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RASSISMUS
von Vaclav Havel
Rassismus ist ein großes Problem der heutigen Welt und besonders in unserem Staat. Ich muß sagen, ich habe große Sorgen, wenn mich verschiedene Nachrichten und Briefe über Rassismus und Xenophobie in unserer Gesellschaft erreichen. Meine persönliche Meinung ist, daß die tiefste Ursache dieser Phänomene darin liegt, daß sich der heutige moderne Mensch einsam fühlt. Das ist ein Phänomen der Zivilisation. Dem modernen Menschen fehlt die transzendentale Sicherheit. Er ist nicht verankert und fühlt über sich keine höhere Autorität, zu der er eine Beziehung haben und in der er sich sicher fühlen könnte. Besonders allein fühlt er sich in diesen großen Aglomerationen der heutigen Städte. Er sucht einen Weg zu dieser Sicherheit, und ein Ersatz für diesen Weg aus der eigenen Einsamkeit ist der Eintritt in eine Herde, in ein "Rudel". Er will ein Mitglied einer Gemeinschaft werden, die sich auffällig von anderen Gemeinschaften unterscheidet. Man muß sie auf den ersten Blick erkennen können. Damit ist dann auch die Abgrenzung gegenüber einer anderen Gemeinschaft verbunden, die deutlich z.B. durch Farbe der Haut oder die Sprache erkennbar ist. Das ist kein Akt von Heldentum, sondern von Feigheit.
Roma werden nie von einem einzigen Skinhead angegriffen, sondern immer von einer Gruppe. Ich weiß das sehr gut aus eigener Erfahrung im Gefängnis. Dort habe ich erlebt was für Grobheiten die Gefangenen Alten, Mindejährigen oder in irgendeiner Weise behinderten Mithäftlingen angetan haben. Immer aber haben sie das in der Gruppe gemacht. Wenn ich dann den Führer von solchen Gruppen zur Seite nahm, unter vier Augen mit ihm sprach und ihm sagte: "eigentlich bist du ein Feigling, du willst dich nur selber sicher machen. Damit, daß du einen Hilflosen niederdrückst, willst du dich davon überzeugen, daß du stark und perfekt bist und brauchst noch ein Rudel zur Hilfe", wenn ich so mit den Leuten sprach, haben sie mich begriffen. Wenn sie allein waren, konnte man mit ihnen reden.
Ich glaube diesen Mechanismus zu verstehen, aber man muß dagegen ankämpfen. Das ist eine sehr schwere und sehr komplizierte Aufgabe, nicht nur der Legislative, wo auch noch etwas geschehen müßte. Ich finde zum Beispiel, daß es ganz ausgeschlossen ist, daß sich jemand auf die Kneipe oder die Schwimmhalle einen Zettel hängt, der dieser oder jener Nationalität oder Ethnie den Eintritt untersagt. Das ist etwas, was man sofort verbieten sollte. Ich denke, die Behörde sollte das Recht haben, so eine Aktion mit 50.000 Kronen zu bestrafen. Wir sollten mehrere solche legislative und administrative Mittel haben. Aber das ist vielleicht noch nicht einmal das Wichtigste.
Das Wichtigste ist immer den Menschen zu erklären, daß sie so etwas selbst ins Unglück stürzt. Wir können das doch sehr deutlich in Bosnien sehen, am Ende leiden darunter die Täter. Man sollte auch erklären, daß man gegen alle Arten von Kriminalität vorgehen soll. Gegen Gemeinheit z.B., und man sollte individuell jeden Fall auf Basis der Rechtsordnung untersuchen und nicht gestatten, daß jemand das Recht selbst in die Hand nimmt, um sich von der eigenen Hilflosigkeit zu befreien.
Es ist historisch erwiesen, daß z.B. der Antisemitismus eine 1000-jährige Tradition hat. Im kollektiven Bewußtsein wird jemand als Prügelknabe genommen und die ganze Welt wirft alle Schuld auf diesen Prügelknaben und verfolgt ihn dafür. Im Grunde aber lokalisieren die Menschen in diesem Prügelknaben ihre eigenen Traumata, ihre Frustration und ihr Unglück. Weil sie nicht fähig sind ihre eigenen Fehler einzugestehen, müssen sie einen Sünder finden und zwar einen, den man auf den ersten Blick erkennen kann. Dann kann man sagen: "Ja, das ist der Schuldige", und sich berechtigt fühlen ihn in der Uberzeugung zu verfolgen, daß man für eine gute Sache kämpft.
Wer glaubt, daß es in der Welt keine Gesellschaft gibt, die diese Phänomene beseitigt hat, dem sei gesagt:
Nirgends auf der Welt sind die Menschen Engel und sie werden auch nicht so bald Engel werden, aber es gibt doch Gesellschaften, die mit systematischer Arbeit und Erziehung solche Phänomene auf ein Minimum reduziert haben. Wir haben Reserven.
Vaclav Havel
Präsident der tschechischen Republik
Auf unsere Bitte um einen Beitrag, hat uns Präsident Havel diesen Text geschickt, den er in der "Stunde des Präsidenten" im tschechischen Radio am 2.Oktober 1994 gesprochen hat.
Photo: Tomki Nemec
ROMANO CENTRO Nr. 07, 12/1994
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