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EINE GESCHICHTE VOM GLÜCK
1. Teil
von Miša Nikolić
Es war einmal in alten Zeiten ein alter Rom, der hatte zwei Söhne. Aber er war schon sehr alt und krank. Eines Tages bemerkte er, daß sein Tod nahe war und darum rief er seine Söhne zu sich und sagte zu ihnen: "Hört, meine Kinder, ich habe nicht mehr viel Zeit, bis ich sterben muß, und darum habe ich euch zu mir gerufen, damit ich alles, was ich besitze, unter euch aufteilen kann." Also nahm der Alte alles, was er besaß, und teilte es genau, eine Hälfte gab er dem einen Sohn, die zweite dem anderen. Sein Geld, das Haus, die Felder und alles, was er hatte, teilte er genau in zwei Hälften. Dann starb der alte Rom.
Der ältere Bruder nahm sich bald darauf eine Frau, und alles lief gut für ihn. Er baute sein Haus aus und alles, was er auf den Feldern sähte, gedieh wunderbar: Getreide, Mais, Kartoffeln und Salat. Auf den Bäumen in seinem Garten wuchsen die besten Apfel, die schmackhaftesten Birnen und die schönsten und besten Zwetschken. Seine Schweine waren gut gemästet. Seine Pferde, seine Kühe und seine Hühner waren alle gesund und stark. Nach einem Jahr schenkte ihm der liebe Gott auch eine Tochter, und er taufte sie Milica.
Aber für seinen jüngeren Bruder Peter war das Leben seit dem Tod des Vaters sehr schlecht gelaufen. Weil es ihm so schlecht ging, war er gezwungen, alles, was er besaß, zu verkaufen, um leben zu können. Es blieben ihm nur die Felder und das halbe Haus, das ihm sein Vater vererbt hatte. Eines Tages in der Früh stand er auf und begann zu weinen. Er jammerte bei sich: "Mein Gott, was hast du mit mir gemacht? Meinem Bruder geht es so gut, daß er gar nicht weiß, was er mit seinem Reichtum und Wohlergehen anfangen soll! Und ich bin so verarmt, daß mir nichts geblieben ist, nicht einmal ein Polster, auf den ich meinem Kopf legen könnte, um zu schlafen! Jetzt muß ich auf der Erde schlafen und mich mit meinem zerrissenen Mantel zudecken."
Und er beschloß, sich aufzumachen und Gott zu suchen, damit er ihn fragen könne, warum er gerade ihm dieses Unglück beschert hatte. Am nächsten Tag packte er zusammen, nahm seine Tasche mit ein wenig Brot und Käse, die ihm seine Schwägerin gegeben hatte, und brach auf, um Gott zu suchen.
So ging er einen ganzen Tag und eine Nacht. Am Abend des zweiten Tages wurde er müde und schläfrig, er wollte irgendwohin, wo er schlafen und sich von dem langen Wegmarsch ausruhen konnte. Und als es bereits dunkel war, sah er ein Haus, in dem Licht war. Er klopfte an die Tür und bat um Einlaß. Ein junger Mann ließ ihn ins Haus. Nun, was sah Peter dort ? Er wunderte sich sehr über das, was er sah. In dem Haus waren noch zwei junge Burschen, am Ofen kochten sie in einem riesigen Topf das Abendessen. Dahinter saßen ein alter Mann und eine alte Frau auf der Erde. Als das Essen fertig war, stellten die drei Burschen den Topf auf den Tisch und begannen zu essen, aber so gierig wie hungrige Schweine. Die Knochen wiederum warfen sie den beiden Alten hinter dem Ofen zu, die sie nahmen und das aßen, was auf den Knochen übriggeblieben war. Als die Burschen alles gegessen hatten, was im Topf gewesen war, setzten sie sich hinunter und fragten Peter, wer er sei, woher käme und wohin er gehe.
Und so erzählte ihnen Peter seine Geschichte, was war und was ist, und sagte ihnen, er sei unterwegs, um Gott zu suchen und ihn zu fragen, warum er ihm ein solches Unglück beschert hatte. Er übernachtete diese Nacht bei ihnen und ging am nächsten Morgen weiter seines Weges. Aber der älteste der drei Burschen sagte zu ihm: "Peter, sei so gut, wenn du den lieben Gott triffst, vergiß nicht, ihn zu fragen, warum wir immer soviel essen müssen und doch nie satt werden." Darauf versprach Peter: "Ich werde nicht vergessen und den lieben Gott auch über eure Sorgen befragen."
... Er beschloß, sich aufzumachen und Gott zu suchen, damit er ihn fragen könne, warum er gerade ihm dieses Unglück beschert habe.
ROMANO CENTRO Nr. 09, 06/1995
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