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SPRACHE UND MINDERHEITEN
von Univ. Prof. Norman Denison
Es ist ein grundsätzlicher Denkfehler anzunehmen die Menschheit habe zwischen zwei Prinzipien der guten, fortschrittlichen Homogenität einerseits und der gefährlichen, reaktionären Heterogenität andererseits zu wählen. In Wirklichkeit bestimmen gleichermaßen und gleichzeitig Divergenz und Konvergenz das Wesen und den Alltag des menschlichen Lebens.
Die materiellen Bedingungen des städtischen Lebens mit Supermärkten, Verkehrschaos und politischen Demonstrationen sind für alle gleich, die von Saloniki unterscheiden sich kaum merklich von denen in Glasgow. Trotzdem oder gerade deswegen sollte man die innere Vielfalt, die sich unter der äußeren Eintönigkeit zu behaupten versucht, nicht bedauern oder bekämpfen, sondern schätzen und fördern, auch wenn die Koexistenz nicht immer unproblematisch ist und weder auf der Ebene der persönlichen Identität noch auf der Ebene der Gruppenidentität und der sozialen Beziehungen konfliktfrei ist. Es gibt zumindest vier Gründe, warum man die sprachliche und ethnische Vielfalt nicht als überholt betrachten oder gar bekämpfen sollte:
- Vielfalt ist etwas wunderschönes an sich. Wer das nicht so empfindet, den werden keine Argumente überzeugen.
- Genauso wie die biologische Artenvielfalt eine wertvolle Genbank darstellt, auf die die Menschen nicht verzichten können, stellt die sprachlich-ethnische Vielfalt einen unschätzbaren Wert an geistigen Traditionen und menschlichen Lebensanschauungen dar.
- Jeder Versuch, die ethnische und individuelle Vielfalt der Menschen auf Dauer zu unterbinden, ist sowieso zum Scheitern verurteilt (man denke an das Schicksal der Ex-Sowjetunion).
- Ethnie als Gruppenidentität hat mit der Identität des Einzelnen gemeinsam, daß es sich in beiden Fällen in Wirklichkeit um heterogene, komplexe Begriffe handelt, die allzugerne so gehandhabt werden, als wären sie eigentliche, homogene Größen. Die eigentliche Heterogenität der Begriffe Identität und Ethnie läßt sich am Beispiel der sprachlichen Komponente des ethnischen Bündels überzeugend darstellen.
In der Sprache manifestiert sich sowohl der universelle als auch der gruppenspezifische und individuelle Aspekt des menschlichen Daseins. Einerseits ist die Sprache im Sinne der "faculte du langage" allen gemeinsam und "sui generis". Sie gehört zu den wesentlichen Merkmalen des "homo sapiens", sie ist der wichtigste Faktor in der Koordinierung des menschlichen Zusammenlebens und sie vermittelt die universellen Aspekte der menschlichen Kultur. Andererseits gehört die sprachliche Verschiedenheit zu den häufigsten und charakteristischesten Merkmalen der ethnischen Abgrenzung, und zwar nicht nur als Vermittler ethnischen Gedankenguts, sondern vor allem durch die symbolische Kraft der Wahl einer spezifischen Sprache und den Einsatz dieser und keiner anderen Sprache in solidaritätsstiftender und -festigender Funktion innerhalb der ethnischen Gruppe.
Es lohnt sich, diese außerordentlich starke symbolische Funktion der Sprachwahl unter den Merkmalen, die eine Ethnie konstituieren können, etwas näher zu betrachten. Es gibt zwar Ethnien, ja sogar Nationen und Staaten, die keine "eigene" Sprache haben. Aber sie sind untypisch, und über kurz oder lang tendieren sie dazu, für sie charakteristische sprachliche Merkmale zu entwickeln.
