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DIE ROMA UND DIE NEUE REGIERUNG IN UNGARN
von György Dalos
Im Frühjahr 1994 hatte ich die Möglichkeit, mit mehreren Zigeunerinnen und Zigeunern in Ungarn über politische Themen zu sprechen. Unter anderem habe ich gefragt, warum sie der damals gegründeten Zigeunerpartei (Cigány Párt) so wenig Unterstützung zusagten. Die Antwort war fast einmütig: sowieso haben die Sozialisten (einige meiner Gesprächspartner sagten sogar: die Kommunisten) die bessere Chance, und Hauptsache ist, die jetzige Regierung abzuwählen. Dann werden wir weitersehen, sagten sie. Mit ihrer Haltung waren die von mir angesprochenen Romaleute der allgemeinen ungarischen Mentalität sehr nahe. Sie haben mit ihren Stimmen. den Sozialisten und den Liberalen eine mehr als bequeme Mehrheit garantiert.
Die ungefähr eine halbe Million zählenden ungarischen Roma waren die Stiefkinder des "realen Sozialismus". Im Rahmen einer ohnehin geld- und phantasiearmen Sozialpolitik ließ man ihre größte Masse weit unter dem damaligen Existenzminimum leben. Durch Armut, fehlende Schulung, miserable Wohnverhältnisse und entsprechende Mentalhygiene blieben sie trotz einzelner erfolgreicher Individuen am Rand der Gesellschaft. Sie waren auch an den Rand gedrängt durch bürokratische Halbherzigkeit, Ablehnung ihrer autonomen kulturellen Entwicklung und in vielen Fällen durch Kriminalisierung. (Erinnern wir uns an die berüchtigten "Blaulicht"-Sendungen des ungarischen Fernsehens der siebziger-achziger Jahre, die immer wieder mit dem Bild des Verbrechers aus dem Roma-Milieu aufwarteten).
Trotzdem war bis zum Jahr 1989 ein Phänomen - die massenhafte Arbeitslosigkeit - auch den Zigeunern erspart geblieben. Es gab noch ein soziales Netz, das Hunderttausenden wenigstens das Vegetieren ermöglichte. Wie wichtig dies war, mußten die Betroffenen in den darauffolgenden Jahren einsehen.
In politischer Hinsicht bedeutete der Systemwechsel zunächst für alle Minderheiten die Chance sich zu organisieren. Für die ungarischen Roma bedeutete dies, daß sie zum ersten Mal in ihrer jahrhundertelangen Geschichte ihre Rechte wahrnehmen konnten, Interessenvertretungen und kulturelle Institutionen aufzubauen. Leider machten sie von dieser Möglichkeit nicht genügend Gebrauch. Das politische Leben der Zigeuner im heutigen Ungarn ist durch zahlreiche innere Spaltungen und Konflikte gekennzeichnet. Von den großen Parteien gab es keine, die sich voll hinter die spezifischen Interessen der Romabevölkerung gestellt hätte. Die Zigeunerfrage wird bestensfalls als eine soziale Unruhequelle betrachtet - ein Politiker sprach unlängst von einer "ethnischen Zeitbombe".
Gleichzeitig hat die Pluralisierung der Gesellschaft Ideologien und Emotionen freigesetzt, die geeignet waren, Angst unter den Roma zu schüren. Es erschienen die ersten Inschriften auf Hauswänden wie "zigeunerfreie Zone", man las von ersten offen romafeindlichen Äußerungen in der Presse. Und bereits im Jahre 1990 kam es zu den ersten Konflikten mit den Skinheads. Der neue Nationalismus operierte programmatisch. Der Rechtsradikale István Csurka durfte im August 1992 noch als Vizepräsident der stärksten Regierungspartei, öffentlich seine Ansichten und Absichten verkünden: "Wir können nicht weiter der Tatsache ausweichen, daß unser Verderben auch genetische Gründe hat. Die Gesellschaft muß jetzt die starken, lebensfähigen, zu Arbeit und Leistung organisierten Familien unterstützen."
Selbstverständlich galt diese rassentheoretisch fundierte Rethorik hauptsächlich den Roma, die neben den Juden, Liberalen, Kommunisten, der Weltbank und schließlich den Medien als Sündenböcke für die sozialen Mißstände dienen sollten. Zum Glück ging die Rechnung der Demagogen bei den Wahlen nicht auf. Die Gruppierung um István Csurka kam damit nicht ins Parlament.
In diesem Sommer war etwas bisher noch nie Dagewesenes geschehen: ein ganzes Abendprogramm des Ungarischen Fernsehens gehörte den Roma. Das völlig unerwartete Medienereignis fiel mit der fünfzigsten Jahreswende des Roma-Holocausts zusammen. Selbst das wurde neu thematisiert.
Einerseits wird politisch die neue sozialliberale Ära für Ungarns Zigeuner wahrscheinlich günstiger ausfallen als die ersten vier Jahre der neuen Demokratie. Weder Horns Sozialisten noch Petös Freie Demokraten können sich erlauben den Geist der Toleranz zu verleugnen, der sie von ihren Gegnern so vorteilhaft unterschied. Ungarn kann auf dem Weg nach Europa keinen Bogen um die Roma machen.
Andererseits, und darüber muß ohne Illusion gesprochen werden, sind diejenigen Restriktionen, die von der ökonomischen Situation diktiert werden, für die Romabevölkerung geradezu verheerend. Sowohl die Inflation als auch die Arbeitslosigkeit trifft vor allem die ärmsten Schichten und die am wenigsten entwickelten Teile des Landes - vor allem die von Zigeunern dicht bewohnten Komitate, sowie den Armutsgürtel um die Hauptstadt. Die Kürzungen im Bildungs- und Gesundheitswesen gefährden ebenso die bereits Gefährdeten. Was hier bestensfalls getan werden kann, ist Schadensbegrenzung. Alle Institutionen der Gesellschaft und die existentiell bedrohte Minderheit selbst müßten gemeinsam daran arbeiten, einen noch tieferen sozialen Absturz der Roma abzuwenden.
... diejenigen Restriktionen, die von der ökonomischen Situation diktiert werden, sind für die Romabevölkerung Ungarns geradezu verheerend ...
Photo: Horvath M. Judit
ROMANO CENTRO Nr. 06, 09/1994
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