strudeln und der Bäckerei herkommen. Und zu Hause hilft der Mann das Wurzelwerk zu putzen, die Paradeiser, das Kraut zu schneiden und alles zu reinigen. Sonst hilft er mir nie, nur an diesem großen Tag, dann hilft er. Und manchmal, um fünf oder sechs Uhr, muß ich mich - Entschuldigung - für eine halbe Stunde niederlegen. Am Morgen bin ich nämlich um sechs Uhr früh schon wieder auf, weil das ist dann der große Tag.
Dann kommen die Töchter aus der Stadt, mit den Enkelkindern. Diese helfen alles hereinzutragen, die Teller zu säubern und aufzudecken, sie nehmen das Besteck heraus, nämlich das für den Feiertag, die großen Teller, die Servietten und alles, was man braucht und legen es auf den Tisch. Meine Arbeit ist nur zu kochen und die Menschen zu begrüßen, wenn sie kommen. Das ist unsere Freude und unser Vergnügen. An diesem Tag wird hier gesungen und getrunken. Mit Musik, Liedern und mit aller Freude, dem Glück und allen Gefühlen die im Menschen drinnen sind, feiern wir diesen Tag, an dem Jesus geboren ist.
Und das sind unsere Glückwünsche: Wenn jemand zur Türe hereinkommt, muß er zuerst sagen, "Viele Jahre lang sollt ihr glücklich sein! Der heilige Jesus schickt Euch viel Glück und Gesundheit und auch sein Vater und seine Mutter, wenn ihr ihn ins Haus laßt." Dann sagt der andere, der Gastgeber: "Komm herein und sprich weiter". "Ihr sollt Weihnachten mit Glück und Kraft und noch besser als jetzt erleben, auf Gold und Silber sollt ihr wachsen und alt werden, noch schöner und noch reicher sollt ihr werden und noch mehr Geld haben, auf Brillanten sollen Eure Frauen wandeln. Nur Schönes soll Euch im Leben widerfahren. Aufs Jahr wiederum soll deinem Sohn oder deiner Tochter ein Sohn geboren werden." Dies sind die Glückwünsche: "Deine ganze Familie, die du hast, Brüder, Schwestern, alle, die du kennst, deine ganze Verwandtschaft, die du hast, sie alle sollen glücklich sein. Dürfen wir mit dem Jesuskind in dein Haus kommen, um zu feiern?" "Kommt nur herein".
Dann beginnt man zu singen, die Pogatschen zu brechen, das Kraut und die Suppen werden serviert, die köstlichen Braten und was es sonst noch alles gibt. Dann werden noch Geschenke gebracht, ein jeder kommt und bringt etwas Schönes: der eine bringt ein Faß Wein, der andere ein großes Faß Wein, der dritte ein Faß Bier, ein anderer eine Bouteille, oder solch schöne lange Gläser, wieder einer bringt ein ganz großes schönes Glas. Und dann zeigen alle voll Stolz, wie gut sie singen können. Das ist unser großes Weihnachtsfest. Am heiligen Weihnachtstag bleiben wir zu Hause und am nächsten Tag, am 26. gehen wir dann zur Verwandtschaft.
Ihr sollt Weihnachten mit Glück und Kraft erleben, auf Gold und Silber sollt ihr alt werden, auf Brillanten sollen Eure Frauen wandeln. Nur Schönes soll Euch im Leben widerfahren.
Photo: Dragan Jevremović
Bild: Maria Ginova
ROMANO CENTRO Nr. 11, 12/1995
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