Die Engländer und Amerikaner, so sagt man, seien zwei Völker, die eine gemeinsame Sprache trennt. Interessant ist allerdings in diesem Zusammenhang, daß jemand, der aus Überzeugung oder politischer Überlegung eine natürliche Affinität der beiden Nationen geltend machen will, ganz bestimmt darauf hinweist, daß sie die "gleiche" Sprache sprechen und für ihn ist die Sprache Amerikas "Englisch". Betont patriotische Amerikaner nennen ihre Sprache "American" und neigen dazu, auf die Unterschiede zwischen der britischen und amerikanischen Variante hinzuweisen, während um Objektivität bemühte Sprachwissenschaftler die neutrale Bezeichnung "American English" wählen. Eng verbunden mit der Auffassung von Sprache als zentralem identitätsstiftendem Merkmal ist der Begriff "Muttersprache", "mother tongue", "langue maternelle", "madrelingua", usw. Es handelt sich um einen Begriff, der relativ unhinterfragt bei Laien und Linguisten in Verwendung steht, nicht zuletzt in der Sprachtheorie Chomskys, in der das Urteil des "native speakers" eine zentrale Rolle spielt. Wichtig ist hier, daß der "ideal native speaker" eine wohldefinierte und einzige Muttersprache spricht. Nicht zuletzt die Sprecher von Minderheitensprachen wissen aber ein Lied von der sprachlichen Vielfalt zu singen. Ist man nämlich dabei aus vielen Dialekten und individuellen Variationen zwecks Schaffung einer Schriftsprache eine Einheit herzustellen, versteht man, daß ein solcher Vorgang nur anhand von viel Willkür geschieht, wobei viel wertvolles Sprachgut verloren geht.
In Wirklichkeit ist auch das, was das Kind im Vorschulalter erwirbt, bloß in phonetisch-phonologischer Hinsicht eine relativ vollständige Kompetenz im Rahmen eines Soziolekts, in den seltensten Fällen handelt es sich hiebei um einen prestigereichen bzw. um den allerprestigereichsten Soziolekt (d.h. um die jeweilige Standardsprache). Ansonsten verfügt das Kind bei Schulbeginn höchstens über eine familiäre, meist als Kinderregister markierte Varietät des heterogenen sprachlichen Gesamtrepertoires, das es im Verlauf des weiteren Lebens (insbesondere was den Wortschatz anbelangt) langsam erweitern wird. Mit der eher homogenen Varietät hingegen, die in der Praxis eher als Prüfstein für die Kompetenz Chomskyscher Prägung dient, macht man im Regelfall erst in der Schule Bekanntschaft. Sie wird übrigens nicht nur induktiv, sondern auch präskriptiv erworben, d.h. sie wird u.a. auch präskriptiv gelehrt.
Die eigentliche sprachliche Kompetenz des erwachsenen Sprechers hat mehr mit einer gewissen Art von Mehrsprachigkeit zu tun, als mit dem konventionellen Begriff einer homogenen Muttersprache. Daß trotzdem bei dem Versuch, bewußt über sprachliche Zugehörigkeit und ehtnisch-kulturelle Identität zu denken, gerade die Vorstellung einer fiktiven, homogenen Muttersprache bei vielen Menschen eine so große Rolle spielt, ist psychologisch interessant. Wir wollen aber festhalten, daß es in Bezug auf die Identitätsfrage (überhaupt, aber wir beschränken uns auf die sprachliche und ethnische Identität) nur fließende Grenzen und komplexe Zuordnungen gibt. Das gilt für Grenzen zwischen Sprachen und Sprachvarianten, für interne sprachliche (z.B. grammatische) Kategorien, für die multiple Zugehörigkeit der Menschen zu verschiedenen, sich vielfach überschneidenden Sprachgemeinschaften und Kommunikationsnetzen und, "mutatis mutandis", für Grenzen und Zuordnungen im ethnisch-kulturellen Bereich: Ethnizität ist nicht homogen, sondern komplex. Das begreifen Minderheiten leicht. Jetzt müssen die Mehrheiten lernen, daß es auch für sie gilt.
Versucht man zwecks Schaffung einer Schriftsprache, aus vielen Dialekten eine Einheit herzustellen, geht wertvolles Sprachgut verloren.
Photo: Judit M. Horvath
ROMANO CENTRO Nr. 11, 12/1995
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