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DIE BRAUT WAR NICHT MEHR UNBERÜHRT
(1.Teil)
Kapitel aus dem Roman "Die Sonne der Roma ist weit weg" von Milorad Jevremović (l. Preis)
Es liegt nicht sehr lange zurück, in der Zeit der Züge, der Autos, der Radioapparate, in der Zeit, als kluge Leute schon die ersten Fernseher bauten, in dieser Zeit lebten zwei Brüder: Capariko und Capastari. Ihre Eltern waren Kesselschmied-Zigeuner und daher waren auch die beiden Zigeuner, auch wenn ihnen das nicht recht war. Sie hatten noch Brüder und Schwestern, ältere und jüngere. Von ihnen unterschieden sich die beiden dadurch, daß sie keine Zigeuner sein wollten. Zu ihrem Unglück konnten sie daran aber nichts ändern. Also fügten sie sich in ihr Schicksal und nahmen das Zigeunerleben hin - denn wo fällt die Birne hin, wenn nicht unter den Birnbaum. Schon als Kinder waren sie gemeinsam den Problemen ausgesetzt, die die unglücklichen Zigeuner immer wieder verfolgen, der Armut und dem Unrecht, das ihnen die Gadsche zufügten. Weder liebten noch wollten die Gadsche die Roma. Sie schlugen sie, quälten sie und vertrieben sie aus ihren Dörfern und Städten. Es waren schwere Zeiten für die Roma, aber Capariko und Capastari konnten keinen Frieden finden. Sie machten sich auf einen weiten Weg, der voll von Dornen war, um eine Sonne zu erreichen, die ihnen scheint und sie erwärmt, so wie sie auch den Gadsche leuchtet und sie wärmt. Aber wie ? Ihr werdet sehen!
Capariko war hübsch, ein richtiger Bursche, anders als Capastari. Er hatte einen schönen schwarzen Schnauzbart und schöne gewellte Haare, er kämmte sie nach oben, seine Koteletten waren lang, sie reichten bis zum Kinn. Auf dem Kopf trug er einen schwarzen Hut. Man könnte sagen, daß er eitel war.
Capastari dagegen war klein, mager und hatte großen Augen, man nannte ihn auch "Buljavo". Er war vier, fünf Jahre jünger als Capariko. Wie alt sie waren, wußten sie selbst nicht, ihre Eltern behaupteten, daß Capariko vierzehn Jahre alt sei. Ihre Jugend war sehr schwer. Sie konnten nicht spielen wie die Kinder der Gadsche. Sie kannten nur ihre Arbeit und sie führten einen schweren Kampf um ihr Dasein. Man könnte sagen, daß sie mit der Fähigkeit aufwuchsen, auf sich allein gestellt zu sein und den Eltern zu helfen, die arme Zigeuner waren. Denn sie hatten weder viel Geld noch Golddukaten. Die beiden Brüder gingen in die Dörfer, verfertigten Kessel, Pfannen und Kannen und verkauften sie dort. Capariko verstand es, schöne Stücke zu schmieden. Er konnte phantastisch verzinnen und löten, er hämmerte wunderschöne Kupferstücke, seine Arbeiten waren wertvoll. Doch er konnte nicht ohne Capastari sein. Capastari half ihm bei der Arbeit, er betätigte den Blasbalg, bereitete die Feuerstelle, scheuerte die Eisenböden, machte das Locheisen, die Raspel, die Schlinge, den Meisel, den Trichter, Henkel und Griffe der Kessel, er bürstete die Kessel und ging mit seinem Bruder in die Dörfer. Die beiden hatten sich gerne, einer konnte nicht ohne den anderen sein ...
... Es war Sommerzeit. Capariko und Capastari waren mit ihren Eltern und den Brüdern und Schwestern in den Dörfern unterwegs. Ihr Wagen war nicht mehr neu. Oftmals hielten sie auf den Straßen, um die kaputten Räder zu reparieren. Nur ein Pferd zog den Wagen, und das war alt und blind. Dem Vater fiel es schwer, mit so einem Pferd zu reisen, aber er hatte kein besseres. Alle wollten ein besseres Pferd haben, aber sie hatten kein Geld, eines zu kaufen, denn der älteste Bruder mußte verheiratet werden, und um eine Hochzeit auszurichten, brauchte man viel Geld und viele Dukaten. Im Wagen hatten nicht alle Platz, denn sie waren viele Personen. Daher gingen zwei oder drei von ihnen zu Fuß, und wechselten sich später ab: Sie durften dann fahren und die, die gefahren waren, gingen zu Fuß. So wanderten sie von Dorf zu Dorf. Dort zerstreuten sie sich in alle Richtungen, um überall die ersten zu sein. Alles Geld, welches sie bekamen, gaben sie ihrem Vater.
Capariko und Capastari gingen immer gemeinsam. Sie hatten im Dorf viel Glück: löteten, verzinnten Töpfe und verkauften eiserne und kupferne Kessel. Sie verdienten gutes Geld und besorgten Essen und Getreide für das Pferd. Eines Tages zogen sie durch eine Ebene. Der Tag war schön und sonnig. Während der Vater das Pferd lenkte, das vom langen Weg schon ermüdet war, betrachteten Capariko und Capastari die Gegend. Sie sahen die Pracht, die die Gadsche sich geschaffen hatten: Ihre Felder waren voll von Weizen, der wie Gold glänzte. Die Brüder kamen an schönen Häusern vorbei und dachten bei sich, wie gut es wäre, wenn ihr Vater solch ein Haus hätte, eine gute Wiese und einen herrlichen Hof. Wenn sie Kühe hätten, die Milch gäben, wenn sie Hühner hätten, die Eier legten, wenn sie Schweine, und damit Fleisch und Grammeln hätten. Wenn sie beide in die Schule gingen und gute Freunde hätten, würden sie mit ihnen über diese schönen Wiesen laufen und so laut schreien, so laut sie könnten, daß die ganze Welt sie hörte.
Weil sie dies alles aber nicht hatten, waren beide sehr unglücklich und traurig. Während sie so dachten, ging die Sonne langsam unter. Sie leuchtete nicht mehr und man konnte ihn sie hineinschauen. Sie war nun rot und klein. Irgendwie schien auch sie unglücklich und beschämt. Capariko und Capastari dachten, sie könnten sie erreichen und ergreifen. Sie bemerkten gar nicht, daß der Vater das Pferd an hielt. Er entfernte sich vom Wagen, kam aber schnell wieder zurück. Dann lenkte er den Wagen vom Weg ab und hielt an. Da bemerkten die Brüder den Rauch des Feuers und den wunderbaren Geruch von Essen. Die Nacht war gerade noch nicht angebrochen. Überall ringsumher sah man Zigeunerzelte und vor jedem Zelt eine Pirostija (einen Dreifuß). Auf jeder Pirostija war ein Topf, in dem das Essen kochte. (Fortsetzung folgt)
Das ist ein Kapitel aus einer wahren Geschichte. Sie erzählt vom Leben des Capariko und des Capastari. Ihr Lebensweg war mühsam, aber solche Wege hatten alle Roma auf dieser Welt zu beschreiten.
Photo: Horvath M. Judit
ROMANO CENTRO Nr. 07, 12/1994
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