|
<
zurück | Romani
AUGEN FÜR DIE ANDEREN
von Johann Baptist Metz
In Rom hat zu Pfingsten der IV. Internationale Kongreß über Zigeuner-Seelsorge im Vatikan getagt. Wir hoffen, daß sich die Bischöfe und Priester der bedrohten Lage der Roma vor allem in den osteuropäischen Ländern bewußt geworden sind, und haben aus diesem Anlaß den bekannten Universitätsprofessor DDr. Johann Baptist Metz, derzeit Institut für Philosophie an der Universität Wien um einen Beitrag für 'Romano Centro` gebeten. Wir danken ihm herzlich für seine Worte:
AUGEN FÜR DIE ANDEREN
Zur Aktualität zweier biblischer Imperative.
1."Aufwachen, die Augen öffnen": diese Aufforderung durchzieht alle biblischen Aussagen. Sie kann geradezu als kategorischer Imperativ der biblischen Traditionen gelten. Danach soll das Christentum dies sein: eine Schule des Sehens, des genauen Hinsehens, und der Glaube dies: eine Ausstattung der Menschen mit wachen Augen, mit Augen für die Anderen, die im vertrauten Gesichtskreis unsichtbar bleiben. Das Christentum wäre also weder eine besondere Art von Schläfrigkeit, wie sie das neutestamentliche Gleichnis von den zehn törichten Jungfrauen vorführt, noch ein blinder Seelenzauber. Es lehrte auch nicht - bei allem Respekt vor Buddha und fernöstlicher Spiritualität sei dies gesagt - eine Mystik der geschlossenen Augen, sondern eine Mystik der offenen Augen. Die Menschen werden in diesen biblischen Traditionen gekennzeichnet als solche, "die sehen und doch nicht sehen", und sie werden aufmerksam gemacht auf ihre kreatürlichen Narzißmen, auf ihre elementare Angst vor dem genauen Hinsehen, vor jenem Hinsehen, das sie ins Gesehene unentrinnbar verstrickt und sie nicht unschuldig passieren läßt.
"Sieh hin und du weißt", hat der Philosoph Hans Jonas einmal formuliert und das Sehen, die Augen für die Anderen zur Wurzel für eine Kultur der Empfindlichkeit wie für eine neue Art universalistischer Moral gemacht. Das "Gewissen" ist danach ein Wissen, das aus solchem Hinsehen stammt und ohne solches Hinsehen nicht ist, nicht ohne den Versuch, auch dem häßlichen Antlitz der Armut und den traum- und wunschlosen Augen der Unglücklichen standzuhalten. Was wir die Stimme unseres Gewissens nennen, ist unsere Antwort auf die Heimsuchung durch das fremde Antlitz.
2. "Du sollst Dir kein Bildnis machen": dieser biblische Imperativ warnt vor Vorurteilen, vor Projektionen, vor "Übertragungen". Warum eigentlich sind die fremden Anderen immer Störende? Warum ist das Verhältnis zu fremden Anderen so angstbesetzt? Warum gilt der Andere spontan als Gefahr, ja als Feind? Weil wir, so unterstellt diese biblische Verhaltensregel, nicht ihm, dem Anderen, begegnen, sondern unserem Bild von ihm und darin noch einmal uns selbst, also dem in uns, worin wir uns selbst fremd und unheimlich sind, unserer Selbstverfeindetheit. Fremdenhaß ist projezierter Selbsthaß, ist Selbstentlastung zu Lasten der fremden Anderen, sagt die Psychologie und wiederholt damit eine biblische Einsicht. Das biblische Bilderverbot warnt auch vor der Verwendung von Stereotypen, von Kollektivbegriffen, wie d i e Türken, d i e Slawen, gerade als ob wir in unserer jüngsten Geschichte nicht die tödliche Gewalt der vorverurteilten Stereotypen, die zerstörerische Macht der augenlosen Klischees erlebt hätten: d i e Juden, d i e "Zigeuner"... Das provozierendste biblische Gebot, das der Feindesliebe, will jedenfalls einschärfen: Selbst Feinde haben ein Antlitz, haben einen Namen. Und die fremden Anderen?
"Du sollst Dir kein Bildnis machen" - dieser biblische Imperativ macht auf eine wichtige Differenz aufmerksam: Nicht die fremden Anderen als solche sind das primäre Problem, sondern die Art, wie wir sie wahrnehmen. Nicht die kulturelle Vielfalt als solche erschreckt, sondern die Bilder, die wir uns von ihr machen und zitieren. Auf diese Differenz zu achten, gehört zur politischen Semantik unserer Tage.
... Nicht die kulturelle Vielfalt als solche erschreckt, sondern die Bilder, die wir uns von ihr machen und zitieren. Auf diese Differenz zu achten, gehört zur politischen Semantik unserer Tage.
Illustration: Gerhard Gepp
ROMANO CENTRO Nr. 09, 06/1995
|
|
 |
ROMANO CENTRO
2001
2000
1999
1998
1997
1996
1995
1994
1993
|
|