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DIE BRAUT WAR NICHT MEHR UNBERÜHRT
2. Teil
von Milorad Jevremović
Capariko und Capastari waren hungrig. Alle waren hungrig, denn sie hatten den ganzen Tag nichts gegessen, sie verheimlichten das aber, weil sie wußten, daß das Essen noch nicht fertig war und sie warten mußten, bis ihre Mutter das Essen gekocht hatte. Da hörten sie die schneidende Stimme ihres Vaters: "Hier werden wir überwintern. Entladet den Wagen und stellt das Zelt auf! Gebt dem Pferd Wasser und Getreide! Einer soll um Holz gehen!" Dies sagte der Vater und ging zu den Zelten, um die anderen Roma zu treffen. Wie immer brachen Capariko und Capastari auf, um Holz zu sammeln. Ein jeder von ihnen kam mit einem Bündel zurück, sie hatten sich nicht länger aufgehalten, als eine Person brauchen würde, um zwei, drei Zigaretten zu rauchen. Das Zelt war bereits aufgestellt, als sie zurückkamen, die Zeltstangen eingeschlagen.
Mîstêcalo, der älteste Bruder, band gerade die Zeltschnüre fest und schlug die Pflöcke in die Erde. Belovo, der Zweitälteste, zog einen Graben um den Zeltrand, damit das Regenwasser nicht in das Zelt eindringen konnte. Die Mutter, Lulugi, machte Feuer und stellte das Essen zum Kochen auf. Kaum hatten die beiden Brüder das Holz gebracht, schlichen sich Capariko und Capastari heimlich von Zelt zu Zelt. Sie zählten zehn Zigeunerzelte und erkannten viele der Roma. Unter ihnen befand sich auch ihr Cirvo (Pate), Mazgovo. Dann kehrten sie wieder zu ihrem Zelt zurück, um zu helfen. Hinter dem Zelt und hinter dem Ambos war ihr Pferd Jadrano angebunden, ein alter Schimmel, blind und mager. Er war aber gutmütig und ruhig, gehorchte und zog den Wagen kräftig, ein jeder mochte ihn. Die fleißige Mutter räumte das Zelt auf, während das Essen kochte.
Dabei sagte sie: "Capastari, mach Feuer unter dem Kochtopf, damit das Essen kocht, denn wenn Jagdino kommt wird er uns alle verprügeln, wenn das Essen nicht fertig ist." Jagdino war der Vater. Er war ein angesehener, hoch geachteter Rom und stand sich gut mit allen. Die Zigeuner mochten ihn, sie liebten es mit ihm zu essen und zu trinken, denn er war ein fröhlicher Mann. Er sang und tanzte wunderbar und er liebte es Schnaps zu trinken. Oft ging er in die Gasthäuser und zahlte jedem Rom sein Essen und Trinken.
Im Zelt herrschten strenge Sitten, alle gehorchten dem Vater und fürchteten ihn auch. Er war nämlich sehr jähzornig. Kaum hatte die Mutter das Essen bereitet, eine Hühnersuppe, da kam auch schon der Vater mit drei Männern. "Bringt ihnen Schnaps und bewirtet diese Männer", sagte er. Die Mutter deckte vor dem Zelt den niedrigen Tisch. Sie legte jedem der Männer einen Polster zum Sitzen hin und servierte. Alle setzten sich und begannen zu sprechen. Die Kinder aßen im Zelt aus einer Schüssel. An Stelle von Brot gab es Maisfladen, die Luligi am Rost gebacken hatte. Die Männer blieben eine Zeitlang sitzen, dann ging ein jeder in sein Zelt. Darauf legte sich Jagdino mit seiner Familie schlafen. Capariko und Capastari richteten sich im Wagen ihr Lager. Die Nacht war schön und heiß. Der Vollmond leuchtete gerade über ihrem Kopf. Capastari begann die Sterne zu zählen: "eins, zwei, drei, vier ... ". Capariko erinnerte ihn: "Habe ich Dir nicht gesagt, das du die Sterne nicht zählen sollst, sonst könnten Dir Male auf den Händen und auf dem Gesicht wachsen". Darauf antwortet Capastari: "Ich zähle nicht viel und vier, fünf Male möchte ich ganz gerne haben, zwei beginnen mir schon zu wachsen." Der Vater schlief bereits, es war ruhig, man konnte das Pferd Getreide kauen hören und dann begannen auch die Frösche mit ihrem Konzert. Dabei übermannte auch die Beiden der Schlaf.
Ein neuer Tag brach an. Alle standen auf und bereiteten sich darauf vor ins Dorf zu gehen. Capariko und Capastari nahmen zwei Kessel, Zinn, Ammoniumchlorid und in einer Flasche auch Salzsäure und gingen in das nächste Dorf. Im Zelt blieb nur der Vater. Die Mutter, Mîstecalo und Belovo mit den Schwestern gingen in ein anderes Dorf. Capariko und Capastari schlenderten im Dorf umher, verkauften aber nichts, sondern gingen in das nächste Dorf weiter. Dort hatten sie mehr Glück. Sie trafen auf einen reichen Gadscho. Der hatte drei Häuser im Hof. Kaum hatten sie das Tor geöffnet, stürzten sich zwei große Hunde auf sie, und hätten sie beinahe angegriffen. Die Brüder wehrten sich mit den Kesseln. Zum Glück kam der Gadscho aus dem Haus und rief die Hunde zurück. Er kam auf sie zu und betrachtete die Kessel. Schnell kamen die beiden mit ihm ins Geschäft. Sie verkauften ihm zwei Kessel und bekamen auch noch zwei gute Kupferkessel mit, dazu gutes Geld, Hühner, einen gebackenen Laib Brot und eine Flasche Schnaps für ihren Vater. Glücklich über das gute Geschäft machten sie sich wieder auf zum Zelt...
Jagdino war ein angesehener, hoch geachteter Rom und stand sich gut mit allen. Die Zigeuner liebten es mit ihm zu essen und zu trinken, denn er war ein fröhlicher Mann.
Photo: Horvath M. Judit
ROMANO CENTRO Nr. 08, 03/1995
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