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ROMA IN RUMÄNIEN
von Renata Erich
Wie angekündigt, berichten wir wieder über das Schicksal der Roma, diesmal in Rumänien, dem Land, in dem die meisten Roma leben. Ihre Situation ist äußerst bedroht.
In einem Appell an den rumänischen Staatspräsidenten wies Amnesty International zum Beispiel im Oktober auf das Versagen der rumänischen Behörden im siebenbürgischen Hadareni hin. Dort wurden am 20. September dieses Jahres bei rassistischen Unruhen 3 Menschen getötet und 17 Häuser zerstört. Mehr als 170 Roma mußten ihre Häuser verlassen. Bei einer Rauferei zwischen 8 Rumänen und 2 Roma wurde zuerst ein 22 jähriger Rom mit einer Heugabel verwundet und dann ein Rumäne getötet. Bald darauf sammelte sich eine Menschenmenge von 400 bis 500 Menschen rumänischer und ungarischer Herkunft und zündete das Haus an, in das sich die beiden Roma gerettet hatten.
Eine Polizeieskorte von etwa 45 Mann kam in das Dorf. Es heißt, daß sie den beiden Roma Handschellen angelegt hat, als sie dem Feuer entkommen wollten. Die Gadsche faßten sie dann und schlugen beide tot. Tatenlos sah die Polizei dem Gemetzel zu. Ein weiterer Rom starb in den Flammen. Dann brannte die Menge 13 Häuser von Roma nieder, die nichts mit der Rauferei zu tun hatten und zerstörte weitere 4. Dreieinhalb Stunden später kam die Feuerwehr nach Hadareni, wurde aber von der Menge und den Polizisten daran gehindert die Feuer zu löschen. Die Roma versteckten sich in den umliegenden Feldern. Viele getrauen sich bis heute nicht zurück ins Dorf, andere leben total zusammengepfercht in den wenigen nicht zerstörten Häusern.
Seit 1990 sind mehr als 20 solcher Vorfälle passiert, manchmal läutete der Mob wie im finstersten Mittelalter die Kirchenglocken zur Unterstützung der Jagd auf die Roma. Die ersten Pogrome erregten großes internationales Aufsehen, so daß z.B. in Kogalniceanu auch mit Hilfe des Zentralrates der deutschen Sinti und Roma manche Häuser wieder aufgebaut wurden, die juristische Verfolgung der Täter aber zieht sich überall hin, nur Roma werden sofort verurteilt. Das allein hat eine Art Beispielswirkung: passiert den Gadsche nichts, kommen immer mehr auf die Idee sich Probleme auf solche Weise vom Hals zu schaffen. Und große Probleme haben sehr viele Roma in Rumänien tatsächlich. Es ist ihnen im Laufe der Geschichte immer schlechter gegangen als allen anderen im Lande.
Im Westen des heutigen Rumänien, damals zur österreichisch-ungarischen Monarchie gehörig, war ihr Schicksal wechselhaft. Immerhin durften sie meist ihr Handwerk ausüben und viele pflegten ihre alten Traditionen. Trotzdem wurden ihnen, z.B. unter Maria Theresia, auch die Kinder weggenommen und Gadsche-Familien zur Erziehung übergeben. Im Osten und der Walachei wurden Roma Leibeigene, je nach den Bojaren, denen sie gehörten, gut oder sehr schlecht behandelt. Erst 1856 wurden sie freigelassen. Die Freiheit bedeutete auch den Entzug der Lebensgrundlage. Eine große Wanderwelle setzte damals ein. Bis in die 30er Jahre unseres Jahrhunderts begannen sich die Roma in Vereinen und Gewerkschaften langsam zu organisieren, veröffentlichten Zeitungen und sogar Bücher. Diese Aktivitäten hatten aber ein plötzliches Ende. Mit dem Faschismus begannen wieder einmal massive rassische Verfolgungen. Etwa 30.000 kamen in den Lagern Transnistriens um. Nie sind die wenigen Überlebenden entschädigt worden, bis heute wird ihr Schicksal totgeschwiegen.
Während der Herrschaft kommunistischer Diktatoren nach 1945 waren Roma zwar theoretisch gleichberechtigte Staatsbürger, praktisch kam das aber einer Zwangsassimilierung gleich. Ihre Wohnwagen wurden verbrannt, sie wurden in Neubauten umgesiedelt und zu Arbeiten gezwungen, die ihnen gar nicht entsprachen. Der Erfolg war, daß sie zum 'sozialen Problem' degradiert, überall benachteiligt und als ethnische Gruppe einfach totgeschwiegen wurden. Begreiflich, daß die Roma dann nach der Wende 1989 alle Hoffnungen in die Neugestaltung Rumäniens setzten. Nachweislich haben viele Roma, unbedankt, geholfen das rumänische Volk zu befreien. Schnell haben sie dann auf die neue Freiheit und die offenen Grenzen reagiert und Waren aus den umliegenden Ländern herbeigeschafft. Die Rumänen haben sie gerne gekauft, dann aber die Roma als 'Schleichhändler' beschimpft und verfolgt. Bald waren die 'Zigeuner' wieder einmal zu den Prügelknaben für alle Hoffnungen geworden, die nicht in Erfüllung gingen und sind es bis heute. Als erste haben sie in Rumänien die Arbeit verloren. Läßt sich ein Rom etwas zu Schulden kommen, wird sein ganzes Dorf verbrannt und auch anständige Roma-Familien werden vejagt. Die Behörden schauen meistens weg.
Manche Roma sind nach Deutschland gefahren und haben dort versucht Fuß zu fassen oder ein paar DM zu verdienen. Um sie wieder los zu werden, hat Deutschland Rumänien eine beachtliche Summe versprochen. Die bisher gezahlten DM sind nicht den Roma zugute gekommen, obzwar 80% der zurückgeschickten Staatsbürger Roma gewesen sein sollen.
Am dringendsten würden sie ausgebildete Lehrer benötigen, damit Kinder und Jugendliche nicht von vornherein schon in der Schule schlechtere Chancen haben als ihre Gadsche Kollegen. Jedenfalls aber brauchen wahrscheinlich über 2 Millionen Roma in Rumänien unsere Solidarität.
"Schon jetzt fühle ich mich alt, sehr alt. Manchmal denke ich, daß ich nie richtig gelebt habe, zumindest habe ich die leichten Seiten des Lebens niemals kennengelernt. Ich war noch nie im Kino oder in einer Disco, wie es sie hier bei uns gibt. . ." (23 Jahre alte Romni, aus "Die Roma. Hoffen auf ein Leben ohne Angst", RoRoRo)
Photos: Renata Erich, Paul Meissner
ROMANO CENTRO Nr. 03, 12/1993
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