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DIE HEXE
von Fazil-Humeroğlu, Rußland
In alten Zeiten gingen die Menschen durch die Dörfer und baten um Geld und Essen. Eines Tages waren zwei sehr arme Romnia zusammen unterwegs, die eine hatte ein kleines Kind auf dem Arm. Man gab ihnen zu essen, und da und dort hatten sie auch mit Wahrsagen ein wenig Geld verdient. Als es Abend wurde, schickten sie sich an nach Hause zu gehen.
Als sie zum Ende des Dorfes kamen, sahen sie plötzlich ein sehr feines, großes Haus. Ein vornehmes junges Mädchen kam heraus und lud die Mädchen ein hereinzukommen und ihr wahrzusagen. Dafür versprach sie ihnen viel Geld. Als sie in das Haus kamen, staunten sie über so viel Schätze, diese Gadschi (Nichtzigeunerin) war unermeßlich reich.
Die Romnia nahmen ihre Spielkarten und fingen an wahrzusagen. Nachher zog die Gadschi ihre Geldbörse heraus, belohnte die Romnia reichlich und sprach: "Wartet einen Moment, gleich kommt meine Freundin, ihr sollt auch ihr wahrsagen, sie will Euch viel Geld dafür geben".
Dann verließ sie das Zimmer und ließ die Romnia allein zurück. Sie warteten und warteten, aber keine Freundin kam. Draußen war bereits die Nacht hereingebrochen und, den beiden wurde langsam unheimlich. Sie begannen hin- und herzugehen, konnten aber die Hausfrau nicht finden. Schließlich öffnete eine der beiden eine Türe und schaute in ein dunkles Zimmer. Dort stand in der Mitte ein Sarg und drinnen lag die Hausfrau. Die Romnia erschraken zu Tode und eine von ihnen fiel in Ohnmacht, ihr Herz hörte fast zu schlagen auf. Vielleicht hatte aber Gott Erbarmen mit ihr, weil sie das Kind im Arm hatte, also geschah ihr nichts Böses und die beiden Romnia konnten das Haus verlassen.
Sie fingen an zu weinen und liefen so schnell sie ihre Beine trugen, ihr Haus war nämlich in einer anderen Siedlung. Auf dem Weg begegnete ihnen ein alter Mann, der seine Kühe von der Wiese heim trieb. Er fragte sie: "Warum weint ihr, was ist Euch denn geschehen?". Da erzählten die beiden, was ihnen zugestoßen war. Als sie dem Alten das Geld zeigen wollten, das sie verdient hatten, fand sich kein Geld, sondern nur Sand in ihrer Tasche. Da erzählte ihnen der Mann, daß bisher niemand, der dieses Haus betreten habe, lebendig wieder herausgeßkommen sei. "Vielleicht hatte Gott Mitleid mit Euch und Eurem Kind", sagte der Mann und empfahl den Romnia schnell heim zu gehen und das Haus nie wieder zu betreten, auch dann nicht, wenn ihnen viel Geld geboten würde.
Die Romnia eilten nach Hause. Eine Woche später starb eine von ihnen, vielleicht an der großen Angst, die sie ausgestanden hatten. Die andere mit dem Kind blieb am Leben, bis heute aber ist sie krank.
Vielleicht hat Gott Erbarmen mit ihr gehabt, weil sie ein Kind in Armen hatte, es geschah ihr nichts Böses und sie konnte das Hexenhaus wieder lebendig verlassen.
(Aufgezeichnet im Jahre 1993 von Vadim Toropov, erzählt von Fazil- Humeroğlu, 33 Jahre alt, im Dorf Natukhayevskaya in Rußland.)
Bild: Karla Woisnitza in den russischen Zigeunermärchen "Der Nachtvogel"
ROMANO CENTRO Nr. 03, 12/1993
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