|
<
zurück | Romani
ROMA IN SCHWEDEN
von Lars Lindgren
In Schweden leben heute etwa 25.000 Roma. Sie sind zu verschiedenen Zeiten eingewandert. Heute erregen die um 1900 aus Rußland und in jüngster Zeit aus Osteuropa Zugezogenen die größte Aufmerksamkeit. Die Geschichte der Roma in Schweden geht aber bis in den Anfang des sechzehnten Jahrhunderts zurück. Bis 1809 gehörte Finnland zu Schweden, dort leben Roma seit drei Jahrhunderten, viele kommen heute nach Schweden, als Reisende (Travellers) waren sie immer Gegenstand öffentlichen Interesses und sind das bis heute geblieben.
Schon im siebzehnten Jahrhundert versuchte man Roma zu vertreiben. Im achzehnten Jahrhundert aber wurde von "tartare" oder "ziguener" als Handwerker oder Geschäftsleute berichtet, die Bürger kleinerer Städte oder angeworbene Soldaten waren. Viele Romagruppen sind aber auch damals als Händler herumgefahren, sie verkauften Körbe, Kupfer oder lebten von Wahrsagerei. In den folgenden Jahrhunderten verboten immer mehr Gesetze diese traditionellen Tätigkeiten der Roma. Fahrende wurden immer öfter wegen Landstreicherei zu Zwangsarbeit verurteilt. Das traditionelle Feilbieten von Glas oder Kupferwaren war nicht mehr erlaubt. Die Roma verproletarisierten deshalb zunehmend. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts gab es nur mehr wenige Reisende, die die traditionelle Lebensweise und die Romanessprache noch pflegten. Zwischen den beiden Weltkriegen diskutierten breite Kreise die sogenannte "Tattarfrage". Behörden und Universitäten befaßten sich, ähnlich wie in Deutschland, mit Rassenideologie und Sterilisierung wurde zum legitimierten Werkzeug. Etwa 8000 "tattare" wurden von der Polizei registriert und ständig überwacht. Die politisch geprägte Forschung deklarierte dann 1940/50, daß die Reisenden keiner anderen Rasse als die Schweden angehörten, sondern als soziale Randgruppe anzusehen seien. Ab dieser Zeit wurde dann nicht mehr aus rassischen, sondern im Namen der für alle geltenden Gesetze weiter sterilisiert.
In Folge der "Forschungsergebnisse" dieser Zeit hat der Staat auch nach dem Krieg versucht auf die Roma allgemeine Wohlfahrtsprinzipien anzuwenden. Ab 1950 ergab sich daraus eine negative Entwicklung: Kinder und Jugendliche wurden z.B. aus sozialen Gründen von der Familie getrennt. Dennoch gibt es bis heute Familien, die die alte Lebensweise aufrecht erhalten. Dieser Minderheit der weiterhin Reisenden wird aber jede Form der Anerkennung verweigert.
Die um 1900 eingewanderten Kelderasha wurden in Schweden durch ein Einwanderungsverbot für Roma, das bis 1954 in Kraft war, total isoliert. Als es ihnen sozial, ökonomisch und gesundheitlich äußerst schlecht ging, wurden sie 1970 zuerst in provisorische Lager und dann in Wohnungen eingewiesen. Die alten Gewerbe starben aus, nur noch wenige Händler arbeiteten, anstatt dessen entstand eine starke Abhängigkeit von sozialen Zuwendungen. Die Kultur der Roma wurde für überholt erklärt, die Roma wurden angewiesen sich durch Schule und Ausbildung an die moderne Gesellschaft anzupassen. Auch die aus Finnland und dem Kontinent eingewanderten Roma beeinflußten die Situation um 1970. Letztere waren Flüchtlinge oder Staatenlose. Auch sie wurden angehalten sich anzusiedeln und zu bilden, die Kultur der Roma wurde nun aber zunehmend berücksichtigt. Romani Chib fand Eingang in die Schulen, es wurden sogar einige Lehrmittel in Romanes gedruckt. Um 1985 aber fanden die Behörden bereits, daß diese Politik ergebnislos geblieben sei. Größere Schulschwierigkeiten, Kriminalität von Romajugendlichen und Konflikte mit "normalen" Schweden wurde ihnen vorgeworfen. Das oben beschriebene System wurde fallen gelassen, die Finanzierung guter Projekte eingestellt. Nun sind große neue Gruppen Roma aus Ex-Jugoslawien eingewandert, die Lage ist noch schwieriger geworden. Deklarationen zur Minderheitsfragen sind halbherzig und vage. Diskriminierung und Rassismus nimmt zu. Die ökonomisch schwierige Lage und die derzeit große Arbeitslosigkeit macht die Aussichten für Roma nicht besser.
Unter den Roma in Schweden nimmt die Angst vor der Zukunft zu. Alle wissen, daß Roma in ganz Europa zunehmend bedroht sind und sich auch die - oberflächlich betrachtet - gute Situation der Roma in Schweden verschlechtert. Ihre einzige Hoffnung setzen sie in die Roma-Vereine, die in Schweden gut zusammenarbeiten.
Die Vereine beschäftigen sich besonders mit Kindern und Jugendlichen, sie werden durch 'Nordiska Zigenarradet' koordiniert.
Lars Lindgren, selbst Rom, berichtet über die zunehmend schwierige Lage der Roma in Schweden. Hoffnung geben die Roma-Vereine, die dort gut zusammenarbeiten.
Photo: Judit M. Horvath
ROMANO CENTRO Nr. 10, 09/1995
|
|
 |
ROMANO CENTRO
2001
2000
1999
1998
1997
1996
1995
1994
1993
|
|